Aus dem Achimer Kreisblatt vom 9. April 2009:

Verdens Gestapo-Chef nur ein Mitläufer?
Nur zwei politische Polizisten für zwei Kreise und viele Denunzianten / Historiker Dr. Woock referierte
Von Manfred Brodt

LANDKREIS . Die Geheime Staatspolizei (Gestapo), die politischen Polizisten mit den langen schwarzen Ledermänteln, sind für viele die Personifizierung des NS-Überwachungs-, Spitzel- und Terrorstaates. So war das Interesse auch groß, als der Verdener Geschichtslehrer Dr. Joachim Woock am Dienstagabend während einer Veranstaltung der Geschichtswerkstatt Achim im Achimer Hotel Gieschen über die Gestapo im Landkreis Verden referierte.
Dr. Woock räumte in seinem sehr differenzierten Vortrag wohl auch mit manchem Klischee auf. So überraschte es, dass die Gestapo in Großstädten personell gar nicht so üppig vertreten war und auch die Gestapo-Außenstelle Verden, zuständig für die Landkreise Verden und Rotenburg, nur aus zwei Beamten bestand.
Sie saßen an der Herrlichkeit 4 in Verden und waren zuständig für politische Gegner, Kirchen, Sekten, Juden, Zwangsarbeiter, Ausländer, Homosexuelle, Behinderte und alle, die sie "Asoziale" nannten.

Heinrich Seling

Heinrich Seling, der frühere Verdener Gestapo-Chef

Die Geheime Staatspolizei stützte sich auf die Amtshilfe der normalen Polizei und unzählige Zuträger aus der Bevölkerung, die mit Denunziationen Menschen in Schwierigkeiten bis zum Tode brachten, wie zum Beispiel die drei jungen polnischen Zwangsarbeiter, die wegen eines angeblichen Diebstahls im Daverdener Holz erhängt worden waren.
Die Gestapo in Verden befasste sich zum Beispiel damit, wenn eine Frau BBC, den "Feindsender", gehört hatte oder wenn es zu sexuellen Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern gekommen sein sollte.
Chef der Gestapo in Verden war ein gewisser Heinrich Seling, der wie auch sein Kollege in Verden und so viele andere über die normale Polizei- und Kriminalpolizei zur politischen Polizei des NS-Staates kam und erst 1937 der NSDAP beitrat.
Die Urteile, die Dr. Woock über den Verdener Gestapo-Chef gesammelt hat, kennzeichnen ihn nicht als Unmenschen, sondern zeigen ihn eher in einem günstigen Licht. So hat Dr. Woock selbst bei Überlebenden in der Ukraine nachrecherchiert, dass der Gestapo-Chef tatsächlich ukrainische Mädchen, die ein Freiheitslied gesungen hatten, vor dem Tod bewahrt hatte und dass er sich auch zugunsten eines Drehers verwandt hatte, der zur Arbeitssabotage aufgerufen und eine Drehbank mutwillig zerstört haben soll. Auch andere Opfer berichteten, dass er in Einzelfällen das Schlimmste für sie, den Weg ins Vernichtungslager abgewandt hatte.

Die Zuhörer

Dr. Joachim Woock referierte über die Gestapo im Landkreis Verden und fand viele interessierte Zuhörer. Foto: Brodt

Dass auch der damalige Verdener Oberstaatsanwalt sich für ihn verwandt hatte, überrascht nicht. Der Gestapo-Chef, der Oberstaatsanwalt und wenige andere sollen sogar einer "Untergrundbewegung" in Verden angehört haben, die sich allerdings erst wenige Wochen vor Kriegsende gebildet hatte und vordringlich sinnlose Zerstörung, zum Beispiel des Kraftwerks in Dörverden, vor dem heranrückenden "Feind" verhindern wollte.
Der Verdener Gestapo-Chef wurde nach dreijähriger Internierung nach Kriegsende bei der Entnazifizierung nur als Mitläufer eingestuft wie übrigens auch der stellvertretende Gauleiter Peper aus Fischerhude.
Der frühere Verdener Leiter der Gestapo versah dann in den 50er Jahren wieder ganz gewöhnlich seinen Polizeidienst in Verden und bekam auf seinen Antrag vom Regierungspräsidenten noch seine Beförderungen zugesprochen, die er sich in seiner Zeit der geheimen Staatspolizei erworben hatte.
Dr. Woock faszinierte vor der Geschichtswerkstatt Achim mit vielen Details und ist auch selbst immer wieder ergriffen, wenn er Neues erforscht und erfährt.
So hat er jetzt herausgefunden, dass noch 14 Tage vor Kriegsende ein junger Deserteur in Eckstever erschossen worden war.

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