Stadtgeschichte Achim

1972 schlossen sich die bis dahin selbständigen Gemeinden Baden, Bierden, Achim, Bollen, Uphusen, Uesen und Embsen zur neuen Stadt Achim zusammen und wurden zu Ortsteilen. Borstel war schon 1929 zu Achim gekommen.

Alle Achimer Orte haben eine lange Geschichte, die weit über ihre erste urkundliche Erwähnung hinausgeht, die dennoch als Geburststunde gilt.
So sind erstmals urkundlich erwähnt 1013 Baden als BOTEGUN, 1059 Bierden als BIRITHI,1091 Achim als ACHEIM, 1123 Bollen als BOLANDE, 1219 Uphusen, 128t Uesen als UESEN, 1294/97 Embsen als HEMESEN und 1384 Borstel als BORSTELE. Achim erlebte die Wirren der Welt und der Zeit, hatte dänische, schwedische, französische Zeiten, hatte auch „Besuch“ von den Kosaken, gehörte zum Königreich Hannover, kam mit ihm zu Preußen, war nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der britischen Besatzungszone, bis es dann Teil des neuen Bundeslands Niedersachsen wurde.

Mit über 30.000 Einwohnern ist Achim die größte Stadt im Landkreis Verden und das attraktive Mittelzentrum im Nordkreis. Sie liegt am Unterlauf der Weser und grenzt unmittelbar an den südöstlichen Stadtrand von Bremen – ihre Stadtgrenze ist gleichzeitig die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Bremen. Die heutige Stadt Achim setzt sich seit der Gebietsreform von 1972 aus den Ortsteilen Baden, Bierden, Bollen, Embsen, Uesen, Uphusen und der 1949 zur Stadt erklärten Gemeinde Achim zusammen.

In das Licht der Geschichte trat der Ort im Jahre 1091, als in einem Rechsstreit zwischen dem bremischen Erzbischoff Liemar und dem Hoyaer Adligen Gerhard von Stumpenhusen die „villa Acheim“ als Verhandlungsort in einer Urkunde genannt wurde, was gleichzeitig die erste urkundliche Erwähnung des Ortes bedeutete und letzlich Anlass wurde für die ein ganzes Jahr andauernden 900-Jahr-Feierlichkeiten im Jahre 1991.

Achim dürfte aber wesentlich älter sein und wohl auf eine fränkische Gründung etwa im 9. Jahrhundert in der Entfernungsmitte zwischen Bremen und Verden zurückgehen. Das ergibt sich schon allein daraus, daß der Ort über Jahrhunderte Zentrum des gleichnamigen Hundertschafts-, später Gohgerichts war.

Der Ortsname setzt sich aus den Bestandteilen „ach“ (indogermanisch ak, verwandt mit dem lateinischen aqua) mit der Bedeutung „Wasser“ und „heim“ mit der Bedeutung „Haus“ oder „Siedlung“ zusammen – eben Achim an der Weser, eventuell zu der Zeit sogar an der Mündung eines Allerarms in die Weser gelegen.

Wichtige zeitgeschichtliche Ereignisse und was in Achim passierte

772–804
Sachsenkriege Karls des Großen.
Der Frankenkönig Karl der Große unterwirft den Stamm der Sachsen und zwingt sie, Christen zu werden.

1012
Der Achimer Ortsteil Baden wird als BOTEGUN erstmals in einer Urkunde erwähnt.

1059
Der Achimer Ortsteil Bierden wird als BIRITHI genannt.

1091
Erste urkundliche Erwähnung Achims in der Form „ACHEIM“ als Verhandlungsort zwischen dem Erzbischof von Bremen und einem Hoyaer Adligen.
Vermutlich ist Achim schon seit sächsischer Zeit Versammlungsort eines Hundertschafts- / Gohgerichts für die „Goh zwischen Langwedel und Bremen“.

1123
Der Achimer Ortsteil Bollen wird als BOHLANDE in einer Urkunde genannt.

1164
Herzog Heinrich der Löwe zieht gegen Bremen und verwüstet die Umgebung.

1219
Der Achimer Ortsteil UPHUSEN wird in dieser Schreibung erwähnt.

1226
Der Landesherr, der Erzbischof von Bremen, läßt die Burg Langwedel erbauen und unterstellt das Gohgericht seinem Vogt in Langwedel.

1257
Ersterwähnung der Achimer St. Laurentius-Kirche. Teile des Baues könnten noch älter sein. Im 14. Jahrhundert wird das Flachdach der Kirche durch ein Gewölbedach ersetzt. In dieser Zeit wird die Kirche auch um die Kreuzflügel und die gotischen Fenster erweitert.

1287
Der Achimer Ortsteil Uesen wird als UUESEN urkundlich erwähnt.

1294
Der Achimer Ortsteil Embsen wird als HEMESE genannt.

1319
Während einer Fehde zwischen dem Bremer Erzbischof und dem Verdener Adel kommt es zu schweren Verwüstungen.

1381
Erneute Zerstörungen während der sogenannten „Junkerfehde“.

1384
Der Achimer Ortsteil Borstel wird als BORSTELE genannt.

Mitte des 15. Jahrhunderts
Der im Gohgericht ansässige Adelige Alverich Clüver wird von den Einwohnern gewählter Gohgrefe.
Das Gohgericht Achim löst sich von Langwedel.

1464
Alverich Clüver, erster gewählter Gohgrefe aus der Familie Clüver, stirbt.

1517
Die Reformation beginnt

1523, 1532
Achim ist Verhandlungsort zwischen dem Erzbischof Bremen und der Stadt Bremen.

1547
Truppendurchzüge während der Schmalkaldischen Kriege.

1559
Der erste protestantische Geistliche beginnt sein Wirken in Achim.

1573
Achim brennt bis auf wenige Häuser und die steinerne Kirche nieder.

1598
Der Gohgrefe Lüder Clüver läßt neben der Kirche eine Schule für das Kirchspiel erbauen. Das Kirchspiel Achim umfaßt folgende Orte: Achim, Baden, Bassen, Tüchten, Bierden, Bockhorst, Borstel, Embsen, Meyer- und Clüverdamm, Oyten, Oyterdamm, Sagehorn, Schaphusen und Uesen.

um 1600
Lüder Clüver beginnt, seinen Amtsbereich „Gohgericht Achim“ zu nennen.

1608
Eine regelmäßige Botenpost führt durch Achim.

1618–1648

Der Dreißigjährige Krieg

seit 1625
Vielfache Truppendurchzüge. Teile der Bevölkerung flüchten in das mauerumgebene Bremen.

1626
Wegen der Explosion eines Pulverwagens des Dänenkönigs Christian IV. brennt ganz Achim nieder. Ausgenommen bleibt wieder die Kirche.

1627
Gefecht um die Dänische Schanze bei den Bierdener Mehren. Katholische Ordenspriester versuchen, die Bevölkerung der katholischen Religion zurückzugewinnen.

1631
Die Rekatholisierungsbestrebungen enden mit dem Vorrücken schwedischer Truppen.

ab 1644
Schwedische Besatzung.

1648
Im Westfälischen Frieden fällt Achim mit den Herzogtümern Bremen und Verden an das Königreich Schweden
Das bis dahin durch freie Wahl der Eingesessenen besetzte Gohgrafenamt wird jetzt nur noch durch den schwedischen König verliehen. Der letzte Gohgraf aus dem Geschlecht der Clüver, Otto Clüver, wird abgesetzt.
Im gesamten Gohgericht leben zu dieser Zeit 650 Einwohner.

1658
Erste Postkutsche mit Halt in Achim. Die Poststation mit Ausspann befindet sich gegenüber der Einmündung der heutigen Bahnhofstraße in die Obernstraße.

1663
Fräulein Anna von Mandelsloh stiftet der Kirche 100 Taler. Dafür soll jährlich am Michaelistag Gott gedankt werden, daß eine Religionsänderung abgewandt wurde.

1675–1680
„Münstersche Zeit“. Soldaten des Bischofs von Münster verwüsten weite Teile des Gohgerichts. Schwedische Soldaten und Dorfbewohner retten sich in die Hünenburg und bleiben dort bis zum Abzug der Münsterschen Truppen.

1700– 1721
Der Nordische Krieg – fast aller angrenzender Staaten gegen Schweden.

um 1700
Pastor Willemer führt die heutige Schreibung des Ortsnamens „Achim“ ein.

1712
Dänische Besetzung der Herzogtümer Bremen und Verden. Zum letzten Mal gibt es einen Ausbruch der Pest in Achim.

1715
Der Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg/Hannover erwirbt die Herzogtümer durch Abfindungszahlungen an Dänemark und Schweden.

seit 1735
gibt es Ärzte in Achim.

1752
Ein Kram- und Viehmarkt für Achim wird genehmigt. Er geht vermutlich wegen des folgenden Krieges ein.

1757
Während des Siebenjährigen Krieges gibt es französische Truppendurchzüge und Einquartierungen.

1761
Der französische Oberkommandierende, Herzog von Broglio, nimmt Quartier in der Vicarienstraße.

1765
Der Kontributionseinnehmer Hartwich von Horn errichtet das Landratsamt.

Als zentraler Platz in der Innenstadt wurde der Landratsgarten nach 1945 zum Marktplatz umgestaltet. Hier entstand 1955 ein Verkehrspavillon, der aber zum Bau des neuen Rathauses wieder entfernt wurde.

1767
Erneut wird eine Marktkonzession erteilt. Ab jetzt gibt es regelmäßig Kram- und Viehmärkte in Achim.

1770
Das Gohgericht Achim wird der bremischen Intendantur des Kurfürsten von Hannover unterstellt.

1782
Der hannoversche Staat erwirbt das Amtshaus.

1789
Große französische Revolution.
Das Pforthaus wird als Gerichts- und Gefangenenhaus erbaut.

1791
Mit dem Tode des Intendanten und Gohgrefen von Danckwerth erlischt der Titel „Gohgrefe“.
Die Achimer Marsch, bis dahin gemeinsamer Besitz der vollberechtigten Bauern, wird in privateigene Einzelstücke aufgeteilt.

1801–1815
Napoleonische Kriege

1803
Auflösung der Bremer Intendantur. Das Gohgericht Achim wird wieder selbständige Verwaltungsbehörde.

1803–1806
Achim ist französisch besetzt.

1806
Das Kurfürstentum Hannover wird preußisch.

1806–1810
Achim ist französisch besetzt.

1810
Achim ist zuerst Teil des neu geschaffenen Königreichs Westfalen unter Napoleons Bruder Jerome. Im Dezember des Jahres gehört es zum Kaiserreich Frankreich.
Die erste Apotheke öffnet in Achim.

1811
Mit der Chaussee Bremen – Hamburg beginnt die Pflasterung von Straßen im Raum Achim.

1813
Gefecht zwischen Franzosen und russischen Kosaken an der Windmühle.
Im Dezember wird Achim wieder hannoversch, das Gohgericht wird wieder hergestellt.

1819
Das erste Dampfschiff fährt auf der Weser.

1821
Die Pflasterung der Chaussee Bremen – Verden beginnt.

1822
Letzte bekannte Folterung eines Verdächtigen im Pforthaus.

1830
Auch der restliche gemeinsame Besitz der Achimer Bauern an Wald, Moor und Heide wird in privateigene Einzelstücke aufgeteilt.
Um diese Zeit gibt es Ansiedlungen von Ziegeleien und Zieglern aus dem Lipperland in Achim.

1831
„Achimer Krieg“. Die Leinenzieher des Gohgerichts protestieren gegen den Pferdezug bei den Weserschiffen.

1834
Cholera-Epidemie.

1836
Statt der bisher jährlich wechselnden Bauermeister aus dem Kreise der Bauleute ohne Entgelt amtiert ein Bauermeister für acht Jahre gegen eine Entschädigung.

1847
Eröffnung der Eisenbahnlinie Bremen–Wunstorf. Achim erhält einen Bahnhof.

Im Jahre 1847 erreichte Achim mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Bremen–Wunstorf den Anschluß an das Industriezeitalter. Der Achimer Bahnhof hat sein grundlegendes Äußeres bis heute bewahrt. Erst am 1. Juli 1899 erhielt der Nachbarort Baden, heute ein Achimer Stadtteil, eine Eisenbahnhaltestelle, nachdem zahlreiche Badener Bürger entsprechende Petitionen an die „hochlöbliche Eisenbahn-Direction“ gerichtet hatten.

1849
Privatschulen in Achim als Vorläufer der Realschule.

1852
Trennung von Justiz und Verwaltung im Königreich Hannover. Aus dem Gohgericht wird das Amt Achim, die Rechtsprechung übernimmt das Amtsgericht.

1853
Weil das Königreich Hannover dem Deutschen Zollverein beitritt, die Stadt Bremen jedoch nicht, entsteht die erste Zigarrenfabrik „Dreyer und Pollius“ in Achim. Andere Fabrikanten folgen später.

1854
Der Gesangverein „Thalia“ wird gegründet.

1855
„Actiensparkasse für das Amt Achim“ als erstes Kreditinstitut, später umbenannt in Amtssparkasse, dann Kreissparkasse.

1857
Gründung des Achimer Schützenvereins.

1860
Gründung des Turnvereins zu Achim.

Etwa aus dem Jahre 1860 stammt diese Lithographie. Sie ist die älteste bekannte Ansicht des Ortes Achim. Von Westen her blickt man auf den Dünenzug mit den Häusern und der Kirche. Im Vordergrund liegt das noch unbebaute Dünenland des Vorbruchs und des Meyerholzes. Am linken Bildrand ist die 1798 erbaute Lohmühle zu sehen. Dahinter sind die Eisenbahn, der Bahnhof und einige Zigarrenfabriken zu erkennen. Vom rechten unteren Bildrand verläuft die Bremer Straße den Dünenrand entlang, an der Kirche vorbei in den Ort. Ganz rechts erblickt man das heutige Wahrzeichen Achims, die Weidenhöfersche Windmühle.

1864
Das Amtsgerichtsgebäude wird fertiggestellt.

1865
Bau der Synagoge in Achim.

1866
Preußisch-Österreichischer Krieg.
Preußen annektiert das Königreich Hannover.

1867
Die Stelle des Bauermeisters wird unter der Bezeichnung „Gemeindevorsteher“ hauptamtlich besetzt.

1870–1871
Deutsch-Französischer Krieg.
Das deutsche Kaiserreich entsteht.

1872
Aus Privatschulen geht die ebenfalls private, mehrklassige „Rectorschule“ mit eigenem Schulgebäude hervor.

1873
Das Achimer Schloß „Lindemanns Schloß“ wird erbaut. Es beherbergt heute die Kreismusikschule.

„Lindemanns Schloß“ nannten die alten Achimer das große 1873 errichtete Gebäude des Amtsgerichtsrats Lindemann. Kurz nach der Jahrhundertwende zerstörte ein Brand das Dach und einen Teil der Inneneinrichtung. Aus Sparsamkeitsgründen setzte man nun dem Gebäude ein Flachdach auf, das mit einer zinnenförmigen Mauerkante eingefaßt wurde. Nach mehreren Besitzwechseln ging das Schloß nach dem 2. Weltkrieg in den Besitz des Landkreises Verden über, der es nach grundlegender Änderung zur Landwirtschaftlichen Berufsschule bestimmte. Heute unterrichtet in dem Gebäude die Kreismusikschule.

1874
Der Achimer Zigarrenmacher L. Lingner vertritt Achim als Delegierter der Generalsversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Berlin. Ein Jahr später ist Lingner Delegierter auf dem Einigungskongreß der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha.

1875
Hannoversche Patrioten lassen, den Preußen zum Trotze, das Langensalza-Denkmal errichten. Es steht heute im Rathausgarten

1878
Nach Vorläufern erscheint das „Neue Wochenblatt für die Amtsbezirke Achim und Thedinghausen“, 1885 umbenannt in „Kreisblatt für den Kreis Achim“, 1912 in „Achimer Kreisblatt“.

1885
Durch eine preußische Kreisreform wird aus dem Amt der Kreis Achim, um Teile des alten Amtes Ottersberg erweitert.
Das Postgebäude am Bahnhof wird erbaut. Dort wird die erste mit Petroleum versorgte Straßenlaterne Achims installiert.

1887
Aus der „Vereinigung hilfsbereiter Frauen“ entsteht die DRK-Ortsgruppe Achim.

1888
Eröffnung der Flußbadeanstalt bei km 342,2 an der Weser. Sie wurde bis 1956 genutzt, mußte dann aber wegen zunehmender Wasserverschmutzung aufgegeben werden.

1889
Der Fernsprechverkehr mit öffentlichen Apparaten ist möglich.

1891
Gründung der Freiwilligen Feuerwehr.

1892
Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze wird in Achim der sozialdemokratische Wahlverein wieder gegründet.
Der Radfahr-Verein wird gegründet.
Die Cholera bricht aus.

1893/95/97
Die Weser ist so stark zugefroren, daß man sie mit Wagen überqueren kann.

1894
Die Marktschule wird gebaut.

1897
Vorführung „lebender Photographien (Kinomatograph)“ in Knoches Saal, später Hotel „Stadt Bremen“.

1899
Ein Verschönerungsverein wird gegründet. Der Kosakenberg wird bepflanzt, es werden Wege angelegt.

1900
Einführung von Gasbeleuchtung. Bau einer Azetylen-Gasanstalt in der Mühlenstraße neben der Weidenhöferschen Ziegelei. Straßenbeleuchtung und Hausversorgung.

1902
Die „Simonsbäckerei“ am Bahnhof nimmt ihren Betrieb auf.

Jenseits der Eisenbahnlinie links der Embser Landstraße liegt die Achimer Simonsbrotfabrik. Sie wurde 1902 als „Bremer Simonsbrot-Fabrik“ durch die Gebrüder Simons mit einem neuen Backverfahren gegründet. Nach einer weiteren Verbesserung des Backverfahrens wurde sie 1922 in „Achimer Simonsbrotfabrik Fritz Lieken GmbH“ umbenannt. Heute ist die Fabrik ein Produktionsstandort der Kamps AG.

1903
Die Zeitung berichtet von einem einsamen Auto, das durch Achim „raste“.

1904
Eine „Spielschule“ als Vorläufer der Kindergärten wird gegründet.

1910
Einführung von zweimaligen Wochenmärkten auf dem „Alten Marktplatz“, 1918 wieder eingestellt. Allmonatlich gibt es einen Schweinemarkt auf Gieschens Hof.
Am Bahnhof wird eine Gasanstalt gebaut, die Gasversorgung wird auf Kohlegas umgestellt.

1914–1918
Der Erste Weltkrieg.

1914
Gründung einer „Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“.

1915
Kriegsgefangene beginnen die Kolonisation Badenermoors.

1918
Deutschland wird Republik.
Ein Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt unter Leitung von August Räker die Macht in Achim.

1924
Nach Bemühungen seit 1914, die durch Krieg und Inflation unterbrochen wurden, gibt es elektrischen Strom in Achim.
Der Bootsverein Achim-Thedinghausen wird gegründet.

1926
Die Regierung anerkennt die „Gehobene Abteilung“ der Volksschule als Mittelschule.
Das Finanzamt wird gebaut, heute Kindergarten Achim-Mitte.

1927
Einweihung der Uesener Weserbrücke.

1928
Die Gemeinde Achim kauft ein Gebäude an der Obernstraße, daß bis 1993 als Rathaus dient.

1929
Das Dorf Borstel wird Teil der Gemeinde Achim.

1932
Im Zuge einer Verwaltungsreform verliert Achim den Kreissitz. Der Kreis Achim geht in dem größeren Kreis Verden auf. Die in Achim angesiedelten Behörden werden nach Verden überführt.
Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 erhalten in der Gemeinde Achim die NSDAP 1.058 Stimmen, die SPD 741, die KPD 200, die DNVP 278 und die Deutsch-Hannoversche Partei 119 Stimmen.

1933–1945
Hitlers III. Reich.

1933
Nach Hitlers Machtergreifung beginnt auch in Achim die Verfolgung jüdischer und antifaschistischer Mitbürger.
Am 8. Februar stören Nazis die Aufführung des Antikriegsfilms „Im Westen nichts Neues“ im Achimer Lichtspielhaus „Odeon“.

1937
Als letzte Behörde wird das Katasteramt von Achim nach Verden verlegt.
Im Juni veräußert die jüdische Familie Heilbronn ihr Textilgeschäft und emigriert nach England.

1938
Der preußische Staat tritt Hastedt, Hemelingen, Arbergen und Mahndorf an die Freie und Hansestadt Bremen ab.
Die Gemeinde Achim erwirbt Landratshaus und -garten vom Kreis Verden.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November wird die Achimer Synagoge zerstört.

1939–1945
Der Zweite Weltkrieg.

1943/1944
Bunkerbau im Landratsgarten, heute Standort des Rathauses.

1945
Im April wird die Weserbrücke gesprengt. Achim wird von britischen Truppen besetzt – das Ende der nationalsozialistischen Diktatur.

1945/48
Die Häuser Achims werden nach Straßen durchgehend numeriert.

1947
Die Gemeinde Achim erhält ihr heutiges Wappen.

1948
Ein Gemeindekrankenhaus entsteht in einer ehemaligen Lehrlingswerkstatt in Bierden.
Neueinführung von Wochenmärkten, zunächst auf dem „Alten Markt“, seit 1950 auf dem „Neuen Markt“.

1949
Achim erhält das Stadtrecht.

1949
Bundesrepublik Deutschland.

Die vom Niedersächsischen Minister des Innern unterschriebene Stadturkunde Achims vom 11.04.1949.

1950/55
Aus dem Landratsgarten wird der Marktplatz, heute Standort des Rathauses.

1951
Die wiederhergestellte Uesener Weserbrücke wird eingeweiht.

1952
Die Mittelschule bekommt am Paulsberg ein eigenes Gebäude.

1955
Die katholische Kirche in der Meislahnstraße ist fertiggestellt.

1956
Alle Viehmärkte werden wegen mangelnden Auftriebs eingestellt.

1959
Der Bau der Autobahn Bremen – Walsroder Dreieck beginnt. Sie wird 1964 dem Verkehr übergeben.

1961
Die Mittelschule/Realschule bezieht das neue Gebäude im heutigen Schulzentrum.

1962
Das Freibad wird der Öffentlichkeit übergeben.

Ein Achimer Junge in den 60er Jahren

1967
Baubeginn im Industriegebiet Achim-Ost.

1971
Das Gymnasium Achim beginnt den Unterricht.

1972
Gebietszusammenschluß der Stadt Achim mit den Gemeinden Baden, Bierden, Bollen, Embsen, Uesen und Uphusen zur neuen Stadt Achim.

1976
Eröffnung des Clüverhauses nach umfangreicher Renovierung durch die Stadt Achim.
Abriß des alten Landratshauses.

1979
Einweihung des neuen Krankenhauses in Bierden.

1989
Achim wird „selbständige Stadt“.

1990
Die neue innerstädtische Umgehungsstraße „Am Schmiedeberg“ ist fertig. Sie stellt einen Meilenstein in der seit einiger Zeit angelaufenen Stadtsanierung dar und wird die neue Fußgängerzone in der Obernstraße ermöglichen.

1991
Achim feiert 900jähriges Bestehen.

1993
Die Stadtverwaltung nimmt ihre Arbeit im neuen Rathaus auf.

Lange Jahre war die Achimer Innenstadt beherrscht vom Autoverkehr, der sich durch die Obernstraße, die Hauptgeschäftsstraße, quälte. Nach der Realisierung der Umgehungsstraße wird die Achimer Innenstadt beherrscht vom Autoverkehr, der über diese Ausweichstrecke (meistens) fließt.
Aber es waren die Voraussetzungen geschaffen worden, für die Einrichtung der Achimer Fußgängerzone.
1992 fertiggestellt, ist sie seitdem ein beliebter Treffpunkt, Einkaufsmeile und Veranstaltungsort z.B. für den traditionellen Wochenmarkt und für das Achimer Stadtfest.

Die Fotos aus dem Jahr 1983 zeigen die alte Obernstraße der Stadt Achim.

Wappenbeschreibung

Gespaltener Schild, rechts auf rotem Grund ein nach links gekehrter silberner Kreuzbartschlüssel, links eine vom linken Schildrand ausgehende schwarze Bärenklaue auf silbernem Grund. (Nach der Verfügung der Bezirksregierung vom 31.03.1948; dabei ist zu beachten, daß nach den Regeln der Heraldik, der Wappenkunde, der Wappenschild vom Schildträger aus beschrieben wird.)

Wappenbegründung

Bei dem Achimer Wappen handelt es sich um eine um 1929 entworfene Kombination des Wappens des Erzstiftes Bremen mit dem Wappen der Adelsfamilie der Clüver, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert zehn Gohgrefen des Gohgerichts Achim stellte. Der „Bremer Schlüssel“ soll daran erinnern, daß Achim bis zum Jahre 1648, als es mit dem Herzogtum Bremen-Verden bis 1715 unter schwedische Herrschaft kam, zum Erzstift Bremen gehörte. Die schwarze Bärenklaue dagegen weist auf die eng mit dem Gohgericht und dem Orte Achim verbundenen Clüver hin und stammt aus dem Wappen der Edelherren von Stumpenhusen und ihrer Hoyer Nachfolger.
Doch wie kamen die Clüver an das Bärenklauenwappen? Neben den Adelsfamilien Schucke und Schlepegrell waren auch die Clüver Ministerialen bzw. Vasallen der Grafen von Hoya. Alle drei Adelsfamilien führten eine Bärenklaue in ihren Wappen, was wohl auf eine Brisure, eine Minderung des Wappenbildes des Dienstherrn mit seinen zwei Bärenklauen, hindeutet. Im Ministerialenverzeichnis des Verdener Rigistrum ecclesie werden die Familien Clüver, Schlepegrell und Schucke auf ein altes Geschlecht zurückgeführt, „de Clawen genandt. Heffen al dre gefort eyne barenclawen im schilde.“ Dabei dürften sich die Clüver besonders mit der Bärenklaue identifiziert haben, läßt sich doch möglicherweise ihr Name – zumindest vom Klang her – mit mhd. klawe-Klaue in Verbindung bringen.

Bereits im beginnenden 13. Jahrhundert führte Graf Heinrich I. von Hoya und von Stumpenhusen ein Siegel mit zwei Bärenklauen und der Legende SIGILLVM HENRICI DE STVMPENHVS. Somit dürften die Bärenklauen als Teil des redenden Wappens mit der Bedeutung Stumpen – als Stümpfe bezeichnet man bekanntlich abgetrennte Gliedmaßen – über die Clüver und über die Grafen von Hoya letztlich auf die Edelherren und Grafen von Stumpenhusen zurückgehen, deren Exponent Gerhard von Stumpenhusen Achim indirekt seine erste urkundliche Erwähnung verdankt. War er es doch, der durch seine Überfälle auf Besitzungen der Bremischen Kirche die Adelsversammlung im Jahre 1091 in der „villa Acheim“ verursachte.

Schlaglichter aus der Geschichte des Achimer Wappens

So. 30. Januar 2011 Di. 19. Oktober 2010
Di. 08. Februar 2011 So. 24. Oktober 2010
So. 20 Februar 2011 Di. 26. Oktober 2010
Di. 08. März 2011 Di. 21. Dezember 2010
So. 27. März 2011 10.00 Uhr, Haus Clüver
So. 15. Mai 2011 19.30 Uhr, Haus Clüver
29. Mai 2011 10.00 – 12.30 Uhr, Haus Clüver
Di. 25. Mai 2010 19.00 Uhr, Gieschens Hotel, Achim
So. 06. Juni 2010 10.00 – 12.30 Uhr, Haus Clüver
So. 01. August 2010 10.00 – 12.30 Uhr, Haus Clüver
So. 29. August 2010 11.00 Uhr, Treffen am Haus Clüverr Pfingstwiese, Festzelt der Pfingstwiese
So. 26. September 2010 19.00 Uhr, Gasthaus „Zur Alten Wasserburg“, Baden
Fr. 15. Oktober 2010 13.00 Uhr, Treffen am Haus Clüver
So. 17. Oktober 2010 12.15 Uhr (bis ca. 20.00 Uhr), Treffen am Haus Clüver

Die erste Achimer Windmühle wurde in der Zeit nach dem 30jährigen Krieg im Jahre 1651 erbaut. Über den neuen schwedischen Amtmann und Richter Willich Heinrich Fresen beantragten die Achimer Bauleute und Eingesessenen im Frühjahr 1651 den Mühlenbau, weil sie „zu ihrer höchsten Beschwerlichkeit während der kalten und bösen Winterszeit das liebe Brotkorn meistens auf dem Buckel zu den weit entfernten Örtern, wo man mahlen lassen konnte, tragen“ mußten.

Die alte Bockwindmühle von 1651

Gegen den Widerstand des von den neuen schwedischen Landesherren abgesetzten hiesigen Adels, insbesondere der jahrhundertelang das Gohgericht beherrschenden Adelsfamilie der Clüver, wurde der Mühlenbau durchgesetzt und durchgeführt. Auf dem heutigen Mühlengrundstück entstand so zunächst eine Bockwindmühle, deren ganzer Baukörper in den Wind gedreht werden konnte. Bis 1710 war die Familie Königsmarck bzw. deren Erben Eigentümer der Mühle, dann erwarb sie der Müller Hermann Meyer für 1.600 Reichsthaler. Im Jahre 1758 kam Johann Heinrich Weidenhöfer durch Einheirat in den Besitz der alten Bockwindmühle. Am 20. Februar 1760 stellte der Windmüller Johann Heinrich Weidenhöfer den Antrag, neben seiner alten Bockwindmühle eine neue Mühle zu bauen.

Die Achimer Windmühle im Jahre 1930

Bereits 1761 wurde der jetzige Galerieholländer fertiggestellt. Somit ist die heutige Achimer Windmühle die älteste der noch bestehenden Mühlen im Gebiet des ehemaligen Gohgerichts Achim.
Bis zum Jahr 1965, als der letzte Pächter Johann Meyer seinen Betrieb nach Embsen verlegte, betrieb die Familie Weidenhöfer selbst oder in Verpachtung den Mühlenbetrieb. Um den endgültigen Verfall zu verhindern, ging die Windmühle 1969 nach 221jähriger Weidenhöfer-Ära durch Kauf in den Besitz der Stadt Achim über.

(Text: Karlheinz Gerhold und Günter Schnakenberg, Achim – Ein Stadtspaziergang 1999)

Die Achimer Windmühle im Jahre 1906 mit der Dampfmühle von 1868

1651 Eine Bockwindmühle steht auf dem heutigen Mühlengrundstück, die im Laufe der Zeit verfällt.
1761 Neubau einer Holländer-Galerie-Windmühle an etwa derselben Stelle, einem erhöhten Geestrücken an der Wesermarsch – es entsteht die heutige Achimer Windmühle. Sie ist 29 m hoch, jeder der vier Flügel ist 11 m lang, die Spannweite beträgt also 22 m.
1912 Die Mühle wird mit einer „Windrose“ nachgerüstet. Hierdurch werden die Flügel selbsttätig in den Wind gestellt. Vorher mußte der Müller diesen Vorgang per Hand ausführen, und zwar mit Hilfe des sogenannten „Steerts“. Später wird noch ein Elektromotor eingebaut. Damit ist der Müller nicht mehr nur vom Wind abhängig.
1965 Die Mühle wird als Mahlwerk stillgelegt. In weiten Teilen des Landes beginnt das sogenannte „Mühlensterben“.
1969 Um die Windmühle als Baudenkmal zu erhalten wird sie gründlich restauriert. Seitdem wird sie vom „Verein zur Erhaltung der Achimer Windmühle e.V.“ liebevoll gepflegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute ist die Achimer Windmühle ein eindrucksvolles Wahrzeichen der Stadt und ein Zeugnis der Handwerkskunst vergangener Jahrhunderte.

   Die Achimer Windmühle im Jahr 1975

Das heutige Clüverhaus, ein typisch niedersächsisches Zweiständer-Fachwerkhaus, wurde, wie es der Balken über der „Grootdöör“ aussagt, im Jahre 1824 erbaut. Der ehemalige Bauernhof ist einer der 14 Bauhöfe, die zum größten Teil bis in das 20. Jahrhundert hinein bewirtschaftet wurden. Geschichtlich dürften diese Bauhöfe die ältesten Siedlungsstellen des Ortes sein und waren ursprünglich alle in der Nähe der Kirche angelegt. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in den letzten Krieg hinein besaß es die bäuerliche Familie Clüver – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Adelsfamilie, die schon im 17. Jahrhundert ausstarb.

Am 12. Dezember 1823 brannte das alte Haus ab, die dreijährige Tochter Margarethe des Baumanns Franz Clüver kam in den Flammen um. So wurde der Neubau von 1824 erforderlich.

Im Zuge vorbereitender Maßnahmen für die Stadtsanierung erwarb die Stadt Achim das immer mehr verfallende Haus und ließ es bis 1976 als Baudenkmal renovieren, um hier einen Teil Alt-Achims zu erhalten.

Heute gibt es im Clüverhaus im ehemaligen Fleet eine Vorhalle, im einstigen Wohnteil ein Kaminzimmer und eine Küche. Die frühere Diele ist zu einer Halle ausgestaltet, in der Ausstellungen gezeigt und Vorträge gehalten werden. Im Obergeschoß, dem ehemaligen Heuboden, ist die Wohnung der Hausmeisterin, sowie der Versammlungs- und Arbeitsraum des Heimatvereins und der Geschichtswerkstatt Achim untergebracht. Auf der ehemaligen Diele im Erdgeschoss befindet sich ein sehr beliebtes Café der Werkstatt der Behindertenwerkstatt der Stiftung Waldheim.

1652 Das Clüverhaus ist als Hofstelle eingetragen. Der Besitzer ist Ebert Keucken.
1736 Franz Clüver übernimmt die Hofstelle. Zu der Hofstelle gehören: 86 Morgen Land, das Wohnhaus, eine Scheune, ein Schafstall und ein Backhaus.
1784 Franz Clüver II übernimmt die Hofstelle. Da sie kein freier Besitz ist, sondern drei Gutsherrschaften nach Meierrecht untersteht, muß der Besitzer einen Meierzins zahlen: an die Königliche Kammer 13 Reichstaler, 13 Reichstaler an die Pfarre und an die Gutsherrschaft zu Borstel 9 Reichstaler. Die jährliche Steuer beträgt 3 Reichstaler und 2 Mariengroschen.
1803–1813 Napoleonische Kriege. Franz Clüver muß während dieser Zeit Soldaten und Pferde beherbergen und beköstigen.
1814 Franz Clüver II übergibt den verschuldeten Hof an seinen 29jährigen Sohn Franz Clüver III.
1823 Das Wohnhaus wird durch ein Feuer total vernichtet.
1824 Das jetzt restaurierte Haus wird gebaut.
um 1826 Das Clüverhaus wurde bisher unter der Haus- und Brandkassennummer 20 geführt und bekommt jetzt die Nummer 10.
1835 Franz Clüver III stirbt.
1836 Die Vormünder der Clüverschen Erben, Müller Weidenhöfer und Baumann Wichmann, verkaufen ein Nebengebäude und etwas Land an den Achimer „Schutzjuden“ Moses Jacob Alexander.
1837 Mit dem Geld aus dem Verkauf wird die Gutsherrschaft abgefunden. Der Hof ist somit freies Eigentum.
1863 Der Baumann Hinrich Claus verwaltet den Hof als Interimswirt für den minderjährigen Erben Franz Clüver IV. Ein Nebenhaus ist an den Kaufmann Wilhelm Schlüter vermietet.
1873 Franz Clüver IV übernimmt das väterliche Erbe. Er gehört zu den 25 Einwohnern Achims mit dem größten Eigentum.
1910 Franz Clüver V gehört zu der höchsten Steuerklasse, ist also einer der wohlhabensten Männer Achims.
1941 Der damalige Ortschronist notiert: „Im Dezember starb Franz Clüver. Es scheint, er sei der Letzte seines Geschlechtes.“.
1971 Die Stadt Achim erwirbt das Clüversche Anwesen und renoviert das Haus.
26.11.1976 Einweihung des Clüverhauses als „Haus der Bürger“. Im Obergeschoß ist die Stadtbücherei eingerichtet.
1989 Die Stadtbücherei zieht in das ehemalige Feuerwehrgebäude um. Den frei gewordenen Raum im Clüverhaus teilen sich die Geschichtswerkstatt und der Heimatverein Achim als Arbeits- und Versammlungsraum.
Bauermeister
Hinrich Puvogel um 1821
Hinrich Bischoff nach 1821
Johann Wichmann um 1835
Hinrich Mindermann um 1838
Gemeindevorsteher
Kothe um 1851
Thielbar um 1852–1865
Heinrich Chr. Metje 1867–1897
Diedrich Hentze 1897–1914
Hinrich Brüns (stellvertr.) 1914–1919
Ludwig Pape 1919–1925
Johann Brinkmann
(ab 1932 Bgm.)
1925–1945
Bürgermeister
(nach dem 2. WK)
Johann Gröffel 1945
Fritz Rübeck 1945–1946
Friedrich Grothen 1946–1959
Georg Osmers 1959–1968

Johann Gröffel

Am 22. April 1945 rollen englische Panzer in Achim ein und besetzen die Gemeinde, um den Nationalsozialismus zu zerschlagen und eine Demokratie aufzubauen. Bürgermeister Brinkmann steht am 31. März 1945 zum letzten Mal der Gemeinderatssitzung und am 4. Mai 1945 einer „Beratung über Beseitigung eingetretener Mißstände“ von 14 eingeladenen Gemeindeangehörigen vor.
Nach Brinkmanns Absetzung übernimmt am 23. Mai 1945 Johann (Hans) Gröffel den Vorsitz kommissarisch. Zum Ende des Jahres legt er das Amt aber bereits wieder nieder, da er das Amt des Landrats in Verden antritt.

Fritz Rübeck

An seine Stelle tritt am 27. Dezember der 1886 in Westup bei Lübbecke geborene Fritz Rübeck. Er hatte das Schlosserhandwerk in Arbergen erlernt und war dort als Geselle tätig, bis er nach Achim zieht, um 1920 als Geschäftsführer den Konsum in der Herbergstraße zu leiten. Seit 1924 gehört er dem Gemeindeausschuß an und ist bis 1946 Vorsitzender der Achimer SPD.
Im Januar 1946 wird Rübeck von den Engländern als kommissarischer Bürgermeister gebilligt.
Sechzehn Monate übt Rübeck das Amt kommissarisch aus, bis es am 15. September 1946 zu einer Neuwahl kommt.

Friedrich Grothen

Nach der Wahl stellt die Niedersächsische Landespartei (NLP) zehn von 18 Sitzen im Gemeinderat. Bei der Bürgermeisterwahl stimmen somit zehn für den NLP-Kandidaten Friedrich Grothen und nur sieben für Rübeck. Friedrich Grothen, am 7. Juni 1886 in Gifhorn geboren, kommt 1912 nach Achim und ist bis 1923 als Buchdrucker beim Achimer Kreisblatt tätig. Danach verbringt er ein Jahrzehnt in den USA. Von 1933 bis 1946 ist er wieder beim Achimer Kreisblatt beschäftigt. Nach dem 2. Weltkrieg wendet er sich der Kommunalpolitik zu und wird in den ersten Stadtrat entsandt. Mehrere Jahre ist er Abgeordneter im Kreistag.

Georg Osmers

Grothen erhält am 3.1.1959 auf dem Neujahrsempfang bei Ministerpräsident Hellwege das Bundesverdienstkreuz. Nachdem Grothen im Juli 1959 seine Rücktritt erklärt hat, wird Georg Osmers am 13. Juli zum neuen Bürgermeister gewählt. Der 1892 in Bassen geborene Osmers lebt seit 1933 als Landwirt in Achim. Im Stadtrat ist er seit 1950 vertreten. Er ist Mitglied der Deutschen Partei. 1961 kandidiert er für die bürgerliche Wahlgemeinschaft Achim.

Stadtdirektoren
Adolf Heußmann 1972–1981
Dr. Wilhelm Petri 1981–1992
Dr Wolfram Hellermann 1993–1999

Christoph Rippich 1968–1999 ehrenamtlicher -, 1999-2006 hauptamtlicher Bürgermeister,

ab 2006 Ehrenbürgermeister

Hauptamtliche Bürgermeister
Uwe Kellner 2006–2014
Rainer Ditzfeld ab 2014

Christoph Rippich

Seit 1968 übt Christoph Rippich das Amt des Bürgermeisters im Achim aus. Der in Waldenburg am 9. Mai 1938 geborene Rippich absolvierte in den Jahren 1955–1958 eine Verwaltungslehre in Bremen. Mit Beginn seiner Ausbildung ist er bis 1968 Jugendobmann in Achim. Mit 21 Jahren tritt er in die SPD ein. 1960 wird er Kreisjugendobmann und Lehrwart des Fußballkreises Verden. Seit 1965 ist Christoph Rippich Mitglied des Achimer Stadtrates. Zwei Jahre später übernimmt er für zehn Jahre den Vorsitz des SPD-Ortsvereins Achim. Von 1979 bis 1980 ist er Kreisvorsitzender der SPD und bis 1986 Vorsitzender des SPD-Bezirks Nord-Niedersachsen. 1982 wird er Mitglied des Niedersächsischen Landtags und seit 1986 ist er Landrat des Kreises Verden.

In seine Amtszeit fallen unter anderem die Gemeindereform, die Stadtsanierung und der Rathausneubau.

Von 1968 bis 1999 war er ehrenamtlicher und von 1999 bis 2006 hauptamtlicher Bürgermeister. Mit seiner Pensionierung ernannte die Stadt Achim ihn zum Ehrenbürgermeister.

Die ständigen Aufrufe der Geschichtswerkstatt und des Achimer Stadtarchivs, daß für die Regionalgeschichtsforschung bedeutsame im Privatbesitz befindliche Archivalien, Fotos und Artefakte und andere Objekte erhalten und aufbewahrt werden sollen und der Geschichtsforschung nutzbar gemacht werden sollen, haben erneut gefruchtet. Aktuell konnte aufgrund eines Hinweises eines Achimer Hauseigentümers ein interessanter Grabstein aus dem Jahre 1722 sicher gestellt werden, der als Türschwelle die Jahrzehnte überdauert hatte. Dabei handelt es sich um den Grabstein des am 19.4.1722 verstorbenen Achimer Gastwirts Johann Henrich Hörmann, der am 27.2.1681 geboren war und am 29.4.1710 die Gastwirtswitwe Margaretha Elisabeth Wichmann, geborene Schlüßing, heiratete.

Hörmann ist der Sohn des Amts-Vorbürgers Jürgen Hörmann aus Rethem, der eine Hausstelle innehatte, die der Grundherrschaft des Amtes Rethem unterstand.1)

Der Grabstein trägt ein Wappen mit einem Einhorn und folgende Inschrift, die die Daten der Eintragungen im Kirchenbuch der Achimer St. Laurentius-Kirche ergänzt:

„Anno 1681 DEN 27 FEBRUARY IST DER ERENVESTE U ACHTBARE JOHAN HINRICH HÖRMANN AUF DIESE WELT GEBOHREN UND ANNO 1722 DEN 19. APRILIS SEELIG IN SEINEN ERLÖSER ENTSCHLAFEN SEINES ALTERS 41. JAHR 51 TAGE.“

Der Grabstein aus dem Jahr 1722 wurde an der Ostseite der Achimer St. Laurentius-Kirche aufgestellt.
(Photo: Hartmut Nill)

Nach Recherchen von Stadtarchivar Günter Schnakenberg war Hörmann Gastwirt und betrieb die Poststation Achim.

Der Grabstein wurde auf Initiative der Geschichtswerkstatt und des Stadtarchivs sicher gestellt und soll in Absprache mit dem Kirchenvorstand bei der St. Laurentius-Kirche zusammen mit anderen alten erhaltenswerten Grabsteinen aufgestellt werden.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine Sensibilisierung der Bevölkerung ist, damit Objekte dieser Art gerettet werden und nicht unwiederbringlich vernichtet werden.

1)vgl. Brünecke, Werner/Gerhard, Gunther/Richter, Wilhelm: Das Erbregister des Amtes Rethem von 1669. Ein Dokument zur Geschichte des alten Amtes Rethem, seiner Dörfer, Höfe und Bauern. Walsrode 1992.

(Text: Karlheinz Gerhold)

Ab 1830
Ansiedlung von Ziegeleien in Achim und Umgebung

1847
Achim wird Eisenbahnhaltestelle.

1854
Das Königreich Hannover tritt dem Deutschen Zollverein bei. Für Bremer Zigarrenfabrikanten wird dadurch die Zigarrenproduktion im zollfreien hannoverschen Ausland, wie z.B. in Achim, preisgünstiger. Achim entwickelt sich zur Cigarrenmacherstadt. Die Bevölkerungszahlen nehmen durch die sich ansiedelnden Zigarrenmacher drastisch zu. Es wurde in Achim eine lokale Kranken- und Sterbekasse für Cigarren- und Tabak-Arbeiter gegründet.
Der Gesangverein „Thalia“ gründet sich 1854. Ihm folgen 1857 der Achimer Schützenverein und 1860 der Turnverein zu Achim. Politische und gewerkschaftliche Aktivitäten der Arbeiterschaft in Achim.

Ein neues Fabrikgebäude baute die Zigarren-Firma Bade und Burger um 1855 an der Paulsbergstraße/Ecke Philosophenweg. Hier wurden bis in die 30er Jahre Zigarren gefertigt. Dann zog die Kartonagenfabrik Gustav Stabernack hier ein. Später eröffnete die Fa. Max Grischow ein Möbelhaus in dem alten Fabrikgebäude. Heute steht hier nach Abbruch des alten Gebäudes ein Neubau (Bremer Straße 1).
Das Photo zeigt die Belegschaft und das Fabrikgebäude um 1900.
Zigarrenfabrik in Achim

1872–1875
Leopold Lingner, Zigarrenarbeiter in Achim, Leiter der Zahlstelle Achim des Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeitervereins, vertritt den sozialdemokratischen Achimer Arbeiterverein als Delegierter auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in Berlin (22. – 25. Mai 1872) und in Hannover (26. Mai – 5. Juni 1874) und auf dem Einigungsparteitag der Sozialdemokraten Deutschlands in Gotha (22. – 27. Mai 1875). Am 13. und 14. September 1874 findet der Norddeutsche Cigarrenarbeitertag in Achim unter Leitung Leopold Lingners als Präsidenten statt. Gefordert wurde eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Cigarrenarbeiter.

1878–1890
Durch Bismarcks Sozialistengesetz soll dei Organisationstätigkeit und Agitation der Sozialdemokraten unterdrückt werden.

29.09.1891
Der Arbeiter-Gesangverein „Vorwärts“ Achim wird gegründet. Im Juli 1929 zählt er 60 Mitglieder, Vorsitzender ist Karl Arndt.

30.07.1892
Der sozialdemokratische Wahlverein Achim wird gegründet. Bei der Reichstagswahl am 06.11.1932 erhält die SPD in Achim 741 Stimmen (NSDAP 1058, KPD 200, Zentrum 13, Deutschnationale Volkspartei 378, Deutsch-Hannoversche Partei 119).

1911
Streik und Aussperrung der Cigarren-Arbeiter in Achim.

1917
Auch in Achim spaltet sich an der Frage der Kriegskredite die Sozialdemokratie in Mehrheits- und unabhängige Sozialisten (USPD).

November 1918
In Achim übernimmt ein Arbeiter- und Soldatenrat unter Leitung des Zigarrenarbeiters August Räker die Ordnungsfunktionen.

Februar 1919
Auf Beschluß der Mitgliederversammlung des SPD-OV Achim wird eine Kommission gebildet, die eine Einigung mit der USPD anstreben soll. Der USPD wurde das 6. und 8. Mandat der SPD-Vorschlagsliste zur Gemeindewahl eingeräumt.

15.03.1919
Auf Antrag des Genossen Engelhardt wurde beschlossen, daß der Achimer Arbeiterrat sich mit dem Hemelinger Arbeiterrat in Verbindung setzen soll, um einen gemeinsamen Protest zu erheben gegen die Herabsetzung der Fett- und Fleischration.

15.01.1921
August Räker, Zigarrenarbeiter in Achim, Philosophenweg 489, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates, unterschreibt als Mitglied des Kreisausschusses des Kreises Achim das Notgeld.

25.01.1931
Otto Hörsing, Magdeburger Oberpräsident und Bundesführer des antifaschistischen Reichsbanners, weilte in Achim und hielt auf dem „Deutschen Abend“ der hiesigen Ortsgruppe des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold“ im Schützenhof eine Rede.

04.02.1932
Erste Kundgebung der antifaschistischen Eisernen Front in Achim: Mehrere hundert Menschen versammeln sich im Schützenhof und bekennen sich zum Kampf gegen das „wahnwitzige Dritte Reich des Landgendarmen Adolf Hitler“ und prophezeien, daß dem Nazispuk auch in Achim das Ende winkt.

18.02.1933
Gerhard von der Poll schlägt auf einer SPD-Mitgliederversammlung eine gemeinsame Liste mit den Kommunisten für die Gemeindewahl vor – der Vorschlag scheitert.

1933–1945
Während des Faschismus leisten in Achim Teile der Arbeiterschaft Widerstand gegen das III. Reich: Es werden antifaschistische Flugblätter verteilt, ein Kurierdienst zur Information der Arbeiter wird eingerichtet, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter werden mit Lebensmitteln versorgt, etc.

(Text: Karlheinz Gerhold)

(von Karlheinz Gerhold)

Teil I

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreicht die Industrialisierung Achim.

Ab 1830 siedeln sich im Raume Achim einige Ziegeleien an. Im Jahre 1847 wird die Eisenbahnstrecke Bremen-Hannover eröffnet. Damit findet Achim Anschluss ans Industriezeitalter. Seine Stadtwerdung verdankt Achim allerdings einem gänzlich andren Umstand. Ausgelöst wurde dieser Prozess und in seinem Gefolge die rapide Zunahme der Bevölkerungszahl durch den Beitritt des Königsreichs Hannover zum Deutschen Zollverein, der bereits seit dem 1.1.1834 bestand. Das Königreich Hannover und damit Achim schlossen sich dem Zollverein erst 1854 an. Achims große Nachbarstadt Bremen folgte jedoch erst im Jahre 1888, und zwar nach zähen und langwierigen Verhandlungen. Bis dahin nutzten die Bremer den Zollausschluss als Vorteil für den Export in alle Welt. Viele Produkte wurden daher nur für den eigenen Bremischen Bedarf oder den Export ins Ausland hergestellt. Das galt auch für Zigarren.

Mit dem Zollanschluss Hannovers zum 1.1.1854 wurde mit einem Male die Produktion der Zigarren – sei es in Heimarbeit oder in Fabriken – für die Bremer Zigarrenfabrikanten im Hannoverschen „Ausland“ – so auch in Achim – preisgünstiger.

Bereits 1853 gründeten Dreyer & Pollius die erste Fabrik in Achim.
1854 folgten weitere 3. Auf dem Höhepunkt der Produktion im Jahre 1914 gab es 19 Fabriken in Achim. Namen wie Rösner & Co., Beyer & Brockmann, Bade & Burger, Ballin, Müller & Wöltjen, Grone und Krudup prägten lange Zeit die Achimer Wirtschaftswelt. Von 1852 bis 1855 stieg die Einwohnerzahl Achims allein um 583 Personen auf 2280, im Jahre 1914 waren es 3700. Aus heutiger Sicht sind die Achimer Zigarrenarbeiter fraglos als Keimzelle der hiesigen Arbeiterbewegung zu bezeichnen. Mit dem Zustrom der Arbeitskräfte kam auch politische, gewerkschaftliche, kulturelle und sportliche Bewegung nach Achim. Die Zigarrenarbeiter prägten auch das gesellschaftliche Leben. Sie waren beteiligt an den Gründungen der ältesten Achimer Vereine: Gesangverein „Thalia“ (1854), Schützenverein (1857), Turnverein (1860), Turnverein „Gut Heil“ Achim (1867).

Auch war das politische und soziale Engagement der Zigarrenarbeiter bemerkenswert. Zigarrenarbeitervereine, deren obersten Ziel das moralische und materielle Wohl der vereinigten Arbeiter war, gab es bereits vor 1850. Sie hatten sich 1848 in Berlin als „Association der Cigarrenarbeiter Deutschlands“ zusammengeschlossen und 1000 Mitglieder in 40 Orten. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Regierungen scharf gegen Organisatiosversuche der Arbeiterschaft vorgingen. So waren die Arbeitervereine mehrmals aufgelöst worden und konnten nur getarnt, z. B. als Gesangvereine, weiterarbeiten.

Zigarrenarbeiter waren es auch, die 1865 die erste deutsche Gewerkschaft, den Allgemeinen Deutschen Cigarenarbeiterverein (ADCAV) gründeten. Sie wurden damit die Pioniere der deutschen Gewerkschaftsbewegung. In Achim ist bereits für das Jahr 1854 eine „Kranken- und Sterbekaße für Cigarren und Tabaks Arbeiter“, die erste Achimer Krankenkasse, bezeugt, die 1884 in eine gesetzliche Pflichtversicherungskasse umgewandelt wurde. Vorsitzender war der Zigarrenfabrikant Gottlieb Behr aus der Paulsbergstraße. Daneben gab es als reine Selbsthilfeeinrichtung den „Hülfsverein vür verheiratete Cigarren und Tabakarbeiter“ in Achim, erstmals 1866 erwähnt und erst 1931 aufgelöst.

Praktisch von Anfang an dürfte es in Achim eine Ortsgruppe des ADCAV gegeben haben. Als Leiter der hiesigen Zahlstelle wird Leopold Lingner, die wohl herausragendste und schillernste Persönlichkeit der Achimer Arbeiterbewegung, genannt. Gustav Deckwitz, der Gründer des sozialdemokratischen Wahlvereins Bremen, berichtet 1866 im „Vereins-Theil“ des Social-Demokrat, der Zeitung der Lassalleaner, über die Gründung von Vereinigungen im Raum um Bremen. In diesem Zusammenhang schreibt er: „Außerdem sind Anfragen aus Vegesack und Achim an mich um Schriften eingegangen, aber leider sind augenblicklich unsere Kassenverhältnisse zu schwach, um Schriften beziehen zu können.“ Das bedeutet, dass es damals schon eine Achimer Arbeiterbewegung gab. Die Zigarrenarbeiter waren auch in Achim Vorkämpfer und Wegbereiter der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie, sozusagen die Urzelle der hiesigen Sozialdemokratie. „Der Botschafter“, Organ der deutschen Zigarrenarbeiter berichtet in seiner Ausgabe Nr. 10 vom 9. März 1867 über eine Versammlung des Zigarrenarbeitervereins in Achim. H. Möller unterzeichnete als Bevollmächtigter des Vereins diesen Artikel.

Achim gehörte schon 1866 diesem Verein an, wie aus einer Abrechnung von F.W. Fritzsche, dem Vorsitzenden dieses Vereins und Mitglied bei den Lassalleanern, vom 2.3.1867 hervorgeht. Im selben Jahr schrieb Fr.W. Seiler aus Achim gegen die Hausarbeit der Zigarrenarbeiter und für Associations-Fabriken. Der Genossenschaftsgedanke war damit auch in Achim aktuell.

Auch in Achim gab es eine Ortsgruppe des 1863 in Leipzig von Ferdinand Lassalle gegründeten „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), dessen Zielsetzung nicht in erster Linie gewerkschaftliche Forderungen, sondern allgemein politische waren, unter anderem die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts. So ist es auch im Artikel 1 des Status festgelegt:

Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein
Status § 1:
„Unter dem Namen „Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ begründen die Unterzeichneten für die Deutschen Bundesstaaten einen Verein, welcher, von der Überzeugung ausgehend, daß nur durch das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht eine genügende Vertretung der sozialen Interessen es Deutschen Arbeiterstandes und eine wahrhaftige Beseitigung der Klassengegensätze in der Gesellschaft herbeigeführt werden kann, den Zweck verfolgt, auf friedlichem und legalem Wege, insbesondere durch das Gewinnen der öffentlichen Überzeugung, für die Herstellung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu wirken.“

Der ADAV Achim gründete sich am 8. Juni 1868. Das ergibt sich aus einem Bericht im „Social-Demokrat“, der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung, vom 12.6.1868:

„Achim, 8. Juni. (Neue Ausbreitung des Vereins.) Das Lesen eines Exemplares des „Socialdemokrat“ erweckte unter den hiesigen Arbeitern zuerst das Bewußtsein ihrer Klassenlage. Dann begannen wir unermüdlich fort und fort zu agitieren und brachten es in diesem Quartal schon so weit, daß nun 5 Exemplare des Parteiorgans in unserem Kreise gehalten werden, durch welche die Erkenntnis sich immer weiter Bahn bricht. Heute Abend hielten wir dann unsere erste Versammlung ab. Dieselbe wurde von Herrn Hollmann und dem Unterzeichneten um 8 ½ Uhr eröffnet. Wir legten die Prinzipien des Vereins dar, sprachen über das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und forderten die Anwesenden zu einem einigen, festen Zusammenwirken und zum Eintritt in den Allg. deutsch. Arb.-Verein auf. Die Versammlung hatte ein sehr erfreuliches Resultat, indem sich 52 Arbeiter in die Vereinslisten einzeichneten. Alsdann wurde zum Bevollmächtigten der Schmiedemeister Herr Wilhelm Schomburg vorgeschlagen. Es wurden hierauf gewählt zum Schriftführer der Unterzeichnete, zum Cassirer Herr Heinrich Oetchen, zu Revisoren die Herren Krüger und J. Holste. Schließlich brachten die Versammelten Hochs auf den Allg. deutsch. Arb.-Verein und dessen Präsidenten Dr. H.B. v. Schweitzer aus. Nächsten Montag halten wir wieder eine öffentlicher Versammlung bei unserem Cassirer Herrn Gastwirth Oetchen ab.
Mit social-demokratischem Gruß und Handschlag
Alois Mechler, Schriftführer“

Auch im ADAV Achim sind die Zigarrenarbeiter die führenden Kräfte. Neben der politischen Arbeit, z.B. im Gemeindeausschuss, steht in dieser Anfangszeit der Arbeiterbewegung die solidarische gegenseitige Unterstützung der Arbeiter untereinander im Mittelpunkt der Tätigkeit vor Ort. L. Brandt war 1868 Bevollmächtigter des Zigarrenarbeitervereins in Achim. Conrad Meyer aus Achim spendete 14 Fr. 69 Cts. Für die ausgesperrten Seidenfärber und Bandweber in Basel, wie das Verzeichnis der vom Generalrat der Internationale eingeleiteten Sammlung vom 4. März 1869 ausweist. Conrad Meyer trat im Mai 1869 als Rechnungsführer des Komitees der streikenden Zigarrenarbeiter in Achim auf und war neben Leopold Lingner wohl die herausragende Persönlichkeit der Achimer Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts.

1868 wurde der ADAV Achim in die Generalversammlung des ADAV aufgenommen und dadurch Mitgliedsverband mit Stimmrecht.

38312 Achim
Samtgemeinde Oderwald
Landkreis Wolfenbüttel
360 Einwohner

Eine besondere Reise traten kürzlich die Achimer Heimatfreunde an: Sie unternahmen eine Fahrt in das gleichnamige Dorf Achim, das 20 Kilometer südlich von Wolfenbüttel an einer alten Heerstraße liegt. Das Achimer Kreisblatt berichtet: Achimer reisten nach Achim.

aus Anlass der Trennung von Rechtspflege und Verwaltung im Jahre 1852:
150 Jahre Amtsgericht Achim
(1852–2002)

Amtsgericht Achim um 1900

Von Norden kommend überschreiten die Sachsen im dritten Jahrhundert die Elbe und breiten sich in Nordwestdeutschland aus. Das Stammesgebiet wird in Gaue unterteilt. Die eingesessenen Hofinhaber wählen aus ihrer Mitte einen Gohgrefen und einen Vorsprecher sowie zwei Worthalter (Geschworene). Dreimal jährlich treffen sich die Freien zu einem
Gerichtstag und regeln gemeinsam alle rechtlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Eine solche Gerichtsstätte soll in Achim ein von einer mächtigen Linde überschatteter Steinsitz nahe der St.-Laurentius-Kirche auf der Lindenwurth gewesen sein.

Unter Karl dem Großen ändern sich die altsächsischen Gaue. Aus der Stiftungsurkunde des Hochstifts Bremen ergibt sich, dass zehn Gaue zu zwei Provinzen zusammengefasst und diese Provinzen „Wigmodia“ und „Lorgoe“ heißen. Zweifellos gehörte Achim zum Wigmodia-Gau, möglicherweise war Achim einer der zehn Gaue oder sogar der Sitz des Landtags der sächsischen Landschaft Engern.

Mit der beginnenden Herrschaft des Adels ändert sich die „Gerichtsverfassung“ der Gohgerichte. Von der „Jurisdiction des Gohgrefen“ ausgenommen waren seit dem 10. Jahrhundert die Geistlichen, alle Kirchenbediensteten sowie der grundbesitzende Adel. Für den Adel gab es im Gohgerichtsbezirk zwei sogenannte Patrimonialgerichte, eins in Sagehorn
und ein weiteres in Cluvenhagen. Zum Gohgericht Achim gehören die Kirchspiele Achim, Daverden und Mahndorf. Neben den bereits genannten Gerichten gab es weiter Holz- und Deichgerichte.

Um die Macht der Herzöge einzudämmen, stattete Kaiser Otto der Große Bischöfe und Erzbischöfe mit Sonderrechten aus. Erzbischof Adaldag von Hamburg-Bremen erhielt 937 und 965 die Gerichtsbarkeit seiner Besitzungen. Da Geistliche keine weltlichen Amtshandlungen vornehmen durften, ernannte der Erzbischof einen Vogt oder einen Grafen, der für ihn diese Amtsgeschäfte versah.

14.–16. Jahrhundert
Nach Streitereien des Erzbischofs zu Bremen – der um die Erweiterung seiner Landeshoheit bemüht war – und dem Domkapitel, dem eingesessenen Adel und der Stadt Bremen kommt es zu einem Kompromiss. Alverich Clüver wird Mitte des 15. Jahrhunderts Gohgrefe von Achim. Damit war das Gohgericht zunächst dem Einfluss der immer mächtiger werdenden Stadt Bremen entzogen.

Über mehrere Jahrhunderte stellen die Clüver fortan den Gohgrefen. Ab dem 16. Jahrhundert wird das Gohgericht im Volksmund „Clüvergericht“ genannt.

17. Jahrhundert
Erst Mitte des 17. Jahrhunderts werden die Clüver nach vielen Auseinandersetzungen mit weltlichen und geistlichen Herrschern von ihrer Vormachtstellung als Gohgrefe verdrängt.

Durch den Westfälischen Frieden von 1648 kommen die Herzogtümer Bremen und Verden in
schwedischen Besitz. Bereits am 03. Dezember 1646 setzt Königin Christine von Schweden Otto Clüver als Gohgrefen ab und überträgt das Amt dem schwedischen Generalkriegskommissar Peter Brandt, der allerdings bereits zu Beginn des Jahres 1648 verstirbt. Vergeblich klagt Otto Clüver gegen den Verlust seiner Grefenrechte vor dem höchsten schwedischen Gericht für deutsche Gebiete zu Wismar.

Der Gerneralgouverneur der Herzogtümer Bremen und Verden, Graf Hans Christopher von
Königsmarck, übernahm selbst das Amt des Gohgrefen. Königin Christine von Schweden verfügt am 01. Mai 1649 aufgrund der Verdienste Königmarcks die erbliche Gohgrefenwürde „bis zum Aussterben im Mannesstamm“. Allerdings segnete der letzte Königsmarck bereits in der Nacht des 01. Juli 1694 das Zeitliche, als er bei dem Versuch die hannoversche Kurprinzessin Sophie Dorothea aus dem Leineschloss zu entführen von Höflingen des
Kurprinzen ermordet wurde. Das Gohgericht Achim sowie die Ämter Rotenburg und Verden fielen an die Krone zurück. Der Schwedische König Karl XII. ernennt Christoph Heinrich von Weissenfels zum Gohgrefen.

Die Gohgrefen des Gohgerichts Achim ab 1646 im Überblick
1646–1648 Peter Brandt, Generalkriegskommissar
1647–1663 Hans Christopher Graf von Königsmarck , Generalgouverneur
1663–1672 Curt/Cord Christoper Graf von Königsmarck, Vizegouverneur und Generalmajor
1672–1686 Otto Wilhelm Graf von Königsmarck, Feldmarschall
1686–1694 Philipp Christoph Graf von Königsmarck
1695–1715 Christoph Heinrich von Weissenfels, königl. Schwed. Etatsrat in Bremen
1717–1769 Christian Friedrich von Weissenfels
1769–1791 von Danckwerth, Oberamtmann und Intendant

Nur selten hielten sich die Gohgrefen im Gohgericht auf. Die Verwaltung des Gohgerichts erfolgte durch Beauftragte. Die Clüverschen Gohgrefen hielten wie seit alters her, mehrmals jährlich auf der Lindenwurth Gericht. Die nunmehr beauftragten Beamten hielten in der Regel eimnal wöchentlich im Posthaus (Wichmannsches Haus) Gericht. Auch die Form der
Verhandlungen änderte sich. Nur noch die Parteien und Zeugen waren zugelassen. Der Beamte entschied allein den Rechtsstreit.

18. Jahrhundert
Im Jahre 1715 werden die Herzogtümer Bremen und Verden durch Verkauf an das Kurfürstentum von Hannover abgetreten. Die Achimer wurden Hannoveraner. Zu dieser Zeit ist Christian Friedrich von Weissenfels Gohgrefe in Achim, der nach 54 Dienstjahren 1773 in Achim stirbt. Sein Nachfolger ab 01. März 1769 wird Intendant von Danckwerth aus Bremen. Seit dem 20. Januar 1769 führt von Danckwerth die Titel Oberamtmann und Intendant.
Dr. Windel schreibt in seiner Chronik: Danckwerth ließ sich wöchentlich am Mittwoch durch Bauleute des Gohgerichts aus Bremen abholen in einer Kutsche, die so schwer war, dass kaum vier Pferde sie ziehen konnten. Donnerstags und freitags hielt er Gericht im Posthaus, sonnabends fuhr er wieder nach Bremen.

Von Danckwerth stirbt im Jahre 1791. Nach dessen Tode wurde der Gohgrafentitel nicht mehr geführt. Sein Nachfolger wird der erste Beamte Intendant Dr. Theodor Olbers. Es folgen während der Franzosenzeit Maire des Cantons Achim von der Decken und ab 1814 der Amtmann Heinrich August Wilhelm von Chüden.

Übersicht der Amtmänner des Amtes Achim
1792–1803 Intendant Dr. Theodor 0lbers
1803–1811 Maire des Cantons Achim von der Decken
1814–1815 Amtmann, später Oberamtmann Heinrich August Wilhelm von Chüden
1815–1819 Amtsassessor, später Amtmann Jordan
1819–1835 Amtsassessor, später Amtmann Erxleben
1835–1836 Amtmann Koch
1836–1854 Amtmann Meyer

19. und 20. Jahrhundert
Bereits 1792 erwarb die königliche Kammer zu Hannover das Gebäude des späteren Landratsamtes, um es als Amtshaus umzubauen. Das Pforthaus wurde 1789 als neues Gefängnis gebaut und im Jahre 1835 aufgestockt, fortan erfolgten die Gerichtsverhandlungen hier.

Wie überall in Deutschland hatte in Hannover die Revolution von 1848 das Bürgertum auf Kosten des Adels gestärkt. Zu den zentralen politischen Forderungen der Revolutionsbewegung gehörten die Einführung von Mündlichkeit und Öffentlichkeit als
Grundprinzipien des Verfahrensrechts und die Einrichtung von Schwurgerichten.

In den § 9 des Landesverfassungsgesetzes vom 05. September 1848 fanden die justizpolitischen Anliegen der 48er Bewegung Eingang.
„Die Gerichtsverfassung soll nach den Grundsätzen der Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung, der Aufhebung des bevorzugten Gerichtsstandes, der Mündlichkeit und Öffentlichkeit in bürgerlichen und peinlichen Sachen und der Einführung von Schwurgerichten im letzten gesetzlich geregelt werden“.
Am 08. November 1850 wurde das Gerichtsverfassungsgesetz verkündet, es trat aber erst 1852 in Kraft. Die lange Zeitspanne zwischen Verkündung und Inkrafttreten des Gesetzes erklärt sich aus der zögerlichen Haltung von Ernst August von Hannover. Erst nach seinem Tode am 18.11.1851 ordnet sein Nachfolger König Georg V. am 04. Mai 1852 das Inkrafttreten des Gesetzwerkes zum 01. Oktober 1852 an. Nach dem Verzeichnis der unteren
Verwaltungsbehörden und der Amtsgerichte umfasst das Amt Achim folgende Ortschaften:
Achim, Arbergen, Bierden, Bollen, Embsen, Hemelingen, Mahndorf, Meyer- und Clüverdamm,
Oyterdamm, Uesen, Uphusen, Baden, Bassen, Bockhorst, Borstel, Oyten, Sagehorn, Schaphusen, Giersdorf und Schanzendorf, Grasdorf, Hagen und Grinden; vom Amte Verden die Gemeinde Allerdorf und vom Amte Rotenburg die Bauernschaft Stellenfelde und Wümmingen. Die Weserinseln Wietsand und Korbinsel gehören nicht mehr zum
Amtsgerichtsbezirk.

Mit Verordnung über die Bildung der Amtsgerichte vom 30. September 1852 wird klargestellt, dass die dem Amte und Amtsgericht Verden beigelegten Bauernschaften Cluvenhagen, Daverden und Etelsen bei dem Amtsgericht Achim verbleiben.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass 1852 im Amt Ottersberg ein eigenes Amtsgericht eingerichtet wurde, das allerdings bereits 1859 aufgelöst wurde. Die Gemeinde Fischerhude und das Kirchspiel Otterstedt wurden dem Amtsgericht Achim zugelegt. Die restlichen Ortschaften gingen an das Amtsgericht Rotenburg oder Zeven.

Aufgrund der räumlichen Engpässe entschließt man sich 1862, an der östlichen Grenze des Landratsamtes ein Amtsgericht zu bauen. Im Jahre 1864 kann das Amtsgericht bezogen werden. Allerdings stehen der Justiz nur 1/3 der Räumlichkeiten zur Verfügung. 2/3 der Räumlichkeiten werden von der Verwaltung genutzt.

1879 wird der Gemeindebezirk Quelkhorn aus dem Amt Zeven dem Amtsgericht Achim zugelegt.

Das Landratsamt zieht 1927 aus dem Amtsgerichtsgebäude in das neue Kreisgebäude (heute
Kreissparkasse). Dafür zieht das Katasteramt in die freigewordenen Räumlichkeiten. Durch die Zusammenlegung der Katasterämter Verden und Achim in Verden, kann die Justiz ab 01.01.1938 das Amtsgerichtsgebäude alleine nutzen. Allerdings nicht für lange Zeit.
Mit Erlass über die Änderung von Gerichtsbezirken vom 09. Oktober 1942 werden die Gemeinden Hemelingen und Mahndorf der Stadt Bremen eingegliedert. Um das Jahr 1944 verliert das Amtsgericht Thedinghausen seine Selbständigkeit, es wird nunmehr vom Amtsgericht Achim mitverwaltet.

Aufgrund der Raumnot durch alliierte Luftangriffe auf Bremen werden im Oktober 1944 Teile der Landeshauptkasse Bremen in das Amtsgerichtsgebäude einquartiert. Es gibt technische Probleme, da der im Keller installierte Motor für die Buchungsmaschinen nicht verkabelt werden kann. Die notwendigen Kabel waren zu der damaligen Zeit nicht mehr zu beschaffen.

Das Amtsgericht ist im Jahre 1945 Luftschutzgebäude und Krankenhaus mit 12 Betten. Wie lange Gerichtsverhandlungen im Jahr 1945 noch stattgefunden haben ist nicht bekannt. Erst am 29. März 1946 wird das Amtsgericht wiedereröffnet. Mit Schreiben vom 14. September 1946 teilt der aufsichtführende Richter dem Landgerichtspräsidenten in Verden mit, dass zwar keine britischen Dienststellen das Gebäude nutzen, aber dass der Sitzungssaal, das Beratungszimmer sowie das Gerichtsgefängnis nach wie vor als Krankenhaus benutzt werden. Aus einem schriftlichen Bericht des Justizinspektors Peters ergibt sich, dass das Krankenhaus mit 60 Patienten belegt ist. Acht Diphtherie- und Scharlachfälle sind im Gerichtsgefängnis untergebracht. Lange konnten diese chaotischen Zustände aber nicht mehr angehalten haben.

Durch Gesetz über die Aufhebung der Amtsgerichte Coppenbrügge, Lutter am Barenberge und
Thedinghausen vom 21. Juli 1956 wird dem Amtsgericht Achim der Bezirk des bereits verwalteten Amtsgerichtsbezirk Thedinghausen zugelegt.

Mit Gesetz über die Organisation der ordentlichen Gerichte vom 16. Juli 1962 umfasst das Amtsgericht Achim folgende Gemeinden:
Aus dem Landkreis Verden: Achim, Baden, Bassen, Benkel, Bierden, Bockhorst, Bollen, Cluvenhagen, Daverden, Eckstever, Embsen, Etelsen, Fischerhude, Giersdorf-Schanzendorf, Grasdorf, Hagen-Grinden, Hintzendorf, Meyerdamm, Narthauen, Ottersberg, Otterstedt, Oyten, Oyterdamm, Quelkhorn, Sagehorn, Schaphusen, Uesen, Uphusen, Wümmingen.
Aus dem Landkreis Braunschweig: Ahsen-Oetzen, Bahlum, Dibbersen-Donnerstedt, Eißel,
Emtinghausen, Holtorf-Lunsen, Horstedt, Thedinghausen, Werder.

Mit dem Gesetz zur Neuregelung der Gerichte im Anschluss an die kommunale Gebietsreform vom 20. Februar 1974 werden die Gemeinden Cluvenhagen, Daverden und Etelsen dem Amtsgerichtsbezirk Verden zugelegt. Die Gemeinde Riede, früher Amtsgerichtsbezirk Syke, wird Achim zugelegt.

Bereits zu dieser Zeit herrscht im Amtsgericht große Raumnot. Mit Mietvertrag vom 27. September 1974 schließt das Land Niedersachsen (Justizverwaltung) mit dem Verwalter C.H. Marschhausen als Rechtsnachfolger der aufgelösten Fa. Rieke’s Honigkuchenfabrik Marschhausen & Rieke KG, Achim, einen Vertrag über die Nutzung der Räumlichkeiten in der Obernstr. 59/61. Diese Räume werden im September 1981 aufgegeben.

Es folgt ein Mietvertrag zwischen dem Land Niedersachsen (Justizverwaltung) und Frau Luise Hoppe über die Anmietung einer Zweigstelle des Amtsgerichts in der Bergstraße 1, Achim. In diesen Räumen verbleibt die Zweigstelle des Amtsgerichts bis 1993.

Nach Fertigstellung des neuen Rathauses in der Fußgängerzone steht das „alte Rathaus“ in der Obernstraße 75 leer. Die Stadt Achim vermietet dieses Gebäude sowie das Nebengebäude mit Mietvertrag zum 01. Oktober 1993 an die Justiz, die diese Gebäude auch heute noch als Nebenstelle I und II nutzt.

Der heutige Amtsgerichtsbezirk Achim hat eine Größe von ca. 382 qkm. Die Zahl der Gerichtseingesessenen ist von 18.692 im Jahre 1880 auf über 73.000 im Jahre 2001 gestiegen. Die vielfältigen Aufgaben des Amtsgerichts werden zurzeit unter Leitung der Direktorin Frau Sabine Reinicke mit 49 Beschäftigten bewältigt. Seit dem 01.01.2002 ist das Amtsgericht Achim zentrales Registergericht für die Bezirke Achim, Osterholz-Scharmbeck und Verden.

Stempel des Amtsgerichts Achim

Gedenkblatt Nr. 10/2002, herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Achim, Text: Bernd Hense, Repros: Karlheinz Gerhold, Achim 2002.

von
Hans-Jörg Eßler

Zum Wechsel des Jahrzehnts boomte in der Bundesrepublik die Wirtschaft, das war natürlich auch in Achim nicht anders. Der kurzzeitige Schock der „Borgwardpleite“ 1961 war schnell überwunden, die nicht unerhebliche Anzahl von Borgwardmitarbeitern aus Achim und Umgebung fand sehr schnell neue Beschäftigung. Der neue Wohlstand zeigte sich unter anderem auch im stark zunehmenden Autoverkehr, der es Anfang des Jahrzehnts sogar nötig machte, dass in Achim eine Ampelanlage mit Fußgängerüberwegen installiert werden musste.

An der Kreuzung Obernstraße, Photo Hoppe, Eckstrasse und Amtsgericht wurde eine Druckampel für Fußgänger sowie Kontaktschwellen in den Fahrbahnen der Eckstrasse und der gegenüberliegenden Einfahrt Feld-/Bergstrasse eingerichtet. Die Obernstraße bekam Dauergrün welches von Fußgängern durch Knopfdruck sowie Fahrzeugen, die die Kontaktschwellen befuhren, beeinflusst werden konnte. Leider erwiesen sich diese unglücklichen mechanischen Schwellen als ein Dauerärgernis, denn durch Schnee, Schmutz und andere Einflüsse wurden immer wieder Funktionsstörungen hervorgerufen so dass irgendwann auf ein anderes System umgestellt werden musste.

Der Neubau der Kaserne in Uesen wirkte sich positiv auf die Stadtentwicklung aus, kamen doch dadurch viele Neubürger in die Stadt. Teilweise blieben diese nur während der obligatorischen 18 Monate Wehrdienstzeit, es kam aber auch eine nicht unerhebliche Anzahl länger dienender Zeit-und Berufssoldaten mit ihren Familien, für die natürlich auch Wohnraum, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten geschaffen werden mussten. Die inzwischen längst unüblich gewordene Sitte des „Reserve hat Ruh“-Feierns erregte oder belustigte in den Sechzigern des öfteren die Achimer Bürger. Dann zogen nämlich die gerade entlassenen Wehrpflichtigen mit Strohhut und Spazierstock unter Absingen mehr oder weniger schöner Lieder von der Kaserne zum Bahnhof. Dabei wurde dann recht tief „ins Glas geschaut“, so dass es bei dem Marsch manchmal zu einigen Zwischenfällen kam. Es muss wohl einige Beschwerden gegeben haben, denn irgendwann marschierten die Reservisten unter „Bewachung“ uniformierter Kameraden in geschlossener Formation zum Bahnhof, so dass es dann friedlich blieb.

Auch andere Neuerungen des täglichen Lebens wurden nun auch dem staunenden Achimer Publikum angeboten, welches diese Dinge entweder noch gar nicht oder nur vom Hörensagen kannte. So boten die beiden bekanntesten Achimer Imbissbuden Didi Arndt und Arno Gail neuartige Bratkartoffeln, mit dem aufregend fremdartig klingenden Namen „Pommes Frites“ an und sogar gegrillte halbe Hähnchen wurden neben der althergebrachten Brat- oder Bockwurst feilgeboten. Auch ein „Diskontladen“, der alles nur aus Pappkartons zu ermäßigten Preisen verkaufte, eröffnete an der Embser Landstraße neben der Clüverstraße, er fand aber eher mäßigen Zuspruch, die Zeit für Aldi und Co. war noch nicht angebrochen. Man kaufte doch lieber bei Feinkost Sitz und / oder bei der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“, bei Schlachter Mindermann oder von Hoorn etc. Eine Neuerung der frühen sechziger Jahre fand aber sofort enormen Anklang, denn nicht nur die Achimer Damenwelt war entzückt, als auf der Obernstraße die italienische Eisdiele Serafin mit charmantem dunkelhaarigen Personal eröffnete, sondern auch die Jugend hatte nun einen Treffpunkt im gesamten Sommerhalbjahr.

In der Stadt wurde die Energieversorgung modernisiert, die letzten Straßenzüge wurden an die Trinkwasserversorgung angeschlossen, das Stadtgas wurde durch das Erdgas ersetzt und die oberirdischen Strom- und Telefonleitungen unter die Erdoberfläche verbannt.

Die beiden Achimer Lichtspieltheater Corso und Odeon erfreuten sich (noch) regen Zuspruchs, da auch das Fernsehen zu Beginn des Jahrzehnts noch lange nicht seinen Zenit erreicht hatte. Große Ereignisse hatte das Kino zur damaligen Zeit zu bieten: Es war die Zeit der Hollywood-Monumentalfilme wie Ben Hur, Spartacus etc., deren Spieldauer von mehr als drei Stunden den Kinobetreiber dazu veranlasste, in einer eigens eingerichteten Pause zur Stärkung des Publikums Schnittchen und Getränke zu reichen.
Gerade die sog. Skandalfilme, wie 1960 Fellinis „La Dolce Vita“ oder „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman 1963 entpuppten sich schnell als Publikumsmagneten.
Auch die Jugend wollte natürlich nur zu gerne an diesen „zweifelhaften und verbotenen“ Ereignissen teilhaben, wurde aber aufgrund der Einstufung solcher „Sittenfilme“ „FSK ab 18 Jahre“ in den wenigsten Fällen eingelassen.

Politisch blieb alles beim alten, strammer Antikommunismus war angesagt, spätestens nachdem am 13. August 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde. Dieses Ereignis wurde in der Realschule am Paulsberg, die ich zu der Zeit besuchte, ausführlichst diskutiert und erörtert. Die Empörung über die Tat der Machthaber in der „sowjetischen Besatzungszone“ (DDR durfte man damals um Gottes Willen nicht sagen) war in der Lehrerschaft groß, und wir damals 12 – 13-jährigen Schüler wurden natürlich auf diese Linie eingeschworen, insbesondere auch durch unseren damaligen Klassenlehrer Weblus, der auch Vorsitzender des „Kuratoriums unteilbares Deutschland“ und der Fachmann für Wiedervereinigungsfragen in der Stadt war. (Das Kuratorium war ein Zusammenschluss von führenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, die sich für das Wachhalten des Bemühens um Wiedervereinigung – ‚in Freiheit‘ – einsetzen wollten. Auf Vorschlag von Bundespräsident Heuss gab sich das Kuratorium den Namen ‚Unteilbares Deutschland‘. Es gründete Ortskuratorien, warb im Ausland für die Wiederherstellung der deutschen Einheit und versuchte auf privater wie öffentlicher Ebene, Brücken nach ‚drüben‘ zu bauen und zu erhalten. Im Gedächtnis geblieben sind die alljährlichen Aufforderungen, zu Silvester Kerzen in die Fenster zu stellen, die zur Einheit mahnen sollten. Die Vergeblichkeit seiner von Antikommunismus geprägten Tätigkeit brachte dem Kuratorium Spott als Vertreter eines ‚Unheilbaren Deutschlands‘ ein. Die Politik des Ausgleichs mit der DDR durch die sozialliberale Koalition entzog ihm seit 1969 zudem zunehmend den Boden. 1992 wurde es aufgelöst.)
Es ist heutzutage fasst unvorstellbar, aber das Verlangen der florierenden Wirtschaft nach immer mehr Arbeitskräften konnte bald durch einheimische Fachkräfte nicht mehr befriedigt werden. So wurden z. B. für das Unternehmen DESMA die ersten „Gastarbeiter“, wie man damals sagte, angeworben. Wenn ich mich recht erinnere, kamen diese nicht, wie sonst üblich, aus Italien sondern aus Jordanien. Auch die Bekleidungsfirma RUNKEN setzte bald Frauen und Mädchen aus der Türkei als Näherinnen ein. Irgendwelche Probleme mit der einheimischen Bevölkerung sind mir nicht erinnerlich. Die Berührungspunkte außerhalb des Arbeitsplatzes waren ohnehin nicht sehr groß.

Das Freizeitverhalten der Bundesbürger begann sich ob des wachsenden Wohlstandes zu wandeln. In den fünfziger und auch noch in den frühen sechziger Jahren waren für Kinder und Jugendliche Verwandtenbesuche oder Zeltlager mit den Pfadfindern oder der Kirche am Plöner See oder in der näheren oder weiteren Umgebung angesagt. Die Anzahl der Mitschüler, die in den großen Ferien den Urlaub mit den Eltern im Ausland wie Österreich, Italien oder gar Mallorca verbrachten wuchs aber stetig. Mit den neuen, fremdartigen Eindrücken, die die Reisenden mit nach Hause brachten, kamen natürlich auch frische Impulse in die Köpfe der Menschen, die oft noch im spießigen Denken der fünfziger verharrten.

Des weiteren kamen noch die vielfältigen Eindrücke, die das Fernsehen, es gab ab 1963 immerhin 3 Programme, in die Haushalte brachte, hinzu und verhalfen dem Bundesbürger zu weltumspannenden Eindrücken. Besonders beliebt waren hier die Sendungen von Thilo Koch und Werner Baecker, die beiden USA-Korrespondenten des Deutschen Fernsehens.

Natürlich fehlten auch nicht die Stimmen, die vor einer „Amerikanisierung Deutschlands“ oder gar dem „Untergang des christlichen Abendlandes“ warnten, spätestens als die Beatwelle aus England ab 1963/64 auch Achim nicht ausließ.
Diese Stimmen waren in der Regel die gleichen, ewig gestrigen, die einige Jahre zuvor vor dem Genuss der amerikanischen „Schund und Schmutz-Literatur“, wie sie sagten, wie etwa „Micky Maus“ warnten.
Der in der Mittelschule tätige einzige Musiklehrer ließ es sich z.B. nicht nehmen, uns regelmäßig davon überzeugen zu wollen, dass wir ja alle „verjazzt“ seien und die „amerikanischen Umerziehungsmethoden“ bei uns wohl auf fruchtbaren Boden gefallen seien, da wir ja regelmäßig diesen „Niggerjazz“ hören würden. Außerdem „sei es eine Schande, dass diese Juden so einen guten deutschen Menschen wie den Herrn Eichmann, der schließlich nur seine Pflicht getan habe, einfach aufhängen würden“.
Aus welcher „großen Zeit“ diese Geisteshaltung immer noch stammte, mag der verehrte Leser sich wohl vorstellen. Wir Schüler machten uns über diese Redensarten eher lustig, als dass wir in eine Diskussion darüber eingetreten wären, mit diesem Herrn konnte man sowieso nicht diskutieren.
Der größte Spaß entstand immer dann, wenn die Frage nach dem „besten Geiger der Welt“ gestellt wurde. Er wollte dann den Namen „Wolfgang Schneiderhan“ hören, wir versuchten ihn aber absichtlich von „Helmut Zacharias“ zu überzeugen, wohl wissend, was für einen Ausbruch des Zorns und eine Art Veitstanz dieser Frevel erzeugte, bei dem das Wort „Kaffeehausgeiger“ noch das harmloseste war.
Wenn dann noch ein ganz kecker Mitschüler den Namen „Yehudi Menuhin“ ins Spiel brachte, war der Rest der Musikstunde gelaufen, denn der war ja „ein ganz guter Geiger – aber schließlich ein Jud“. Es handelt sich hier tatsächlich alles um Zitate aus Musikstunden an der Real-/Mittelschule Achim zwischen 1961 und 1966! Zur Ehrenrettung des Lehrerkollegiums möchte ich aber auch nicht verschweigen, dass sich insbesondere in Kreisen der jüngeren Lehrerschaft Widerstand regte, der wohl auch dann zur späteren Versetzung dieses „Herrn“ führte.
Es mutet dazu geradezu paradox an, dass einige Jahre später ein Lokführer, der es wagte, Mitglied der DKP zu sein, aus dem öffentlichen Dienst vertrieben wurde.

Waren die ersten vier Jahre der Dekade noch durch eine Fortführung des Lebensstils der Fünfziger auf höherem Niveau geprägt, änderte sich doch ab 1965 das Leben und Zusammenleben stetig.
Insbesondere die Jugend wandte sich mehr und mehr, viel mehr und nachhaltiger als in den „Rock’n’Roll -Jahren“ der Fünfziger, einem eigenen Lebensstil zu.

Allerdings war die Gesellschaft auf eine „Jugendwelle“ nicht vorbereitet. Eine Kommerzialisierung der Bedürfnisse der Jugend (wie sie heute stattfindet) fand vorläufig, jedenfalls in Achim, nicht statt. Die „neuesten“ Beatles- oder Stones-Platten gab es beim Musikhaus Wendt in der Obernstraße zu kaufen, wenn man denn das nötige Kleingeld (eine Single kostete 4,75 DM, eine LP 17,- DM) dafür hatte, meistens hatte man es nicht und außerdem waren die Platten auch schon fast wieder veraltet, wenn sie in Achim angeboten wurden. Also beschränkte man sich auf Tonbandaufnahmen vom Rundfunk, vor allem von BFBS, dessen Sender in der britischen Garnisonsstadt Verden stand und der mit den neuesten Hits aus England aufwarten konnte, da waren die Scheiben noch gar nicht in Deutschland erschienen, geschweige denn gab es sie in Achim zu kaufen.
Auch modisch war man in Achim erst einmal auf verlorenem Posten, der Ausdruck „Boutique“ war vielen überhaupt kaum geläufig und wenn doch, vermutete man eine solche allerhöchstens in der Carnaby Street in London oder in Paris.
Bisher hatten Belange von 15-jährigen keine Rolle gespielt. Zwar hatten pubertierende Jugendliche zu jeder Zeit Auseinandersetzungen mit den Altvorderen auszufechten, doch gerade diese Mischung aus konservativem Denken und dem alleinigen Streben der Eltern nach materiellen Werten und dem Aufbegehren einer Generation der Nachkriegsgeborenen, die das verlogene und spießerhafte Duckmäusertum ihrer Vorfahren satt hatte, machten die Konflikte der Sechziger Jahre aus.
Gerade der Beginn der Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit prägte die Auseinandersetzungen. Die Eltern wollten vergessen, verdrängen, nicht wahr haben und ihre Ruhe haben.
Auf einmal wurde politisiert, man las den „Spiegel“ und den „Stern“, es gab die „Konkret“ und „Pardon“. In Jugendgruppen wurden politische Diskussionen geführt. In den Räumen der Realschule wurden die „Mittwochsrunden“ unter Leitung von Günther Weblus abgehalten. Diese Mittwochsrunde war ein Gesprächskreis für jedermann, insbesondere auch für Jugendliche, der durch die Volkshochschule unterstützt wurde. Die Themen waren regelmäßig politischer und gesellschaftlicher Natur. Fachleute und solche, die sich dafür hielten, aus Politik, Kultur und Gesellschaft hatten dort ihr Forum. Tabus gab es kaum, so wurden z.B. auch Vertreter der KPD und NPD eingeladen. Zu Zwischenfällen ist es meines Wissens niemals gekommen. Das war alles natürlich totales Neuland für alle Beteiligten, eine dermaßen starke Politisierung der Jugend hatte es bis dato im demokratischen Sinne sicher nicht gegeben.

Im Alltag der Sechziger Jahre hatte man als Jugendlicher so seine Probleme mit Elternhaus und Schule.
Die Mädels wurden von den Eltern aufgrund der Länge, oder eher Kürze der Röcke und der Dicke der aufgetragenen Schminke malträtiert, während die jungen Herren mit der Länge ihrer Haare nicht unerhebliche Probleme bekamen. Ebenso war ein ewiger Streitpunkt der Zeitpunkt des „Nachhausekommens“ nach Tanzveranstaltungen.
Um diesen andauernden Gängelungen wenigstens ein bisschen aus dem Wege gehen zu können, begann man sich von der elterlichen Wohnung abzusetzen. Man bevorzugte mehr das Zusammensein mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten. Aber in einer kleinen Stadt wie Achim waren die Möglichkeiten eher begrenzt. Die alten Rockerschuppen aus den fünfziger Jahren waren „mega-out“ wie man heute sagen würde, blieb also noch die Eisdiele, damals noch gegenüber dem Marktplatz, sowie Treffs bei der Kirche, bei den Pfadfindern, aber auch im Falkenheim. Die Eisdiele hatte den Vorzug, bezahlbar zu sein sowie zentral gelegen und fast ganztägig geöffnet zu sein. Auch war die Musikbox nicht zu verachten, war sie doch mit durchaus akzeptabler Beatmusik bestückt. Nietenhosen, Lederjacken, Twist- und Shake-Hosen mit Schlag und Kappnaht, wo sonst die Bügelfalten den „anständigen Mann“ auszeichneten, bereiteten ein Gefühl der „Stärke“ und Gruppenzugehörigkeit.
Dabei kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen, welchen manchmal vergeblichen Kampf es zuhause kostete, das begehrte Kleidungsstück auch zu bekommen. Manch einer wird sich noch erinnern, wie man von zuhause nur in weißem Hemd und Krawatte zum Tanztee in den Schützenhof gelassen wurde, um sich dort angekommen schnell und unauffällig auf der Toilette der peinlichsten Utensilien zu entledigen.
Im Schützenhof fanden regelmäßig sonnabends und sonntags Tanzveranstaltungen mit Beatbands wie TOMCATS, SCREAMERS, JOPEE & his REDCAPS statt, aber auch bekanntere Namen wie RATTLES, LORDS, YANKEES und TONY SHERIDAN waren Gäste dort.

Ein Highlight der besonderen Art in der Kleinstadt Achim der sechziger Jahre waren für uns die Filmaufnahmen einer britischen Filmgesellschaft an der Ueser Brücke im Sommer 1966. Dort wurden Aufnahmen für den Film „Wie ich den Krieg gewann“ mit John Lennon, Michael Crawford, Karl Michael Vogler, Lee Montague, Till Kiwe u. a. gemacht. An der Brücke wurde der Rückzug der Wehrmacht über den Rhein zum Ende des 2. Weltkrieges gedreht und dafür brauchte man Komparsen, die Soldaten mimten. Was lag näher, als sich der Schule und beim Stadtjugendring am Orte mit den Schülern, die vom Alter und Größe einem Soldaten nahe kamen, zu bedienen. So wurden die Schüler meiner damaligen Klasse 10 sowie unsere Parallelklasse „dienstverpflichtet“ zum Darstellen von Wehrmachtssoldaten. Auch unser Lehrer Weblus ließ es sich nicht nehmen, in eine Offiziersuniform aus dem Fundus der Filmleute zu schlüpfen und uns Jungs ein bisschen rumzukommandieren.

Die Aufnahmen nahmen einige Tage in Anspruch, es war Sommer und warm und wir hatten schulfrei.
Was wollten wir mehr? Leider bekamen wir John Lennon nicht zu Gesicht, da dieser bei den in Uesen gedrehten Szenen nicht erforderlich war. Da ich diesen Film inzwischen auf DVD besitze, mache ich mir gelegentlich die Freude, mich selbst und meine Klassenkameraden im zarten Jünglingsalter im Laufschritt über die Ueser Brücke flitzen zu sehen.

Eine weitere „Ungeheuerlichkeit“ fand während des Sommers 1970 statt. Beim alljährlichen Schützenfest fand am Abend des Freitags der Fackelzug der Schützen durch die Innenstadt mit anschließendem „großen Zapfenstreich“ auf dem Marktplatz statt. Der Marktplatz gegenüber der Eisdiele war zu jener Zeit auch Treffpunkt vieler junger Leute aus der, heute würde man sagen „alternativen Szene“. Es war auch eine Zeit, in der Provokationen und das „Sich-Lustig-Machen“ über vermeintlich überholte Rituale und ähnliches ein gern genutztes Mittel der Generation war, die heute auch oft die „68-er“ Generation genannt wird.
In jenem Sommer ergab es sich also, dass man spontan beschloss, dem jährlichen bierernsten Fackelzug der Schützen ein kleines, lustiges „Happening“ hinzuzufügen. Es wurden eiligst alte Bettlaken besorgt und mit bunten Buchstaben „Esst mehr Pfannkuchen“ darauf geschrieben. Dann versammelte man sich auf dem Marktplatz und harrte der Dinge, die da kamen. Es kamen dann viele Schützen in Formation mit Fackeln in Begleitung einer Kapelle, die zackige Marschmusik spielte. Als dieser Umzug dann zwischen dem alten Landratshaus und dem Verkehrspavillon auf den Marktplatz marschierte, hatte sich dort die bunte Schar von ca. 15 bis 20 jungen Leuten eingefunden, schwenkten ihr Pfannkuchenspruchband und skandierten fast vergeblich gegen die laute Marschmusik den Spruch „Esst mehr Pfannkuchen!“

Dieses missfiel offensichtlich einigen Schützen derart, dass sie sich dazu hinreißen ließen, mit den brennenden Fackeln auf die jungen Leute loszugehen und auf diese einzuschlagen. Sogar ein bekannter älterer Geistlicher der evangelischen Kirche, der Jahre zuvor schon einmal dadurch einen zweifelhaften Bekanntheitsgrad erreicht hatte, dass er Schützenkönig geworden war, ließ es sich nicht nehmen, selbst mit Hand anzulegen. Bei der sich anschließenden Rangelei, gab es einige Verbrennungen auf Kleidung und Haaren der Jugendlichen sowie mindestens eine Jacke mit Totalschaden. Besonders zu vermerken sei noch das beherzte Eingreifen des direkt dabeistehenden Polizeibeamten, der es vorzog, den Vorfall lieber erst gar nicht zu bemerken. Die am Tag darauf beantragten Strafanzeigen wegen Körperverletzung wurden vom Achimer Polizeirevier abgewimmelt.
Nach diesem völlig unerwarteten Ausgang des „Pfannkuchen-Happenings“ wurden noch einige Presseberichte auswärtiger Zeitungen sowie ein ausführlicher Bericht von Radio Bremen mit ausführlicher Befragung aller beteiligten Gruppen veröffentlicht, damit waren diese Thema und auch die 60-er Jahre in Achim dann aber endgültig vorbei.

Christian Just und Karlheinz Gerhold, Geschichtswerkstatt Achim

Auschwitz, Buchenwald, Warschau – Ortsnamen, die unauslöschlich mit der Erinnerung an Nazi-Terror verbunden sind. Warum also ausgerechnet ein Beitrag über Achim während des Nationalsozialismus? Hier gab es kein Konzentrationslager, kein Massaker und als am 9. November 1938 (Reichspogromnacht) überall im Reich die SA auf Befehl hin den Volkszorn gegen jüdische Mitbürger inszenierte, ging die Synagoge nicht einmal in Flammen auf. Die Nazis traten als brave Bürger auf, der Übergang zur faschistischen Diktatur vollzog sich fast reibungslos. Achim war eine vollkommen normale Stadt, die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt für Achim das typische Bild einer mittleren Kleinstadt: Der Aufstieg der NSDAP von einer rechten Splittergruppe zur herrschenden Macht, die Selbstverständlichkeit, mit der der größte Teil der Gesellschaft den Übergang von Demokratie zu Faschismus machte, während Andersdenkende verfolgt und in den Tod geschickt wurden. Erntedankfest wurde weiter gefeiert, nur daß 1938 an erster Stelle des Festumzuges der „Bauernleiter“ marschierte, weiter hinten der Ortsgruppenführer, NS-Frauenschaft, BDM, HJ… [1]. Der Nationalsozialismus äußerte sich eben nicht immer durch offensichtlichen Terror und Grausamkeit, der „gewöhnliche Faschismus“ funktionierte ganz unspektakulär – weniger menschenverachtend wurde er dadurch nicht. Andersdenkende wurden auch in Achim verfolgt, die jüdische Bevölkerung Achims, 1913 immerhin 2 Prozent der Einwohner, wurde von den Nazis ausnahmslos in die Vernichtungslager oder ins Exil getrieben [2]. Das Beispiel Achim beweist, daß die Zeit von 1933 bis 45 kein gräßlicher Ausrutscher oder „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte war. In diesem – notwendigerweise unvollständigen – Beitrag geht es nicht darum, irgendjemanden anzuklagen oder schuldig zu sprechen, sondern den Blick darauf zu richten, wie Faschismus in einer ganz normalen Stadt wie Achim aussah.

In den Dreißigern war Achim eine Kleinstadt mit einigen tausend Einwohnern – gewerblicher Mittelstand, Arbeiter, Angestellte -, geprägt durch ihre Lage vor den Toren Bremens. Bei Wahlen waren sowohl die Sozialdemokraten, als auch die Nazis relativ stark – das typische Bild eines kleinstädtischen Vororts mit organisierter Arbeiterschaft und starkem Mittelstand. An den Wahlergebnissen in den verschiedenen Gemeinden des Landkreises gemessen, war Achim die Hochburg der Nazis. „Bei allen Sammlungen und Gemeinschaftsaktionen für des Reiches Freiheitskampf eroberte sich Achim, gemessen an seiner Einwohnerzahl, einen führenden Platz im Gau.“, hieß es zum 20jährigen Bestehen der NSDAP-Ortsgruppe Achim [3].

Von den Anfängen bis zur Etablierung der nationalsozialistischen Macht in Achim
Auch in Achim, der Stadt in der Norm des alltäglichen Faschismus bis 1945, fiel der Nationalsozialismus nicht mit der Machtergreifung am 30. Januar 1933 vom Himmel. Antisemitismus und Rechtsextremismus hatten auch in Achim eine lange Tradition [4].

Bereits im Jahre 1924 gründete der Gastwirt Adolph Schulze eine Ortsgruppe des Deutschen Herold [5]. Im gleichen Jahr, im Mai 1924, wurde von Wilhelm Rieke eine Ortsgruppe der Deutschen Völkischen Freiheitsbewegung gegründet, aus der sich dann die Achimer Ortsgruppe der NSDAP entwickelte. Das Achimer Kreisblatt vermeldete in seiner Ausgabe vom 20./21. Mai 1944 [6] unter der Überschrift ,,20 Jahre Ortsgruppe Achim der NSDAP“

Am morgigen Sonntag begeht die Ortsgruppe Achim der NSDAP ihre 20-Jahrfeier. Sie ist eine der ältesten Ortsgruppen des Gaues. 1924. Wie viele von uns haben vieles vergessen, wie manche überhaupt alles! Man muß sich erinnern, daß die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei damals in Preußen, später im ganzen Reich verboten war! An der Ruhr und in Mitteldeutschland raste der bolschewistische Massenstreik. 1m Rheinland tobte sich die Besatzungsmacht gegen deutsche Frauen und Kinder aus. Im Hannoverland, ebenso wie im Rheinland und in Bayern erhob der Separatismus sein Haupt und schickte sich an, der Einheit des Reiches den Gnadenstoß zu geben. Im Reichstag haderten und keiften 32 Parteien gegeneinander an. Von den 471 Mandaten entfielen auf die Völkische Freiheitsbewegung ganze 5 Mandate! „Und dabei phantasierten die Nazis vom Endsieg!“ höhnten die Gegner! In dieser Zeit, da alle wahrhaft nationalen Herzen in Scham und Trauer an das deutsche Schicksal denken konnten, zogen die ersten Sendboten Adolf Hitlers, an der Spitze der heutige Gauleiter Otto Telschow, durch unseren Gau und verbreiteten in verqualmten ländlichen Klubzimmern, in dunklen Sälen vor winzig kleinen Besucherziffern die Lehre des Führers.
Anscheinend ein hoffnungsloses Unterfangen; aber der Wille triumphierte schließlich. In diese Zeit fällt auch das erste öffentliche Auftreten der völkischen Bewegung in Achim, Mahndorf und Ottersberg. Die erste Versammlung am 28. Mai im Hotel Stadt Bremen stand unter dem Thema: „Nationaler Sozialismus oder internationaler Marxismus?“ Sie war unter maßgeblicher Beteiligung des jetzigen Ortsgruppenleiters Adolph Schulze zustande gekommen und wurde ein voller Erfolg. Sie ist somit als Gründungsversammlung der Ortsgruppe Achim der NSDAP zu betrachten. Ihr erster Ortsgruppenleiter war der Ehrenzeichenträger Wilhelm Rieke, Achim, dessen unerschütterlicher Einsatz für den Führer, und dessen jugendlicher Elan bald zum Mittelpunkt der Aufklärungsarbeit in unserem Ort wurde.
Zu ihm gesellte sich die kleine Schar der Altgardisten, die das Ideengut der neuen Lehre zu einer Kampf- und Glaubensgemeinschaft zusammgeschweißt hatte, die allen Belastungen, Rückschlägen und Widerwärtigkeiten nicht nur standhielt, sondern getreu dem Willen des Führers diese nur zum Anlaß nahm, nun erst recht den Tugenden der Treue und Hingabe unbeirrt nachzuleben und dafür zu sorgen, daß die Gedankenwelt Adolf Hitlers in immer weiteren Herzen Wurzeln schlug, durch und durch überzeugt, daß, wenn überhaupt, nur durch ihn die Rettung des deutschen Volkes vor dem drohenden Untergang möglich sein würde.“

Die NSDAP selbst sah also die Veranstaltung am 28. Mai 1924 als ihre Gründungsversammlung an.
In der Broschüre „Jahresbericht der NSDAP, Ortsgruppe Achim 1934“ [7] ist sogar der Tag des Erwerbs der Hakenkreuzfahne der Achimer NSDAP-Ortsgruppe vermerkt: „Am 28. September konnten wenige Parteigenossen unserer Ortsgruppe auf eine zehnjährige, ununterbrochene Tätigkeit für die Nationalsozialistische Bewegung zurückblicken. An diesem Tage jährte sich der Tag zum 10. Male, an dem die noch jetzt von der Ortsgruppe geführte Hakenkreuzfahne käuflich erworben wurde und zum ersten Male vor einer kleinen Schar Verwegener auf offenem Lastwagen voranflatterte. Aus diesem Anlaß beging die Ortsgruppe am 13. Oktober eine Mitgliederversammlung mit dem Pg. Hugo Kühn, die unter dem Motto „Zehn Jahre Hakenkreuz über Achim“ stand.“
Auf einer Anstecknadel mit der Aufschrift „10 Jahre N.S.D.A.P. Achim“ [8] dagegen steht als Zeitangabe der 26. Mai 1935. Am 26. Mai vollzogen die Nazis am Schlageter-Gedenkstein Feierstunden [9] zu „Ehren“ von Leo Schlageter (1894 – 1923), der als deutscher Offizier während der Besetzung der Ruhr durch französische Truppen Anschläge auf Verkehrswege verübte und deshalb standrechtlich erschossen wurde.
Die Anfänge der nationalsozialistischen Bewegung in Achim gehen also wie auf Reichsebene bis in die erste Hälfte der 20er Jahre zurück. Auch der stetige Zuwachs der Stimmenanteile der NSDAP verlief in Achim parallel zur Reichsentwicklung. Bei der Neuwahl der Gemeindevertretung am 12. März 1933 wird die NSDAP im Kreis Verden als Liste 1 stärkste Fraktion [10]: „NSDAP 43,4 % (in Achim selbst sind es fast 50 %), SPD 31,3 %, KPD 5,2 %
und die Kampffront Schwarz-weiB-rot der Deutsch-Nationalen 16,6 % der Stimmen“. Bei den Gemeinderatswahlen sieht es ähnlich aus. Die NSDAP wird stärkste Partei, die KPD erhält keinen Sitz.
Wesentlich beigetragen zur Etablierung der nationalsozialistischen Macht hat die katastrophale Fehleinschätzung der braunen Gefahr durch die Organisationen der Arbeiterbewegung, sei es in der KPD, der SPD oder den Arbeiter-Schutzformationen, wie dem sozialdemokratisch orientierten Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Eisernen Front. Ein übriges tat die Spaltung der Arbeiterschaft in Kommunisten und Sozialdemokraten. Am 25. Januar 1931 weilte der Bundesführer der sozialdemokratischen Schutzformation „Reichsbanner“ persönlich, Otto Hörsing, in Achim. Im Schützenhof hielt er eine viel beachtete Rede [11]: „Die Modekrankheit des Hitlerismus, die augenblicklich das ganze Volk erfaßt hat, berge nicht zu verkennende Gefahren, und es wäre Wahnsinn, wenn man verkennen wollte, daß die innenpolitische Situation recht gefahrdrohend ist… 1m Bewußtsein meiner Verantwortung sage ich Ihnen: Wir, die republikanische Front, wir, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, wünschen den Bürgerkrieg nicht, wir lehnen ihn ab als Kulturschande. Wir wünschen den Kampf der Geister, die freie Entwicklung. Wir sind zwar gerüstet, aber wir stehen defensiv. Wenn aber die Feinde der Republik sich erdreisten, uns und die Republik anzugreifen, dann werden wir sie zurückdrängen. Wir werden sie, wenn es sein muß, niederschlagen, und wenn das Interesse der deutschen Republik, der deutschen Nation es erfordert, werden wir sie erbarmungslos vernichten bis auf den letzten Mann.“
Während hier der Kampfgeist noch ungebrochen schien, zeigt eine weitere Stelle der im Achimer Kreisblatt wiedergegebenen Rede deutlich den historischen Fehler der Gleichsetzung von Kommunisten und Faschisten als Feinde der sozialistischen Arbeiterbewegung. Otto Hörsing erwähnte „tiefe, brutale Wunden, die dem Volke von einer Minderheit, bestehend aus
Deutschnationalen, Nationalsozialisten und deren politischen Helfershelfern, den Kommunisten, versetzt wurden.“
Obwohl sich die Lage in den folgenden Monaten weiter zugunsten der Nazis verändert hatte, war der Siegeswille der Arbeiterbewegung noch im Jahre 1932 vorhanden. Davon zeugt eine Veranstaltung [12] der Eisernen Front, einem Zusammenschluß der Kampforganisationen der SPD, des Reichsbanners, des Arbeitersportbundes und des Allgemeinen Deutschen
Gewerkschaftsbundes, die am 9. Februar 1932 im Schützenhofsaal stattfand. Als Referent sprach Alfred Faust, Bremen, zum Thema „Das 3. Reich – eine Seifenblase“. In dem dazugehörigen Presseartikel heißt es optimistisch: ,,Die Eiserne Front bringt neue Aktivitäten in die Massen; der Wall gegen die braune Pest schließt sich enger. Diese erste imposante, völlig ruhig verlaufene Kundgebung hat bewiesen, daß dem Nazispuk auch in Achim das Ende
winkt.“
Doch die Nazis waren wohl nicht mehr aufzuhalten. Das Reichsbanner

Aufmarsch der Achimer Nationalsozialisten in der Obernstraße vor dem Speicher Scherf in den 30er Jahren.

konnte praktisch ungestraft von den Nazis provoziert werden. Von einem
Zwischenfall berichtet der Oberlandjägermeister dem Achimer Landrat [13]:
„Am 17. 7. 1932 fand in Achim ein Aufzug unter freiem Himmel und anschließend eine Versammlung im Schützenhof der SPD statt. Die Teilnehmer, ungefähr 600 Personen, waren von Bassen kommend gegen 16 Uhr in Achim eingetroffen. Gegen 16.30 Uhr gingen fünf
Aufmarsch der Achimer Nationalsozialisten in der Obernstraße vor dem Speicher Scherf in den 30er Jahren.
Nationalsozialisten in Uniform von der Gastwirtschaft Brockmann nach dem Hitlerheim. Sofort liefen die auf der Obernstraße umherstehenden Reichsbannerleute diesen nach. Vor dem Hitlerheim sammelten sich mindestens 100 Reichsbannerleute. Nur durch das Erscheinen der Landjäger und eines Unterführers der SPD und durch deren Einschreiten wurden Gewalttätigkeiten verhindert. Die im Hitlerheim versammelten Nazileute wollten mit einem Lastwagen fortfahren, was sie dann gegen 16.45 auch getan haben.
Um 17 Uhr erfolgte der angemeldete Aufzug. Derselbe erfolgte ohne Störung bis kurz vor Beendigung desselben. Der Achimer Kaufmann Rieke stand in Uniform der NSDAP in seiner Haustüre und photografierte fortwährend. Hierbei lachte er und erwiderte auch an ihn gerichtete Zurufe. Dieses Verhalten sahen die Reichsbannerleute als Provokation an. Viele Teilnehmer lösten sich vom Aufzuge und stürzten nach der Haustüre, um den Kaufmann zu verprügeln. – Es gelang uns sechs Landjägern mit Mühe unter Anwendung der körperlichen Gewalt, die anstürmenden Leute zurückzudrängen. Die Störer der Ordnung waren die
Reichsbannerleute. Die Ursache dazu war das Verhalten des Kaufmanns. Deshalb habe ich ihm die mündliche polizeiliche Verfügung gegeben, er solle sich, solange das Reichsbanner in Achim anwesend ist, nicht mehr vor der Haustür und am Fenster sehen lassen, dies wurde auch befolgt. Andernfalls wäre es sicher zu größeren Ausschreitungen gekommen. Der Abmarsch erfolgte gegen 20 Uhr ohne Störung. Der Gummiknüppel ist nicht gebraucht worden.“
Noch ungehinderter konnten die Nazis nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 agieren. Wohl von einer der letzten offenen Konfrontationen zwischen Reichsbanner und Achimer Nazis zeugt ein Polizeibericht des Oberlandjägermeisters über eine Filmvorführung des Reichsbanners in Achim. Der am 9. 2. 1933 verfaßte Bericht [14] an den Landrat in Verden handelt von einem Vorfall vom 8. Februar 1933:
„Am 8. dieses Monats wurde in Achim im Lichtspielhaus Odeon der Tonfilm „Im Westen nichts Neues“ gezeigt. Veranstaltet wurde die Vorführung von dem Reichsbanner, Ortsgruppe Achim. Am letzten Donnerstag – 2. – wurde im gleichen Lichtspielhaus von der NSDAP der Film „Hitler im Fluge durch Deutschland“ gegeben. Letztere Vorführung wurde von keiner Seite gestört. Sobald in Achim die beabsichtigte Aufführung des erstgenannten Films bekannt wurde,
entstand ein Sturm der Entrüstung. Kriegerverein, Stahlhelm, Luisenbund und Nationalsozialisten erhoben Protest und wünschten, daß der Film nicht vorgeführt werden sollte. Der Anzeiger fiir den Kreis Achim vom 6. Februar 1933 brachte unter „Eingesandt“ einen Artikel, in welchem zur Verhinderung der Vorführung aufgefordert wurde. In Achim schwirrten allerlei Gerüchte. Z. B. sollte der Vorführer abgefangen werden, 300 SA(-Leute) sollten aufmarschieren und die Vorführung verhindern, auf Prügel käme es nicht an usw. Der Film „Im Westen nichts Neues“ ist zur öffentlichen Vorführung zugelassen; Zensurkarte lag vor. Er konnte demnach nicht verboten werden, und die Vorführung mußte polizeilich geschützt werden. Auf Anraten des Stellvertreters des Landrats und auf meinen Rat hat dann der Vorstand des Kriegervereins, des Stahlhelms und des Luisenbundes von weiteren Maßnahmen abgesehen und ihren Mitgliedern durch die Zeitung abgeraten, die Vorführung zu besuchen. Die NSDAP hatte solche Erklärung nicht abgegeben. Am 8. gegen 15 Uhr traf ich den Kreisleiter der NSDAP in Achim. Dieser erklärte mir, daß er eingesehen habe, daß die Vorführung gesetzmäßig sei und Anweisung erfolgt sei, keine Störung vorzunehmen. Es fand nachmittags von 16 – 18 Uhr und abends von 20 – 21.30 Uhr eine Vorführung statt, von denen jede etwa 250 Besucher hatte.
Das Reichsbanner Achim hatte seine Schutzformation von Hemelingen verstärkt (Schutzformation 100 Mann). Die Nachmittagsvorführung verlief störungslos. Auf der Straße in der Nähe des Kinos hielten sich etwa 100 Neugierige auf. Zur Abendvorführung waren hier etwa 300 Personen anwesend, bestehend aus Reichsbannerleuten, Nationalsozialisten und Neugierigen. Die Nationalsozialisten hatten sich in ihrem in der Nähe befindlichen Heim gesammelt – etwa 80 Mann – und tummelten sich von hier aus immer in der Nähe der Reichsbannerleute. Nach einiger Zeit standen sich letztere und die NSDAP-Mitglieder in der Obernstraße gegenüber. Zurufe wurden laut. Darauf wurden die Parteien von uns auseinandergedrängt. Die Nationalsozialisten mußten sich vor ihrem Heim und die Reichsbannerleute vor dem Kino aufhalten. Weiter wurde die Obernstraße vom Publikum freigemacht, weil der Verkehr gestört wurde. Als die Abendvorführung 3/4 zu Ende geführt war, ging das elektrische Licht aus. Unbekannte hatten im Orte an zwei Stellen Drahtenden auf die Leitung geworfen, wodurch Kurzschluß entstanden war. Die Täter sind noch nicht ermittelt. Die Vorführung mußte abgebrochen werden. Hierdurch waren die Besucher und die Reichsbannerleute sehr erbost. Wenn die Landjägereibeamten nicht zur Stelle gewesen wären, wären die Hitlerleute bestimmt überfallen worden.
Gegen 23 Uhr hatte sich alles verlaufen.
Zur Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung hatte ich Landjägereibeamte der Abteilung zusammengezogen.
Zwangsmittel sind nicht angewandt worden.
Von den Reichsbannerleuten wurde geäußert, daß sie sich bei bietender Gelegenheit revanchieren werden.“
Der 1. Mai 1933 stand bereits ganz im Zeichen der Nationalsozialisten. Im Jahre 1933 wurde dieser Maifeiertag, der Kampftag des internationalen Proletariats, von der nationalsozialistischen Regierung per Gesetz zum Feiertag der nationalen Arbeit erklärt. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) begrüßte gewissermaßen als letzte Amtshandlung diese Maßnahme. Er rief die Arbeiterschaft zur Teilnahme an den Umzügen und Kundgebungen am 1. Mai 1933 auf. Etliche Arbeiter aber dürften sich an dieser unter NS-Vorzeichen stehenden Aktion schon nicht mehr beteiligt haben.
Das Achimer Kreisblatt [15] stilisierte die Kundgebung in Achim zu einem begeisternden Fest hoch, „auch hier ganz im Zeichen des Programms der Reichsregierung… Die Straßen Achims zeigten prächtigen Blumen- und Girlandenschmuck, Fahnen in den neuen Hakenkreuz- und den alten schwarz-weiß-roten Farben schmückten die Häuser; kaum ein Haus gab es wohl, dessen
Bewohner nicht durch den Schmuck ihre Verbundenheit mit den Zielen der neuen Regierung und dem Sinn des Tages Ausdruck gaben. Auch die Geschäftswelt hatte durch prächtige, auf die Bedeutung des Tages hinzielende Dekorationen, die das Interesse der Passanten erregten, für das äußere Gesamtbild das Ihrige getan… Um 3 Uhr versammelten sich die teilnehmenden Vereine, Handwerker, Fahnenabordnungen dortselbst zum Festumzug. Vor dem Abmarsch des Festzuges boten Turnerinnen des TV Achim ein prächtiges Fahnenschwingen, das die beiden Reichsfahnen symbolisierte. An der Spitze des Zuges ritten die beiden Berliner Reiter aus dem ehemaligen Kreise Achim, die von Verden kommend, in Uesen von der Hitlerjugend empfangen und nach hier geleitet wurden. Dann folgten in bunter Reihe Vereine und Korporationen, Beamte der staatlichen Behörden und Betriebe, die Belegschaften der größeren Geschäfte, Gruppen aus allen Handwerksbetrieben, z. T in ihrer Arbeitstracht, die besonderes Interesse erregten usw. Es war ein imposanter Zug, in den mehrere Kapellen eingereiht waren. Derselbe bewegte sich durch die im Fahnen- und Blumenschmuck prangenden und von einer großen Zuschauermenge umsäumten Hauptstraßen des Ortes nach dem Rathausgarten, wo die Zugteilnehmer vor dem Ehrenmal zur Gefallenenehrung, Gottesdienst und Pflanzung einer Hitler-Eiche Aufstellung nahmen.
Hier legte der Ortsgruppenleiter der SA, Heler, der auch die ganzen Veranstaltungen des Tages leitete, mit dem Gelübde, daß wir das Werk, wofür die Gefallenen des Weltkrieges ihr Leben opferten, mit aller Kraft schützen wollen, einen Kranz am Denkmal nieder… Sodann hielt Herr Rieke eine Ansprache, der er den Gedanken des nationalen Feiertages zugrunde legte. Die vielen Hunderte von Teilnehmern beweisen die Bedeutung, welche man demselben beilege.“
Der Spielmannszug der Freien Turnerschaft trat, schon nicht mehr vollzählig, am 1. Mai 1933 zum letzten Mal auf, bereits unter Begleitung der SA. Am 2. Mai wurde der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund zerschlagen, die Büros und Einrichtungen besetzt und leitende Gewerkschaftsangestellte verhaftet. Am 28. Mai 1933 wurde den Vereinen des Arbeiter-Turn-und-Sportbundes verboten, Veranstaltungen und Vereinsabende durchzuführen. Die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung war endgültig zusammengebrochen.
Das Achimer Kreisblatt [16] berichtet in der Ausgabe vom 28.2.1933 von Haussuchungen gegen Achimer KPD-Funktionäre. Im Zuge der Gleichschaltung wurden im März die SPD-Beigeordneten im Achimer Gemeinderat beurlaubt. Durch Entlassungen und Schutzhaft wurden auch in Achim Oppositionelle schikaniert.

Am 1.6.1933 teilt das Kreisblatt mit, daß die Arbeiter-Turn- und-Sportvereine aufgehoben wurden: „Ihre bisherigen Mitglieder dürfen infolgedessen weder auf den eigenen noch auf fremden Plätzen sich sportlich betätigen und Wettspiele austragen.“ Am 22.6.1933 erfolgte das Verbot der SPD. Schon am 12. Mai 1933 beschlagnahmte der Landjäger in Achim beim damaligen Kassierer der SPD-Ortsgruppe Achim Bargeld in Höhe von 23,65 RM. Die Macht der Nazis war in diesem Zeitpunkt bereits gefestigt. Zu den Methoden schreibt Wolfgang Griep in „Achim im III. Reich“ [17]:
„Die NS-Politik richtet sich vor allem gegen die Arbeiterorganisationen. Tausende von Partei-und Gewerkschaftsfunktionären werden sofort nach den Verboten verhaftet, mißhandelt, in die KZ verbracht oder auch ermordet.
Bis 1935 hatten allein die ordentlichen Gerichte 20.883 Personen wegen illegaler politischer oder gewerkschaftlicher Tätigkeit zu meist langjährigen Freiheitsstrafen oder zum Tode verurteilt. In dieser Zahl sind nicht die Zehntausende enthalten, die ohne Gerichtsverfahren in Schutzhaft genommen oder in die KZ gebracht wurden.
Nach einem Gestapo-Bericht vom April 1939 befanden sich zu dieser Zeit 162.432 politische Gefangene in deutschen KZ, weitere 112.734 politische Häftlinge verbüßten in Zuchthäusern und Gefängnissen Freiheitsstrafen.
Und wieviel waren seit 1933 umgebracht worden?“
Vom Aufbau der NS-Organisationen in Achim kündet die Propaganda der NSDAP-Ortsgruppe im Achimer Kreisblatt vom 20./21. Mai 1944:
„Von Jahr zu Jahr strömten auf den Ruf der Bewegung neue Volksgenossen in die Partei hinein, von Jahr zu Jahr erneuerte sich aus der Hitlerjugend die Garde der überzeugten Nationalsozialisten, die über alle Klassen – und soziale Gegensätze hinweg im Geiste des Führers die verbindende Brücke zueinanderfanden, so daß am Tage der Machtübernahme Kampf und Ringen um die Heimat in einem jubelnden, befreienden Siegesmarsch der Alten Garde und der vielen neuen Parteigenossen ihre Krönung fanden.
Im Jahre 1934 übernahm der jetzige Ortsgruppenleiter Adolph Schulze das Erbe des Parteigenossen Rieke. Im Zuge des überall einsetzenden stürmischen Aufbauwerkes verankerte die Ortsgruppe ihre Arbeit auf immer breiterer Basis. SA-Sturm, Reitersturm, Motorsturm, Amt für Beamte, Deutsche Arbeitsfront, NS-Hago, Kriegsopferversorgung, NS-Volkswohlfahrt, NS-Kulturgemeinde, NS-Frauenschaft, Hitlerjugend und BDM wuchsen in den Jahren zu der Gemeinschaft zusammen, die die Ortsgruppe Achim zu einem immer aktiven, zuverlässigen Instrument der politischen Führung werden ließ. So gab es im Verlaufe der friedlichen Jahre des Aufbaues, nochmehr aber in den sturmvollen Tagen und Nächten unserer Zeit zahllose Beispiele dafür. Bei allen Sammlungen und Gemeinschaftsaktionen für des Reiches Freiheitskampf eroberte sich Achim, gemessen an seiner Einwohnerzahl, einen führenden Platz im Gau, beseelt von der Erkenntnis, daß wer im Geiste des Führers unbeirrbar der Volksgemeinschaft opfert oder dient, die Kraft des Reiches stärkt und mithilft an seinem Platz, alle Feindspekulationen am Wall und glaubensstarken Herzen zum Einsturz zu bringen.“
Wenn hierbei auch vieles Propaganda ist, waren doch viele Achimer Bürgerinnen und Bürger in NS-Organisationen organisiert. Umso erstaunlicher, daß 1945 keiner dabei war und niemand etwas gewußt hat.

Achim im III. Reich
Nach der Gleichschaltung der Verbände ging es darum, auch die Gehirne und Herzen der Menschen gleichzuschalten. Ein Netz faschistischer Unterorganisationen vom Reitersturm über die Deutsche Arbeitsfront bis zur NS-Frauenschaft sorgte dafür, daß jeder in allen Lebensbereichen ständig unter Kontrolle war. Besonderes Augenmerk richtete man dabei auf die Jugendlichen – Hitlerjugend und der „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) wurden zur Staatsjugend, kirchliche und andere Jugendverbände aufgelöst oder in die HJ eingegliedert. Am 1. Januar 1936 wird das „Jahr des deutschen Jungvolks“ proklamiert – zum ersten Mal sollte ein Jahrgang geschlossen in die HJ eintreten. Um dies möglich zu machen, arbeiteten HJ und Schule eng zusammen, Lehrer reichten Klassenlisten an die örtlichen HJ-Führer weiter, Schulleiter warben auf Elternabenden, Werbebüros wurden eingerichtet, Transparente und Sprechchöre auf den Straßen mahnten zum „freiwilligen“ Eintritt. Drei Jahre später, im März 1939, verkündete die Reichregierung die „Jugenddienstpflicht“ – Eltern, die ihre zehnjährigen Kinder jetzt nicht zur HJ anmeldeten, mußten „mit Geldstrafen bis zu 150 Reichsmark oder mit Haft“ rechnen. Was den Christen Kommunion oder Konfirmation, war den Nazis die „Verpflichtung auf den Führer“, mit der jedes Frühjahr ein Jahrgang von Vierzehnjährigen nach der Entlassung aus der Schule feierlich in BDM und HJ aufgenommen wurde.
Eine einige Volksgemeinschaft erhält man am besten durch einen gemeinsamen Feind. Am besten eigneten sich hierfür – neben Kommunisten, Zigeunern und Behinderten – die Juden. Die jüdische Gemeinde hatte in Achim eine lange Tradition. Bereits 1864 war sie so groß, daß eine eigene Synagoge und ein Friedhof angelegt wurden, 1913 wurde die jüdische Schule als öffentliche Schule zugelassen – zu dieser Zeit waren knapp 2 Prozent der Einwohner Achims, das heißt etwa 70 von 3682, jüdischen Glaubens – weit mehr als im Reichsdurchschnitt. Anspacher, Alexander, Baumgarten, Friedemann, Kaufmann, Heilbronn, Pels, Rothschild und Simon, Seligmann und Süßkind, so hießen die jüdischen Achimer mit Familiennamen, und nicht selten fand man sie an vorderster Stelle, wenn es darum ging, sich im öffentlichen Leben zu engagieren. So gründete und leitete Adolph Rothschild, Lehrer in der Schule, den Achimer „Volksbildungsverein“, deren Theateraufführungen, Konzerte und bunte Abende von den Achimern gern besucht wurden. Andere, etwa der Schlachter Seligmann, taten sich durchaus mit nationalem Stolz und militärischem Pomp hervor – Seligmann hatte aus dem 1. Weltkrieg eine Brust voller Orden mitgebracht und marschierte stolz im Schützenverein mit.
Juden waren also in Achim durchaus angesehene Bürger, dennoch blieben sie immer fremd – sie feierten andere Festtage, hatten merkwürdige Bräuche, eine fremde Religion und meist noch die traditionellen Handels- und Gelehrtenberufe – der Antisemitismus hatte in Achim wie in ganz Deutschland Tradition. Nach dem ersten Weltkrieg hatte sich eine Reihe von stramm rechten Organisationen gebildet: So gründete, wie erwähnt, Gastwirt Adolph Schulze im Januar 1924 eine Ortsgruppe des Deutschen Herold, Wilhelm Rieke vier Monate später eine Ortsgruppe der Deutschen Völkischen Freiheitsbewegung, aus der sich später die Achimer NSDAP konstituierte. Der antisemitisch-nationalistische Boden war also bereitet, um schon
zwei Monate nach der Machtübernahme Hitlers in Achim mit Erfolg die erste Boykottwelle gegen jüdische Geschäfte gemäß den Anweisungen der NSDAP-Führung zu organisieren. Am Sonnabend, dem 1. April 1933, standen ab 10 Uhr morgens SA-Leute mit Plakaten als „Wachen“ vor den Geschäften – ihrem Apell „Kauft nicht beim Juden!“ hatte sich auch der „Landbund Achim-Thedinghausen“ angeschlossen, der im Achimer Kreisblatt einen Aufruf „an das Landvolk“ richtete: „Ein Aufleben der deutschen Wirtschaft ist nur möglich, wenn, nachdem die Trabanten des jüdischen Händlertums und des internationalen Kapitals vernichtend geschlagen sind, auch der jüdische Händlergeist restlos geschlagen wird.“ Nach Zeitungsberichten hatten die jüdischen Geschäfte an diesem Tag ihre Türen von sich aus erst gar nicht geöffnet. Geleitet wurde der Boykott jüdischer Läden, Arzt- und Rechtsanwaltspraxen praktischerweise von den geschäftlichen Konkurrenten der jüdischen Selbständigen, den Gauführern des „Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand“ (ab 1934 „NS-Hago“). Jetzt konnten Achimer Nazis und Antisemiten ungehindert gegen Juden hetzen, pöbeln – ein ebenso beliebtes wie wirksames Mittel war die Denunziation. Ein Zeitzeuge: „Einer traute dem anderen nicht. Wer kein Nazi war, wer nicht dafür war, der wußte ja nicht, mit wem er sprach; ob nicht auch sein Nachbar Nazi war. Und wenn er irgendetwas Verkehrtes gesagt hatte, dann mußte er damit rechnen, dann kamen sie nachts an und holten ihn stillschweigend ab.“ Als erste waren die Kommunisten in Haft genommen worden, doch mit Denunziationen konnte jeder angeschwärzt werden. Einer, den es auf diese Weise erwischte, war der jüdische Schlachter Albert Seligmann. Am 1. August 1933 [18] meldete das Kreisblatt, hier noch im sachlichen Mitteilungsstil: „In Schutzhaft genommen wurde heute gegen Mittag der hiesige Schlachtermeister Albert S., der sich der Verächtlichmachung der Reichsregierung und des Reichskanzlers schuldig gemacht haben soll. Die Inhaftierung geschah auf Veranlassung mehrerer Angehöriger des hier neu errichteten Arbeitslagers, die von den Äußerungen des S. Kenntnis erhalten und sich vor dem Hause des S. angesammelt hatten. Wie verlautet, ist S. bereits nach Verden abtransportiert worden.“ Ein Jahr später wurde der jüdische Achimer Viehhändler vom Schöffengericht Verden zu einem Monat Gefängnis verurteilt – sein Vergehen: Er habe die arische Abstammung des Achimer SA Obersturmführers Kuckuck angezweifelt. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, daß „der Angeklagte als alter Frontkämpfer dem Vaterland gegenüber seine Pflicht getan“ hatte. Das Kreisblatt zu dem Fall [19]: „Infolge hier umlaufender Gerüchte, die anscheinend ganz systematisch (…) über den Obersturmführer Kuckuck in der letzten Zeit verbreitet worden sind, sammelte sich gestern abend gegen 20 1/2 Uhr auf dem Schmiedeberg eine größere Anzahl von Volksgenossen, die mit Protestrufen gegen den verdächtigen Verbreiter der Gerüchte, einen jüdischen Viehhändler, Stellung nahmen und ihrer Empörung über solche Brunnenvergiftung, von der man annimmt, daß sie aus persönlichen und geschäftlichen Gründen erfolgt, in unmißverständlicher Weise Luft machten. Die Gruppe begab sich vor das Haus des verdächtigen Verleumders und forderte dessen Inschutznahme.“
Die Hetze gegen jüdische Geschäftsleute und all die, die noch bei ihnen kauften, zeigte Wirkung: Bei Seligmann und dem Bekleidungsgeschäft Heilbronn kaufte kaum noch jemand, der Viehhändler Anspacher konnte mangels Konkurrenz sein Geschäft noch weiterführen. 1935 kamen die „Nürnberger Gesetze“, die den Juden die letzten staatsbürgerlichen Rechte
– inklusive einer Heirat mit „arischen“ Partnern – entzogen. Gerade noch rechtzeitig verkaufte Heilbronn im Juni 1937 nach dem Tod seiner Frau sein Geschäft an Erich Froboese und wanderte nach England aus. Albert Seligmanns Laden wurde im März 1937 nach Denunziation wegen angeblicher Steuerhinterziehung polizeilich geschlossen. Trotz aller Angriffe der Nazis glaubte Seligmann immer noch an den Rechtsstaat – seine Klage gegen die Geschäftsschließung ist ein seltenes Dokument dafür, daß viele Juden Ausmaß und Konsequenz des Nazi-Terrors noch 1937 nicht begreifen wollten. Albert Seligmann beschwerte sich beim Landrat, schrieb ans Reichsinnenministerium und ließ schließlich seinen Sohn die Gründung eines neuen Betriebs beantragen, der von der Handwerkskammer unter Rückgriff auf eine weitere Denunziation „wegen der notorischen Unzuverlässigkeit des Wilhelm Seligmann“ abgelehnt wurde. Wegen eines Formfehlers konnte Seligmann Klage einreichen, doch kurz vor dem Verhandlungstermin zog Seligmann seine Klage zurück – sein Sohn hatte sich Ende 1937 mit Frau und Kind nach Amerika aufgemacht. Albert Seligmann blieb und hoffte auf bessere Zeiten.
Die Nazis jedoch arbeiteten systematisch an der „Endlösung“. 1938 mußten Juden die Zusätze „Sarah“ und „Israel“ im Namen führen, sämtliche Zulassungen jüdischer Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheker, Hebammen und Krankenpfleger erloschen, Juden bekamen keine öffentliche Fürsorge mehr, durften ihr Abitur nicht mehr gemeinsam mit den „arischen“ Mitschülern ablegen – den vorläufigen Höhepunkt erreichte der antisemitische Terror jedoch mit der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 („Kristallnacht“). Nachdem man mit dem Attentat auf den Pariser Gesandtschaftssekretär Ernst von Rath einen geeigneten Anlaß gefunden hatte, erging noch in der Nacht des 9. Novembers der Befehl an die SA: „Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. … Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken. … Die Feuerwehr darf nicht eingreifen.“ Die Gestapo-Stellen wurden angewiesen, „in allen Bezirken so viele Juden … festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können“ und unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in Lagern Verbindung aufzunehmen.“
Das angeblich spontane Pogrom schildert das Kreisblatt vom 10. November 1938: „In Achim zogen zahlreiche Volksgenossen im Morgengrauen vor die Wohnungen der hiesigen Juden. Vorher hatte sich vor der hiesigen Synagoge eine empörte Menge angesammelt, um ihren Abscheu über die neue abgrundtiefe Niedertracht der Methoden, mit denen immer wieder Deutsche von Juden gemeuchelt werden, auszudrücken. In wenigen Augenblicken war dies verfluchte Symbol Jehovas, das Prinzip des ewig Bösen, zerstört. Es wäre wahrscheinlich in Flammen aufgegangen, wenn nicht für die unmittelbar angrenzenden Häuser Gefahr bestanden hätte. Von dem flammenden Zorn unserer Achimer Volksgenossen erhält man ein Bild, wenn man die Überreste dieses schmierigen Judentempels sieht: es blieb buchstäblich kein Stück aufeinander und daß unser Ort niemals wieder durch ein ähnliches ‚Kleinod‘ verbrecherischer Giftmischerei verschandelt wird, das sind wir den Gemordeten der Bewegung schuldig. … Die Menge bewegte sich dann zu den Wohnstätten der übrigen, noch im Orte ansässigen Juden. Die Wohnungssuche förderte die unglaublichsten Dinge zu Tage, die eine beredte Sprache sprechen. Die Abbejörderung des Materials allein beim Juden Anspacher nahm mehrere Stunden in Anspruch. Ganze Wäschekörbe voll von Schriftstücken werden beschlagnahmt. …“
Viele Achimer machten mit bei den Plünderungen oder profitierten davon später bei Versteigerungen jüdischen Besitzes.
Was der Artikel verschweigt: Für die noch in Achim lebenden Juden bedeutete die Reichspogromnacht das Ende: Im Morgengrauen des 10. Novembers holte die Achimer SA alle jüdischen Mitbürger aus ihren Häusern, und verfrachtete sie in einen Zug Richtung Konzentrationslager. Die Ehefrau des Schlachters Seligmann soll Gerüchten zufolge schon tot gewesen sein, als der Zug in Mahndorf hielt – die Familie Anspacher landete in Minsk.
„Dort sind am 28. und 29. Juli 1942 insgesamt 10.000 Juden liquidiert worden, 6.500 aus Rußland, der Rest aus deutschen Städten wie Berlin und Bremen. Nur sechs der Verschleppten überlebten das Massaker von Minsk [20]“ Einer der Überlebenden: Curt Anspacher, der Sohn des Achimer Viehhändlers.
„Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“, hatten Achimer Sozialdemokraten noch am Vorabend der letzten Reichstagswahl geklebt – sie sollten Recht behalten. Am 1. September begann der Überfall auf Polen, der Anfang des 2. Weltkrieges. Anfang 1943 dann das Desaster in Stalingrad, Reichspropagandaminister Goebbels proklamierte den „totalen Krieg“, die Rohstoffe wurden knapp, die Bevölkerung zum Sparen und Sammeln von Rohstoffen verdonnert. Ein Erlaß des Regierungspräsidenten Stade vom 1. Oktober 1942 verfügte angesichts der „volkswirtschaftlichen Bedeutung der Bucheckern, Hagebutten und Kastanien“, „die Schüler und Schülerinnen haben sich vor allem bei der Bucheckernsammlung einzusetzen. Hagebutten und Kastanien sammelt die Hitlerjugend…“ Im Krieg wurde auch die Jugend gebraucht, zunächst nur, um „das Wettrüsten der Hitler-Jugend für den
Weihnachtsmarkt“ durch die Anfertigung von Spielsachen im Rahmen des Werkunterrichts zu unterstützen [21], später dann als letztes Kanonenfutter des untergehenden Reichs.
Während im März 1945 die deutsche Westfront zusammenbricht, werden im „Deutschen Volkssturm“ Alt und Jung zum letzten Aufgebot gestellt. Per Zeitungsnotiz [22] werden im März 1945 die Kompanien des „Volkssturms“ aufgerufen, im Sparkassengebäude ihren Wehrpaß vorzulegen.
Obwohl der NS-Staat für alle sichtbar kurz vor dem Zusammenbruch steht, werden selbst von den kleinsten Parteifunktionären noch schwülstige heroische Durchhalteparolen für den letzten Kampf ausgegeben. Am 26. März wird sogar noch ein Jahrgang auf den Führer verpflichtet [23] – zu der Feier im Schützenhof sammelten sich Hoheitsträger, politische Leiter, Familienangehörige und Lehrer der Vierzehnjährigen um die „fahnenflankierte Büste des Führers“. Obwohl es „kein Fest sorgenlosen Genießens und lauter Fröhlichkeit“ war, führte NSDAP-Vertreter Rabe dem jungen Kanonenfutter in heroischem Tonfall die Hitlerjugend als leuchtendes Vorbild vor, „die in höchster Bewährung im Volkssturm heute das Eiserne Kreuz für ihren Kampf mit der Waffe in der Hand erhielten“ und scheute sich nicht, den Jugendlichen das Motto „Frisch gewagt, ist halb gewonnen!“ ans Herz zu legen.
Heute wirken diese Durchhalteparolen makaber oder lächerlich – doch die Achimer Nationalsozialisten schienen ihren eigenen Propagandaparolen vom Endsieg aufgesessen zu sein. Als am 21. April die britische Armee vor Achim steht und ultimativ die Kapitulation der Kleinstadt verlangt, bleiben Militär und Politiker hart – die Stadt wird für alliiertes Bombardement und Artilleriefeuer freigegeben. Am 22. April ist Achim befreit, am 8. Mai kapituliert Nazi-Deutschland.
Wie gesagt, Achim ist eine völlig normale Stadt.
Wenige Jahre später hat Achim die Erinnerung an seine braune Vergangenheit erfolgreich verdrängt: Nazis? Hat es hier kaum gegeben. Im Zeichen des kalten Kriegs konnte man schon bald wieder alle Schuld von sich weisen und gegen Antifaschisten und Sozialdemokraten wettern, wie eine Zeitungsnotiz, wahrscheinlich etwa aus dem Jahre 1949 [24], beweist, die über Kritik an den „Auswüchsen“ des Kreisentnazifizierungsausschusses berichtet. Während in den Nachbarkreisen Rotenburg und Osterholz nur 5 bzw. 7 Personen als Aktivisten eingestuft worden seien, seien es im Kreis bereits 64. Empört über die „übertriebene Entnazifizierung“ im Kreis hätte sich nicht nur der Bezirksinspektor für die Entnazifizierung, Josef Vollbach-Stade, sondern auch die Parteien-Vertreter Dietz (CDU Verden), Nodorp (DP Stade) und Willmsen (DP Verden) gezeigt – einzig und allein die SPD-Vertreter, so der Artikel in unterschwellig vorwurfsvollem Tonfall, hätten zu den Vorwürfen geschwiegen. Der stellvertretende Gauleiter Peper ist anderer Meinung [25]: „Achim ist eine alte Stätte des Kampfes der NSDAP aus den Anfängen der Bewegung. Es hat schon frühzeitig das Gedankengut unseres Führers aufgenommen und kämpferisch weitergetragen…“

Anmerkungen:
[1] „So feiert Achim das Erntedankfest“, Achimer Kreisblatt vom 30.9.1938
[2] Griep, Wolfgang: Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Zur Geschichte der Achimer Juden im Dritten Reich. In: Geschichtswerkstatt Achim (Hg.), Achimer Geschichts-Hefte Nr. 1, November 1988, S. 5 ff
[3] Sonderseiten des Achimer Kreisblattes am 20./21. Mai 1944
[4] Die Ausführungen über die Judenverfolgung stützen sich im wesentlichen auf Artikel im Achimer Kreisblatt sowie den Aufsatz „Verfolgt, vertrieben, vernichtet.“ in den Achimer Geschichts-Heften (s.o.) von Wolfgang Griep, dem wir für seine Mithilfe ausdrücklich danken. Ein Großteil der Berichte aus dem Kreisblatt ist auch in der Broschüre „Achim im Dritten Reich“ (Verein für kommunale Kulturarbeit in Achim e. V. (Hg.), 1982) abgedruckt.
[5] vgl.: Griep, Wolfgang a. a. 0.: Adolph Schulze übernahm 1934 das Amt des Ortsgruppenleiters der NSDAP-Ortsgruppe in Achim als Nachfolger Wilhelm Riekes.
[6] Achimer Kreisblatt, 20/21.5.1944; abgedruckt in: Achim im III. Reich. Eine Dokumentation nebst Anhang. Achim: Kulturverein 1982; S. 54 ff
[7] Zehn Jahre Hakenkreuz über Achim: 28. September 1924 – 28. September 1934
Jahresbericht der NSDAP, Ortsgruppe Achim 1934. Achim 1935. Druck Johann Oltmanns, Achim in Hannover; S. 7 ff
[8] Ein Original dieser zeitgenössischen Anstecknadel befindet sich im Archiv der
Geschichtswerkstatt Achim.
[9] Zehn Jahre Hakenkreuz über Achim, a.a.O., S. 7
[10] vgl. Achim im III. Reich, a.a.O., S. 11
[11] Achimer Kreisblatt, 26.1.1931
[12] vgl. Gerhold, Karlheinz: Die Eiserne Front steht. ; In: Achimer Geschichts-Hefte, Heft 3, S. 39 ff
[13] vgl. Gerhold, Karlheinz: Was bedeuten die drei Pfeile …; In: Achimer Geschichts-Hefte, Heft 2, S. 7 ff
[14] Kopie des im Staatsarchiv Stade verwahrten Originals im Archiv der Geschichtswerkstatt Achim.
[15] Achimer Kreisblatt, 2.5.1933
[16] vgl. Korte, Horst: Die Gleichschaltung.; In: Achimer Geschichts-Hefte, Heft 3, S. 23 ff.
[17] Achim im III. Reich, a.a.O., S. 11
[18] Achimer Kreisblatt, 1.8.1933
[19] Achimer Kreisblatt, 24.11.1934
[20] Horst Lachmann: „Adolf Rothschild leitete das jüdische Internat“. Achimer Kurier vom
9. November 1978
[21] Erlaß über „Kriegseinsatz der Hitler-Jugend im Winterhilfswerk 1942/43“. In:
Amtliches Schulblatt für den Regierungsbezirk Stade, Nr. 19 (1942)
[22] Achimer Kreisblatt, 26.3.1945
[23] „Die Tugenden größer werden lassen, die urdeutsch sind!“, ebd.
[24] „Rekorde“ der Entnazifizierung. Scharfe Kritik am Verdener
Kreis-Entnazifizierungs-Ausschuß, wahrscheinlich von einer Dezemberausgabe des Achimer Kreisblatts.
[25] „Achim weihte das erste Gemeinschaftshaus des Gaues“, Achimer Kreisblatt vom 6.2.1939

Achim im III. Reich

Eine Zeittafel

Januar 1924 Gründung einer Ortsgruppe des Deutschen Herold in Achim
28. Mai 1924 Erste Veranstaltung der „völkischen Bewegung“ in Achim im Hotel Stadt Bremen zum Thema „Nationaler Sozialismus oder internationaler Marxismus“
28. September 1924 Anschaffung der Achimer Hakenkreuzfahne, Wilhelm Rieke ist erster Ortsgruppenleiter der NSDAP-Ortsgruppe Achim
25. Januar 1931 Reichsbannerführer Otto Hörsing beurteilt den Nationalsozialismus im Achimer Schützenhof als Modekrankheit
17. Juli 1932 Nazis stören SPD-Veranstaltung in Achim
30. Januar 1933 Hitler wird zum Reichskanzler ernannt
6. Februar 1933 Haussuchung in Wohnungen „linksradikaler Elemente“ in Achim
8. Februar 1933 Nazis stören die Aufführung des Antikriegsfilms „Im Westen nichts Neues“ im Achimer Lichtspielhaus Odeon
28. Februar 1933 Haussuchung bei Achimer KPD-Funktionären
Ende März 1933 Beurlaubung der Badener SPD-Beigeordneten im Gemeinderat
April 1933 Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte, u. a. Heilbronn, Achim
1. Mai 1933 Maifeiertag bereits unter NS-Vorzeichen; letzter Aufmarsch der Freien Turnerschaft Achim vom Arbeiter-Turn- und -Sportbund
2. Mai 1933 Zerschlagung der Gewerkschaften
12. Mai 1933 Beschlagnahme der Kasse des SPD-Ortsvereins Achim
Mai 1933 Gleichschaltung fast aller Vereine und Verbände
28. Mai 1933 Verbot der Veranstaltungen der Arbeiter-Turn- und -Sportvereine
Mai–Juli 1933 „Schutzhaft“ für zahlreiche Oppositionelle
22. Juni 1933 Verbot der SPD
14. Juli 1933 Verbot der Neubildung von Parteien
28. September 1934 Die NSDAP-Ortsgruppe Achim feiert „Zehn Jahre Hakenkreuzfahne über Achim“
10. Januar 1935 Der Plattdeutsche Heimatverein Achim geht als Abteilung „Volkstum und Heimat“ in die NS-Kulturgemeinde ein
Juni 1937 Die jüdische Familie Heilbronn veräußert ihr Textilgeschäft und emigriert nach England
9./10. November 1938 „Reichskristallnacht“ auch in Achim, Zerstörung der Achimer Synagoge; Deportation fast aller Achimer Juden in Konzentrationslager
5. Februar 1939 Einweihung eines Gemeinschaftshauses der NSDAP-Ortsgruppe Achim in Anwesenheit des Gauleiter-Stellvertreters Peper
1. September 1939 Beginn des II. Weltkrieges
22. April 1945 Die Engländer besetzen Achim
8. Mai 1945 Bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und Befreiung vom Faschismus; der II. Weltkrieg forderte 55 Millionen Menschenleben

im Raum des Landkreises Verden mit Schwerpunkt Achim und die durchgeführten Vorarbeiten
– Der Kanal, der nicht gebaut wurde

Gerhard Bartel, Blender
(aus: 900 Jahre Achim, Sonderdruck aus dem „Heimatkalender für den Landkreis Verden 1991“, Hrsg.: Landkreis Verden

Geleitwort
Dieser Artikel ist nur durch die Existenz eines Erläuterungsberichts „Technische Erläuterungen des Hansa-Kanal-Entwurfs“ und „Untersuchung der Wirtschaftlichkeit des Hansa-Kanal“, aufgestellt vom Preuß. Vorarbeitenamt für den Hansa-Kanal in V erden/Aller im März 1930 durch den Reg. Baurat Schulemann ermöglicht worden. (Der Bericht hat 520 Seiten Din A 4.)

Manch‘ Einwohner von Achim und Umgebung wird es nicht wissen: Zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg gab es eine sehr umfangreiche Planung für einen Kanal, der durch Achim verlaufen und das Ruhrgebiet (Mittellandkanal bei Bramsche) mit dem Hamburger Hafen verbinden sollte. Dieser Kanal sollte den Namen Hansakanal tragen.
Die historische Entwicklung geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die ersten Pläne für den Bau einer Wasserstraße zwischen Rhein und Nord- und Ostseehäfen gehen auf Friedrich II. d. Gr. zurück, der 1774 der Stadt Emden einen Kanal in Aussicht stellte, welcher die Ems mit der Weser und später mit der Elbe verbinden sollte. Zwischen 1802 und 1814 ließ Napoleon I. aus
militärischen Gründen Vorarbeiten für Wasser- und Heerstraßen zwischen Köln und Lübeck ausführen.
Die politische Zerrissenheit Deutschlands und seine Verarmung nach den Freiheitskriegen ließen diese Planungen für ein halbes Jahrhundert ruhen. Die Entwicklung des Eisenbahnverkehrs drängte sie durch den großen Aufschwung des Wirtschaftslebens zurück. Erst die Reichsgründung 1871 ließ die Menschen erkennen, daß die Eisenbahn nicht allen Verkehrsanforderungen, vor allem Massengütertransporten, gerecht werden konnte und daß die Wasserstraßen billiger sind und damit erst der Massengüteraustausch ermöglicht wurde.
Schon während des Baus des Mittellandkanals (Ministerialdirektor Sympher) vor dem 1. Weltkrieg fanden die ersten Vorarbeiten für die Verbindung mit Weser und Elbe im Ministerium statt.
Der Ausgang des 1. Weltkrieges (u. a. fehlte dem Handel die Flotte) bewirkte, daß führende Männer der Wirtschaft in der Schaffung leistungsfähiger Wasserstraßen den Weg zum Wiederaufstieg sahen. Mit im Vordergrund stand der Hansa-Kanal, um durch billige Frachten den deutschen Handel zu beleben und eine Steigerung des Kohlenabsatzes in den Küstengebieten zu erreichen.
Umstritten war die Linienführung. Die Weser brachte einen Umweg von über 100 km, d.h. eine Wegeverlängerung von mehr als 1/3.
So entstand eine Reihe von Entwürfen, die die Öffentlichkeit beschäftigten. Die Bremer Baubehörde veröffentlichte 1919 einen Entwurf mit der Bezeichnung „Bramsche-Stade-Kanal“.
Oberbaurat Höch aus Hamburg nannte seinen Entwurf „Hoya-Kanal“ (Hoya-Seevemündung).
Ein anderer Entwurf vom Strombaudirektor Plate aus Bremen, genannt „Achim-Kanal“, verlief von Bramsche bis zur Hunte, kreuzte die Weser bei Achim und erreichte das Elbetal bei Buxtehude (Einmündung bei Moorburg in die alte Südereibe).
Zu dieser Zeit hatten sich Kohlebergbau, Schwerindustrie, Großhandel und Schiffahrtsverbände sowie die Handelsplätze an der Küste zur „Zentralstelle der Hansa-Kanal-Vereine“ zusammengeschlossen. Die Verhandlungen mit dem Verein führten dazu, daß der Strombaudirektor Plate 1922 einen neuen Entwurf aufstellte, der die Vorteile der verschiedenen Linienführungen vereinigte und die Billigung der beteiligten Kreise fand.
Dieser Entwurf wurde von den Senaten Hamburgs, Bremens und Lübecks dem Reichsverkehrsministerium mit dem Hinweis auf die große volkswirtschaftliche Bedeutung des Hansa-Kanals mit der Bitte vorgelegt, sich für die Schaffung einzusetzen.
Die Wasserstraßendirektion Hannover erhielt den Auftrag, zum Entwurf und der Wirtschaftlichkeitsberechnung Stellung zu nehmen. Das Ergebnis dieser Stellungnahme ließ die große wirtschaftliche Bedeutung des Hansa-Kanals erkennen und gab den Anlaß zur Inangriffnahme eingehender Vorarbeiten. Durch Erlaß des Preuß. Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten sowie des Reichsverkehrsministers vom 7. Januar 1927 wurde in Verden/Aller am 15. 1. 1927 das preuß. Vorarbeitenamt für den Hansa-Kanal errichtet. Es sollte die Vor- und Entwurfsarbeiten ausführen.

Die Entwurfsbearbeitung begann mit Außenarbeiten zur Herstellung der Entwurfsunterlagen. Es mußten alle 500 bis 1000 m Höhenfestpunkte gesetzt werden, die durch Feineinwägung bestimmt wurden.
Das Gelände wurde dann in einem etwa 1 km breiten Streifen 500 m rechts und links der Kanalachse aufgenommen (Tachymetrie). Die eingemessenen Höhen wurden in Katasterkarten, die auf einen einheitlichen Maßstab gebracht waren und vielfach vor allem bezüglich der vorhandenen Gebäude ergänzt werden mußten, eingetragen und die Höhenlinien in Abständen
von 1 m gezeichnet.
Die Höhenaufnahmen, die örtlichen Besichtigungen und die Ergebnisse der (nachfolgend noch behandelten) Bohrungen zwangen mehrfach dazu, die Kanallinie zum Teil wesentlich, in einzelnen Fällen auf Längen bis 20 km, zu verlegen.
Nach der endgültigen Ausarbeitung der Kanallinie in den Karten und Plänen wurde die Achse im Gelände abgesteckt.
Danach folgte Längsaufmessung der Achse einschließlich Einwägung. Die Ausarbeitung war 1:2500 für die Längen und 1:100 für die Höhen.
Gleichzeitig waren Bohrungen zur Feststellung des Untergrundes und der Höhe des Grundwasserstandes auszuführen. Zur Beobachtung des Grundwassers wurden die Bohrlöcher mit Rohren versehen. Die Bohrung erfolgte wenigstens 6 m tief. Die tiefste Bohrung bei Harsefeld erreichte über 100 m. Insgesamt sind mehr als 1000 Bohrungen mit mehr als 10300 fallenden Metern niedergebracht worden.

Linienführung im Detail – Achimer Raum
Die örtlichen Gegebenheiten (Niederung an der Weser +6 bis +10 m über NN), schroffe Uferanhebung rechtsseitig bis zu 30 m über die Niederung und der Kreuzungsverkehr führten zur Planung einer Überbrückung, die sich zwingend ergab und notwendig war, obwohl sie etwa 28 Mill. RM mehr kostete.
Die Kreuzungsstelle Achim ergab sich, weil das Wesertal an seiner engsten Stelle der Strecke Okel – Osterholz zu überqueren war (Kosten der Dammstrecke).
Bei Achim wird die Linienführung durch die Ortslage von Achim (damals 4000 Einwohner) und des Dorfes Uesen bestimmt. Die Bebauung beider Orte läßt zwischen sich das sogenannte Mühlenfeld frei, während an der Straße nach Baden die Bebauung ineinander übergeht. Das Hindurchführen des Hansa-Kanals an dieser Stelle hätte bewirkt, daß dem Bau 8 Wohnhäuser zum Opfer gefallen wären.
Ein besonderes Problem waren die vorhandenen Verkehrswege, die vom Kanal gekreuzt werden. Sie erfordern Unter- oder Überführungsbauwerke.

Geplant waren:

Art der Kreuzung Verbindung von–nach
(Dibberser Abstieg)
Landwegunterführung Riede–Dibbersen
Landstraßenbrücke Bremen–Thedinghausen
(Hauptkanal)
Landstraßenunterführung Bremen–Verden
Landwegunterführung Dibbersen–Eißel
Straße Achim–Uesen
Landstraßenbrücke Achim–Verden
Landstraßenbrücke Achim–Baden
Eisenbahnbrücke zweigl. Hauptbahn Bremen–Hannover
Feldwegbrücke Borstel–Baden
Feldwegbrücke Bassen–Baden
Landwegbrücke Achim–Schanzendorf
Feldwegbrücke Bassen–Wümmingen
Feldwegbrücke Bassen–Brammerhof
Landstraßenbrücke Bremen–Ottersberg
Bassen–Harburg
Eisenbahnunterführung zweigl. Hauptbahn Bremen–Harburg
Straßenunterführung Quelkhorn–Ottersberg
Campe–Harburg
Feldwegbrücke Quelkhorn–Otterstedt

Eine Planvariante des Hansa-Kanals im Bereich der Gemarkung Uesen. (Zur Orientierung: Das Grundstück „Achimer Windmühle“ (links) und der Bereich Ecke „Obernstraße“, „Schifferstraße“ und „Uesener Mühlenweg“ sind rot markiert.

Die weitere Planung verlief so: Von Uesen aus ist der nächste die Linienführung bestimmende Punkt die Kreuzung des Wümmetales, das wegen der hohen Dammkosten an der engsten Stelle zwischen Bassen und Ottersberg in Richtung auf das Walletal überschritten werden muß.
In diesem Verlauf ist das Land fast unbesiedelt. Im Schaf- und Hollenmoor wird das 1 – 2 m mächtige Moor beseitigt, damit die Dämme auf mineralischen Boden geschüttet werden können.
In den Talsenken des Bassener Mühlengrabens und des Petershollengrabens wird Boden auf rd. 2 bzw. 1 km Länge aufgetragen.
Für die Stadt Achim ist ein Wasserbauamt und ein Wasserbausekretärsgehöft vorgesehen.
Die (noch vorhandenen) sehr umfangreichen Erdmassenberechnungen (Ausbaggerung und Auftrag an anderer Stelle) umfassen immerhin 16 Millionen m3!
Ein wesentlicher Teil der Entwurfsarbeiten war die „Untersuchung der Wirtschaftlichkeit des Hansa-Kanals“.
Dieser im März 1930 in Verden aufgestellte Bericht (Reg. Bauräte Schulemann und Bollmann) untersucht Berechnung der Schiffsfrachten, Fahrzeiten, Verkehrsaufkommen für 1927, Kohlenverkehr im Küstengebiet, Eisenbahntarife, Seefracht von England, Preis der englischen Kohle usw.
Das Ergebnis der Wirtschaftlichkeitsberechnung, die bis in das Jahr 1951 vorgreift (!), ist, daß Verzinsung und Tilgung im Laufe der Jahre steigt, um bei dem entwickelten Verkehr des Jahres 1951 5,4% zu erreichen und bei weiterer Verkehrssteigerung noch zuzunehmen (lt. Kostenanschlag nachgewiesene Bausumme von 370 Mill. RM, Gesamteinnahme 1951 nach Abzug der Unterhaltung 19.887.000,- RM).

Kosten
Die Baukosten des Hauptkanals wurden 1930 mit 370 Millionen Mark veranschlagt. Darin waren Grunderwerb (15,7 Mill.), Erdarbeiten (139,1 Mill.), Bauwerke (153,8 Mill.), Nebenanlagen (4,7 Mill.) und anderes sowie Bauleitungs- und Verwaltungskosten (21 Mill.) enthalten.
Frühere Entwürfe sollten in Vorkriegspreisen kosten:

Plate (1922) 133,0 Mill.
Tincauzer (1925)) 160,5 Mill.
Wasserstraßendirektion Hannover (1926)) 222,2 Mill.
Vorarbeitenamt Verden (1930)) 257,5 Mill.
nach Jetztpreisen 1930) 370,0 Mill.

(Es geht weiter nach Heraklits „Alles fließt“.)
In einem Erläuterungsbericht ist zu lesen:
Mit Erlaß des Reichsverkehrsmin. vom 19. 4. 1938 wurde am 1. Mai 1938 die
Vorarbeitenabteilung für den Bau des Hansakanals in Hamburg-Harburg errichtet … Es sollte untersucht werden, welchen Einfluß ein Ausbau für 1.500-t-Schiffe auf Linienführung und Kosten haben würde. Zwischen Weser und Elbe schienen hinsichtlich der Streckenführung nur geringfügige Änderungen notwendig. Wohl wesentlich kriegsbedingt kam es aber nicht mehr zu einer Verwirklichung des Projekts.
„Nach dem Kriege wurden im Jahre 1950 die Bebauungsbeschränkungen in der Trasse des Hansa-Kanals westlich der Weser aufgehoben, als feststand, daß die Arbeiten an der Mittelweser-Kanalisierung weitergeführt werden sollten. 1955 wurde auch die Trasse des Ostflügels freigegeben, nachdem man zu der Überzeugung gelangte, daß die Abzweigungen des Kanals aus Weser und Elbe wegen des zwischenzeitlichen Ausbaues dieser Flüsse änderungsbedürftig seien.“
Etwa 1960 gab es neue Untersuchungen in Sachen Hansakanal, allerdings nur unter der Voraussetzung, „daß es sich nach Fertigstellung der Mittelweserkanalisierung nur noch um eine Verbindung zwischen Weser und Elbe handeln kann.“
Ob der Kanal vielleicht doch noch irgendwann gebaut wird?

von
Miriam Lerbs und Bianca Bauersfeld

Am 21.04. 1945 entstanden durch ein konzentriertes Luftbombardement schwere Schäden. Betroffen waren das Rathaus, die Verdener Straße und die Meislahnstraße. Einen Tag danach, am 22.04.1945 gegen 5.00 Uhr morgens, wurde Achim von den Briten befreit. Am 08.05.1945 war der 2. Weltkrieg vorbei. Die Kampfhandlungen waren beendet und das Leben war wieder sicherer geworden. Die Menschen waren mit Aufräumarbeiten und Wiederaufbau beschäftigt. Damit genügend Bauarbeiter für den Wiederaufbau zur Verfügung standen, wurden sie in Bierden auf einer Lehrbaustelle ausgebildet.
Erlöst von der Parteidiktatur glaubten die Menschen, dass sie sich wieder an ein friedliches, menschenwürdiges Leben gewöhnen könnten. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sie noch lange nicht ihr Leben nach eigenem Ermessen gestalten konnten. Der britische Kommandant hatte seit dem Einmarsch in Achim die Befehlsgewalt. Vorher bestimmten Ortsgruppen- und Kreisleiter der NSDAP über das Leben in Achim. Ehemalige Mitglieder der NSDAP bekamen eine „Entnazifizierungsurkunde“, wenn sie nachweisen konnten, dass sie z.B. das Parteibuch geführt hatten und keine weiteren Verbrechen begangen hatten.
Es folgten die ersten trüben Nachkriegsjahre.
Ausgebombte aus den benachbarten Großstädten, Flüchtlinge aus den Ostgebieten und schließlich die Heimatvertriebenen, ließen die Einwohnerzahl in die Höhe schnellen. Im Achimer Bahnhof trafen gegen Ende des Krieges Hunderte von Flüchtlingen in Güterwaggons aus den Ostgebieten ein.

Der Achimer Bahnhof

Am 1. Dezember 1945 lebten in Achim 4430 Einheimische und 1661 Flüchtlinge, das waren 6091 Einwohner. 1946 gab es in Achim 6851 Einwohner. Die Zahl der Ausgebombten belief sich auf 1005. 1948 betrug die Einwohnerzahl schon 7397.
Wohnraum stand nur noch begrenzt zur Verfügung. Einige Flüchtlinge waren in Baracken in der Brauerstraße untergebracht. 1953 entstanden in Achim in der Mühlenstraße die ersten Reihenhäuser, um die Baracken abreißen zu können.
Nach der Währungsreform 1948 konnten einige Achimer die Kreditraten für ihre Häuser nicht mehr bezahlen. Die Bank, untergebracht in einem Anbau des Hotels „Stadt Bremen“, kaufte die verschuldeten Häuser von einem Bauunternehmer, ließ die Bewohner als Mieter weiter wohnen und verkaufte sie ihnen in wirtschaftlich besseren Zeiten wieder.

Nahrung, Kleidung, Fensterglas, Heizung und Krankenhausbetten waren nach dem Krieg kaum vorhanden. Das Krankenhaus wurde von dem DRK geführt und war während des Krieges im heutigen Amtsgericht untergebracht. 1948 wurde ein neues Krankenhaus eröffnet, dort befindet sich heute der Kindergarten der Lebenshilfe.

Im Juli 1945 gab es in der Energieversorgung Engpässe. Es trafen drei Ladungen Koks in Achim ein, die aber überhaupt nicht ausreichten. Von den Eisenbahnwaggons wurde von einigen Bürgern Koks gestohlen. Aus Mangel an Feuerholz wurden im Winter 1945 der Achimer Bürgerpark und der Kamerun von der Bevölkerung weitgehend abgeholzt. Das Holz wurde verheizt, um den Winter überstehen zu können.

Im Jahre 1946 verschlechterte sich die Versorgungslage im Landkreis rapide. Besonderer Mangel bestand an Fett, Fleisch und Mehlerzeugnissen. Es kam zu mehreren Diebstählen und Einbrüchen. Viele Güter des alltäglichen Bedarfs mussten organisiert werden. Statt Weizen wurde Mais verarbeitet. In der Achimer Simonsbrotfabrik ist Maisbrot hergestellt worden.

Im Mai 1946 hat die Gemeinde Torfstecher zur Verbesserung der Versorgungslage eingestellt. Der Torf wurde als Brennmaterial benutzt.

Nach Kriegsende, im Dezember 1945, wurde Fritz Rübeck der 1. Bürgermeister von Achim. Durch den Beschluss des Gemeinderats und mit der Genehmigung durch die Militärregierung wurde das alte Wappen von Achim als Gemeindewappen und Amtssiegel eingeführt und am 31. März 1948 vom Regierungspräsidenten in Stade genehmigt. Der Schlüssel ist dem Wappen des Erzstiftes Bremen nachempfunden. Die Bärentatze geht auf das Adelsgeschlecht der Clüver und Stumpenhusen zurück.

Pfingsten 1946 waren in Achim die ersten Kommunalwahlen nach dem Krieg: Bürgermeister wurde Friedrich Grothen.
Im Jahre 1948 gründete Karl Heinz Laue in der demokratischen Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit die Achimer Falken, die bis heute aktive Jugendarbeit in Achim organisieren und anbieten. In Achim hieß es bald: „Geh zu Falkens, da wird was geboten, da ist etwas los, da kannst du was erleben!“ 1951 übernahm Karl Ravens, der später Bundesminister wurde, die Leitung der Achimer Falken (Jungsozialisten, SPD). Am Anfang trafen sich die „Falken“ in einer Baracke auf dem Marktplatz. Dort steht heute das Rathaus.
Außerdem befand sich hier der 1. Kindergarten Achims, der von der Evangelischen Kirche 1945 gegründet wurde. 1952 wurde die Baracke abgerissen.
Der Ev. Kindergarten ist seit 1954 im ehemaligen Küsterhaus neben der St. Laurentius-Kirche untergebracht.

Seit 1954 steht den Achimer Falken das Falkenheim in der Breslauer Straße zur Verfügung.

Am 8. April 1948 hat sich der Gemeinderat einstimmig für die Wiederherstellung der zerstörten Weserbrücke in Uesen entschieden. Die Brücke ist 1945 kurz vor dem Einmarsch der Briten in Achim gesprengt worden.

Am 20. Juni 1948 gab es eine Währungsumstellung in den damaligen britischen, amerikanischen und französischen Besatzungszonen. Die Steuern gingen bei der Gemeinde Achim nur schleppend ein. Das Geld war knapp geworden. Die öffentliche Fürsorge (AWO) musste für viele Eltern die Kosten für die Schulspeisungen übernehmen. In den Jahren 1946 – 1949 erhielten die Kinder in der Schule die sogenannte „Schulspeisung“. Die Schulspeisung bestand aus verschiedenen Suppen: Es gab Schokoladensuppe aber auch Keks-, Brot- und Erbsensuppe. Diese Suppen wurden in ein Essgeschirr, dem „Henkelmann“, eingefüllt. Wer keinen Henkelmann besaß, bekam seinen Schlag Suppe in ein anderes mitzubringendes Gefäß. Manche Schüler hatten als Essgeschirr nur eine Konservendose mit Drahtbügel. Einige besaßen Kochgeschirr und Löffel aus den Überbleibseln der ehemaligen Deutschen Wehrmacht.

Zum Frühstück gab es häufig frische Brötchen und dazu Kakao. Zur Verteilung waren die älteren Schüler und Schülerinnen eingeteilt. Die Lehrer mussten die Verteilung überwachen, denn viele Schüler versuchten oft die Schulspeisungen mehrfach zu ergattern. Manche Kinder nahmen einen Teil ihrer Zuteilung mit nach Hause, um die anderen Familienmitglieder mit zu versorgen. So half die Schulspeisung bei der Versorgung vieler Familien mit. Fast ein halbes Jahr lang, in den Frühjahrs- und Sommermonaten des Jahres 1945, fiel jeglicher Unterricht aus. Erst im September wurde wieder unterrichtet. Im Winter fiel der Schulunterricht manchmal wegen Kohlenmangels aus. Die Schulspeisung fand aber trotzdem statt und keiner schwänzte die Schule.
In der heutigen Orientierungsstufe am Markt gab es ab 1945 für einige Jahre wirtschaftliche Schwierigkeiten für den Unterricht der Nachkriegszeit. Durch Zuzug der Heimatvertriebenen erhöhten sich ständig die Schülerzahlen. So betrug die Schülerzahl in einer Klasse des 5. Schuljahres 52 Schüler. Auch die im Hause untergebrachte Mittelschule vergrößerte sich ständig. Es herrschte überall eine bedrohliche Enge. Das Fehlen von Heften, Büchern und Turnzeug, wirkte sich negativ auf die Unterrichtsarbeit aus.

1951 bezog die Mittelschule ein eigenes Schulgebäude am Paulsberg. Trotz Nutzung der freiwerdenden Räume im Dachgeschoss blieb das Raumproblem für die Volksschule auch weiterhin bestehen. Nur im Bereich des Sportunterrichtes erfolgte durch den Anbau einer Turnhalle 1954 eine Entlastung.

Am 1. Mai 1949 hat der „Niedersächsische Minister des Inneren“ der Gemeinde Achim die Bezeichnung ,,Stadt“ verliehen.

Trotz Hunger und großer Wohnungsnot bestand ein ungeheurer Nachholbedarf an Vergnügungen aller Art. Im Schützenhof fanden Weihnachtsball, Ernteball, Silvesterball, Feuerwehrball und Landjugendball statt. Der „Achimer Musikverein“, eine 12-Mann-Kapelle, sorgte für die Musik.

Die Obernstraße war die Geschäftsstraße Achims. Hier konnten die Achimer ihre Einkäufe tätigen.

Eine weitere Attraktion war das Kino.
Waldemar Nachtigall und Paul Klappert konnten den Spielbetrieb im Odeon bereits Anfang 1946 wieder aufnehmen, viel früher, als dies Kinobesitzern in anderen Städten möglich war. Deutsche Filme waren noch nicht wieder zugänglich, so dass das Programm in erster Linie aus englischen Filmen bestand, die vor allem für die stationierten Truppen bestimmt waren. So wurden die Filme an getrennten Abenden den englischen Soldaten und den Einwohnern Achims gezeigt. Das Kino verfügte über 267 Sitzplätze.

Dies sind nur einige der wichtigsten Begebenheiten der Nachkriegsjahre von 1945 – 1955. Bei der Bevölkerung in Achim wuchs der Wohlstand weiter an und das „Wirtschaftswunder“ entwickelte sich auch in dieser Stadt. Die Arbeitslosen fanden Arbeit in größeren Firmen, wie z.B. bei DESMA oder bei der Bremer Textilfirma Runken.
Die Wohnungsnot wurde durch den Bau von Häusern verringert und die Lebensqualität verbesserte sich.

Quellen:
1. „Achim – Ein historischer Stadtspaziergang mit Karlheinz Gerhold und Günter Schnakenberg“,
Herausgeber: Heimatverein Achim, 1999 Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude

2. Horst Korte: „Stadt Achim“ – Geschichte und Gegenwart in Wort und Bild, Verlag H. Lüers Jever &
Thedinghausen, 1984

3. „Achimer Geschichtshefte“ Nr. 8, Regionalhistorisches Magazin der Geschichtswerkstatt Achim, Dezember 1995

4. „900 Jahre Achim“ – Geschichte/Gegenwart – 1091 – 1991, Herausgeber: Landkreis Verden

5. „Gruß aus Achim“ – Achim und die Ortsteile in alten Ansichten, Edition Temmen, 1991

6. „Orientierungsstufe Am Markt Achim“ – 1894 bis 1994, Festschrift 1994

7. Die Protokollbücher der Achimer SPD 1912 – 1954: „Gerüstet für die Kämpfe in kommender Zeit“; Ein Beitrag zur 125jährigen Geschichte der Achimer Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie, herausgegeben im Auftrag der Geschichtswerkstatt Achim, 1991

8. „100 Jahre Film- und Kinogeschichte in Achim“ – Eine Dokumentation zur Ausstellung des Kommunalen Kinos Achim, 1995

Die Geschichte des Schützenhofes reicht weit in die Vergangenheit zurück, wenn auch wohl die Eigentumsübergabe von 7 Hufen Landes und 8 Leibeigenen durch den Ritter Gerhard von Stumpenhusen an den Erzbischof Liemar für die Bremische Kirche, und damit die erste urkundliche Erwähnung Achims, nicht in ihm stattgefunden haben dürfte.

Die Gaststätte „Schützenhof“ um das Jahr 1890. Der alte Sommergarten hat immer mehr dem Verkehr weichen müssen und ist heute verschwunden. In die heutige Straßeneinmündung hinein stand das 1877 den preußischen Eroberern zum Trotz – und gegen viele Widerstände – erbaute Denkmal für die in der Schlacht bei Langensalza gegen die Preußen 1866 gefallenen Hannoveraner aus der Landdrostei (später Regierungsbezirk) Stade. Wie das Denkmal für 1870/71 wurde es in den Rathausgarten (altes Rathaus) umgesetzt.

Im Januar 1873 ersteht der Häusling Heinrich Bischoff in Achim den sogenannten „Berggarten“ für sage und schreibe 1600 Taler und soll diese Schulden bis 1877 – zahlbar jeweils Weihnachten – abtragen.

Damit beginnt die wechselhafte Geschichte des Schützenhofes, denn mit dem Kauf verbindet Bischoff die Absicht, auf dem Grundstück ein Wohnhaus und eine Tanzhalle zu errichten. Der Neubau soll nach der Genehmigung zwischen der Bergstraße und der0 Feldstraße unter der Bezeichnung „Haus Nr. 318“ erfolgen. Geplant ist eine Halle von 130 Fuß Länge und 36 Fuß Breite, sowie ein Wohnhaus von 54 Fuß Breite und 36 Fuß Länge.

Mit dem Bau der Tanzhalle wird sofort begonnen, allerdings, wie sich aus einer Untersuchung durch die Kronanwaltschaft vom 18. April 1873 herleiten läßt, wohl nicht besonders sorgfältig, denn am 15. April 1873 stürzt die Halle ein.

Der unternehmerische Optimismus Heinrich Bischoffs ist durch diesen Schlag jedoch nicht gebrochen, denn er stellt bereits im Juni des Jahres einen neuen Bauantrag, der diesmal den heutigen Grundriß hat. Dem Antrag wird mit der Auflage stattgegeben, er möge in Zukunft die Regeln der Baukunst beachten und nicht wieder auf halbsteinigem Fundament und mit schadhaftem Bauholz bauen. Offensichtlich hat er diesen Hinweis beherzigt, denn der Saal steht noch heute.

Mit der Genehmigung zur Betreibung einer Schenkwirtschaft wird Heinrich Bischoff zum „Schützenwirt“, der sich in einem Kontrakt dazu verpflichtet, für die Aktivitäten des Schützenvereins über 30 Jahre Räume zur Verfügung zu stellen. Auch der Turnverein will seine Turnübungen und Versammlungen sowie Festlichkeiten in seinen Localen abhalten. Selbst der Director Waitzmann fragt an, ob er theatralische Vorstellungen in den sehr geeigneten Räumen veranstalten kann.

So wird die Gastwirtschaft wohl einen erfolgreichen Anfang genommen haben, denn im Laufe der folgenden Jahre wird immer wieder angebaut und vergrößert.

Nach dem geheimnisumwitterten Tod Heinrich Bischoffs übernimmt seine Schwester Johanna, die ihm während all der Jahre geholfen hat, das Geschäft am 4. März 1899. In dem „Fragebogen zu dem Antrag der Anbauerin Johanne Bischoffin Achim um Ertheilung der Erlaubniß zum Betriebe der Gastwirthschaft und Schenkwirthschaft“ vom Februar 1899 heißt es am Schluß: „Wäre ein solches Etablissement in Achim nicht vorhanden, so müßte es geschaffen werden.“ Zu dieser Zeit zählt Achim 3070 Seelen, es werden 18 Gaststätten, 3 Schenkwirtschaften und 5 Kleinhandel mit Getränkeverkaufbetrieben. Über die Angaben im Fragebogen erfährt man, daß es 18 Räume im Schützenhof gibt, wovon 5 zur Wohnung und 13 zum Gewerbebetrieb gehören. Für die Gäste werden in Gasträumen 8 Tische und 24 Stühle bereitgehalten und im Saal können sich Schützenfest-, Tierschau- und Besucher größerer vaterländischer Feste auf 350 Stühlen und an 25 Tischen vergnügen. Auch eine hauseigene Pumpe ist inzwischen vorhanden.

Wieder vergeht eine lange Zeit, in der die Weltgeschichte auch an dem kleinen Weserstädtchen Achim nicht spurlos vorübergegangen sein dürfte. So wird am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailies der Friedensvertrag geschlossen, mit dem dem deutschen Reich die Rechnung für den ersten Weltkrieg vorgelegt wird.
Ob auch im Saal des Schützenhofes solch geschichtsträchtige Ereignisse stattgefunden haben, sei dahingestellt, aber immerhin – der Saalbetrieb florierte.

Johanne Bischoff, inzwischen verheiratete Henze, vererbt am 20. März 1920 den Schützenhof an ihren Neffen Heinrich Wahl, der gemeinsam mit Fritz Prötte1 einen Konzessionsantrag stellt.

Für die nächste Betriebserlaubnis, datiert auf den 8. September 1933 – die Farbe der Macht ist inzwischen Braun – braucht Wahls Neffe Georg Töpfer lediglich die Befürwortung des Wirte-Vereins für den Kreis Achim. Sein Onkel Heinrich, der den Schützenhof 5 Jahre später wieder übernimmt, muß neben der Unbedenklichkeitserklärung der Deutschen Arbeitsfront-Gauverwaltung Ost-Hannover – und des Achimer Bürgermeisters Brinkmann zusätzlich noch den Nachweis erbringen, daß er kein Jude ist.
Dies trifft auch für Fritz Prötte1 zu, der am 22. März 1939 den Schützenhof kauft.

Natürlich verändern sich jetzt auch die Farben der Uniformen, die im und um den Schützenhof zu sehen sind, wie alte Fotos belegen.

Die Familie Pröttel bleibt bis in die 80er Jahre mit der Geschichte des Schützenhofes verbunden. In den Fünfzigern wird angebaut und eine Erlaubnis für den Verkauf von Speiseeis beantragt. Doch am Beginn der Siebziger Jahre muß die Stadt Achim den Schützenhof kaufen und die ehemaligen Besitzer als Pächter einsetzen, um für Achim den großen Saal im Zentrum der Stadt zu erhalten.

1984 veranstaltet eine „Initiative zur Erhaltung des Schützenhofes“ ein großes Fest unter Beteiligung der verschiedensten Gruppen und Vereine, um deutlich werden zu lassen, was in einem Kulturhaus „Schützhof“ stattfinden könnte.
Für einen Bürgerantrag an den Rat der Stadt, in dem die Nutzung als Bürger und Kulturhaus gefordert wird, werden mehr als 1700 Unterschriften gesammelt. Trotzdem wird das Gebäude 1985 an eine Privatperson verkauft, oberflächlich saniert und schließlich nach wirtschaftlichem Mißerfolg und Beschluß im Rat 1987 zurückgekauft.

In einer Arbeitsgruppe, die sich aus interessierten Bürgern und Vereinen zusammensetzt und unter der Leitung von Bürgermeister Christoph Rippich steht, werden inhaltliche Ziele erarbeitet und das architektonische Konzept mit dem Architekten entwickelt.

Im Frühjahr 1988 beginnen die Vorarbeiten für den Umbau. Die Baugenehmigung wird im Sommer des Jahres erteilt. Im Januar 1989 gründet sich der Trägerverein „Alter Schützenhof“, der die inhaltliche und organisatorische Leitung des Kulturhauses übernehmen soll. Es soll versucht werden, auf dieser Basis eine möglichst große Bürger- und Nutzerbeteiligung und aktive Mitwirkung zu erreichen.

Durch den Abschluß eines Nutzungsvertrages mit der Stadt, in dem sich der Trägerverein verpflichtet, ein Kulturhaus auf der Grundlage der Satzung zu betreiben und die Stadt die Übernahme der Betriebskosten zusichert, wird es möglich, zum Jahresende zwei hauptamtliche pädagogische Mitarbeiter einzustellen. Sie erarbeiten in Absprache mit dem Vorstand alle formalen und inhaltlichen Notwendigkeiten, die Voraussetzung für das Funktionieren eines solchen Hauses sind.
Mit der Eröffnung des Kulturhauses „Alter Schützenhof“ am 28. April 1990 beginnt ein neues Kapitel der Schützenhofgeschichte.
Das Leben soll wieder pulsieren, zum Treffpunkt aller Achimer Bürger soll sich das Haus entwickeln – bürgernahe Kultur oder auch Sozialkultur ist das Neue, was zukünftig im „Alten Schützenhof“ stattfinden wird.

Theater, Film, Musik und Tanz, Kunstausstellungen sowie Bildungs- und Informationsveranstaltungen sind die Standbeine des neuen Konzepts. Das Programm soll anregend, vielleicht auch aufregend sein und dazu ermuntern, Eigeninitiative zu ergreifen und Experimente zu wagen.

(Text: Andreas Hein-Köcher, „Wie er wurde was er ist“ in „900 Jahre Achim“, Verden 1990)

von
Karl Heinz Hildebrandt

„Panta rhei“ – alles im Fluss – sagte der altgriechische Philosoph Heraklit und meinte den ewig sich wandelnden Fluss der Zeit. Man kann es auch so deuten, dass nichts so bleibt, wie es einmal war. Umgekehrt, alles war früher anders, als es sich heute darstellt. Bezüglich des Flusses vor unserer Haustüre, der Weser also, erhebt sich daher die Frage, wo floss sie früher, wie sah das Flussbett aus. Welche Lebensumstände hat sie bedingt?

Suchen wir zunächst eine Antwort auf die Frage, ob die Weser früher auch tatsächlich Weser hieß? Die Antwort lautet wie ein Witz von Radio Eriwan: Es ist zutreffend, dass jenes Wasser, das bei Ihnen vorbeifließt, heute „Weser“ heißt, aber sein richtiger Name ist „Werra“ und dann ist es auch nicht die Werra, sondern die Aller. Nur weil die Werra mehr Wasser führt als die Aller, sagt man heute, dass die Aller in die Weser fließt, das ist aber falsch. Das Flussbett gehört der Aller und nicht der Weser. Gehen wir doch diesen Behauptungen auf den Grund.

Die Römer nannten die Weser „Visurgis“. In 852 findet sich in den Jahrbüchern des Klosters Fulda die Eintragung „… Visurgis, die Neuen aber Wisuracha nennen.“ Die Endung „… acha“ bedeutet „… Wasser“. Die Erklärung „Wiesenfluss“ ist nicht mehr als ein Deutungsversuch. Die Kurzform „Wisura“ ist dann in den ältesten überlieferten Urkunden die einheitliche Bezeichnung der Weser von der heutigen Werra-Quelle im Thüringer Wald bis zur Mündung in die Nordsee. In 1016 wird die Weser „Wirra“ genannt. Die Sprachentwicklung jener Zeit brachte es mit sich, dass im Wort „Wisura“, in dem die Betonung auf der ersten Silbe lag, das „u“ fortfiel und „s“ zu „r“ wurde. Diese Entwicklung fand aber nur am Oberlauf der Weser statt. Der bekannte Vers auf dem Findling in Hannoversch-Münden am Zusammenfluss von Werra und Fulda ist also ein Trugschluss. Die in den Raum der Weser eingefallenen Sachsen haben sprachlich den Anschluss an die übrigen germanischen Stämme einfach nicht gefunden. Während „Werra“ aus „Wirra“ erstmalig 1319 nachweisbar ist, erscheint die Namensform „Weser“ etwas später im Jahr 1357.

Bohrungen im Raum Bremen haben ergeben, dass im Tertiär zwar ein Strom durch diese Gegend geflossen ist, dies aber nicht die Ur-Weser war. Es wurden nämlich keine Gerölle aus Thüringen festgestellt. Demnach kann dieser Strom nur die Ur-Aller gewesen sein.

Die Ur-Weser floss offensichtlich durch die Porta den Nordrand des Wiehengebirges entlang in Richtung auf das heutige Ijsselmeer. Als die Gletscher der 2. Eiszeit die Porta verstopften, floss sie wohl durch das Längstal zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald.

Die aus der Gletscherfront hervortretenden Schmelzwasserbäche des zurückweichenden Eises flossen nach Nordwesten ab. Mit ihnen vereinigten sich die Flüsse aus den Mittelgebirgen. So entstanden die Urstromtäler.

Das am weitesten südlich gelegene Urstromtal reicht von der mittleren Oder über den Mittellauf der Elbe bis zur Wesermündung. Wo heute Hoya liegt, nahm dieser Aller-Urstrom die Weser auf, die, nachdem sie die Porta wieder freigeräumt hatte, dann bei Nienburg die Geest durchbrach.

Die spät- und nacheiszeitlichen Winde wehten in der vegetationslosen Landschaft die Dünen zwischen Verden und Bremen auf. Die Geestrücken von Delmenhorst und Vegesack engten das Urstromtal derart ein, dass, als auch noch die Schmelzwasser von Hamme und Wümme hinzukamen, die Weser zunächst in Richtung des heutigen Jadebusens abfloss. In der Nähe Helgolands traf die Weser auf die damalige Elbe.

Als die Flut der Schmelzwasser versiegt war und sich der Wasserspiegel der Nordsee erhöht hatte, bildete sich der heutige Mündungstrichter der Weser heraus, nachdem die Einengung der Geestrücken am Nordrand des Bremer Beckens kein wesentliches Hindernis mehr darstellte.

Träge geworden in einem zu großen Flussbett, fing die Weser nunmehr an zu mäandrieren. Weil sie immerhin das meiste Wasser herbeischaffte, gab sie dem gemeinsamen Unterlauf den Namen. Die Aller wurde Nebenfluss.

Mäander, nach einem anatolischen Fluss, der heute Menderes heißt, ist der wissenschaftliche Name einer Flussschlinge. Diese entsteht durch die Dynamik des Fließvorganges. Das Streben nach Gleichgewicht zwischen der Bewegungsenergie des Gewässers und dem Bodenwiderstand führt zum Pendeln des Stromanstrichs. Daher verändern sich die Flussläufe ständig und es bilden sich halb- bis vollkreisförmige Mäander. Kennzeichnende Formen sind flache Gleitufer und gegenüberliegende steile Prallufer. Wird ein Schlingenhals durchstoßen, bleibt der ehemalige „Talsporn“ als „Umlaufberg“ stehen. Es entstehen Altwasserarme.

Theodor Müller hat in seinem Werk „Das Amt Thedinghausen“, das 1928 herausgegeben wurde, akribisch das Mäandrieren der Weser in unserem Raum nachvollzogen. Auf einem Messtischblatt im Maßstab 1:25.000 kann anhand seiner Beschreibung und mit Hilfe der Flurnamen die unaufhörliche Veränderung des Flussbettes verfolgt werden. Von Bedeutung für die Gegenwart sind jene Mäander, die nachhaltig auf unsere Vorfahren gewirkt haben und daher in der Geschichtsschreibung feststellbar sind.

Zeichnungen aus: Theodor Müller, Das Amt Thedinghausen, Thedinghausen 1928. Ein Klick zum Vergrößern.

Es ist anzunehmen, dass um das Jahr 1000 die toten Arme, die sich heute am Fuße der Geest entlang ziehen und gemeinhin als „alte Aller“ bezeichnet werden, der Lauf der Weser waren. Denn damals waren die Dörfer Hagen und Grinden in Lunsen eingepfarrt. Um 1300 gehören beide Dörfer zum Gogericht Achim, liegen also auf dem rechten Ufer der Weser. In der Zeit dazwischen schuf sich demnach die Weser das um Schogrinden ziehende Bett. Eine Folge war, dass bis zur Separation die Bauern in Ahsen, Oetzen und Nottorf ihre Kuhweide am jenseitigen Ufer der Weser hatten.

Überhaupt bildete die Weser in alter Zeit die Grenze zwischen den Gogerichten Lunsen und Achim. Suchte sich nun der Fluss ein neues Bett, so behielt die „alte Weser“ ihre Bedeutung als Grenze bis zur Einigung der betroffenen Parteien. So diente eine Beschreibung des „Grenzverlaufs“ aus dem Jahre 1574 der Klarstellung der Besitzansprüche: Jene Grenze zog weseraufwärts von Schlieme her, an Bollen vorbei, bis zum „scharfen Ufer“, um dann der heutigen „alten Eyter“ zu folgen, die bis zur Finkenburg den Mullwerder begrenzt und dann in einem weiten Bogen auf Thedinghausen zu zieht. Den Verlauf von der Mühlenkuhle bis nach Lunsen kennzeichnet heute der Sommerdeich, die tiefe Senke westlich Lunsen trägt noch den Flurnamen „Alte Weser“. Dann floss die Weser nördlich an Lunsen vorbei auf Achim zu, an Werder vorbei, um in einem weiten Bogen nach Osten um das Grindeswerder herum bei Streek den späteren Hauptstrom zu erreichen. Der beschriebene Weserlauf wird also 1574 als „alte Weser“ bezeichnet, während er seiner Bedeutung als Grenze nach früher der Hauptarm gewesen sein muss. Dies geht auch aus der Tatsache hervor, dass der Weserzoll für durchfahrende Schiffe sich bis 1611 in Eißel befand und dann erst nach Intschede verlegt wurde. Die „alte Weser“ verlandete allmählich. Die tieferen Stellen sind nur noch an der Flurbezeichnung „See“ zu erkennen. Bis 1691 galt immerhin die Steuerfreiheit der Finkenburg, wo die Fähre über den Fluss betrieben worden war. Als 1719 die neue Eyter angelegt wurde, um eine bessere Entwässerung des Bruches zu erreichen, benutzte man von Thedinghausen ab den alten Weserlauf als Eyterbett. Die Frage, ob nun die alte oder die neue Weser die Grenze ist, führte im Bereich des Hofes Schlieme zu Streitigkeiten zwischen den Ämtern Syke und Achim bezüglich ihrer Dörfer Mahndorf und Ahausen zwecks Nutzung der Weiden.

Das heutige Flussbett der Weser hat sich also im 17. Jahrhundert herausgebildet. Die Veränderungen vollzogen sich allmählich und manchmal sehr zum Ärger der Anrainer. So wird für 1680 berichtet, dass die Wittsande bei Achim und Bierden, die vormals Inseln waren, nunmehr dem achimschen Ufer angewachsen wären. Desgleichen wird ein Werder als bader Kuhweide genutzt, obwohl es rechtlich zu Thedinghausen gehörte. Um 1690 musste das Wohnhaus des Gutes im Streek versetzt werden, da die Weser es mitzureißen drohte. Im 18. Jahrhundert versuchten die betroffenen Ämter durch Wasserbau Veränderungen vorzubeugen. Es wurden Schlachten angelegt, zunächst in den Jahre 1725-29 bei Ahsen und am scharfen Ufer, dann am Mullwerder. Nach Beilegung unvermeidlicher Streitigkeiten ist etwa um 1766 der ganze Weserlauf mit Schlachten versehen. Sie halten zwar das Mäandrieren auf, bewirken aber eine Vertiefung des Stromstrichs, die sich wiederum als Erosion des Flussbettes auswirkt.

Das Bewusstsein, ein Fluss sei ein dem Gemeinwohl dienender Verkehrsweg, hat sich erst sehr spät entwickelt. Die Eigentümer der Ufergrundstücke hielten lange nichts von der Schifffahrt, weil das Schiff ihre Rechte stören könnte. Nun muss das Schiff, wenn es stromaufwärts fahren will, aber keinen eigenen Antrieb hat, notgedrungen getreidelt werden, also vom Ufer aus gezogen. Ob mit menschlicher Muskelkraft oder Pferdestärke, die Eigentümer des Treidelpfades fühlten sich betroffen. Als die Interessen der Schiffer noch durch Gilden wahrgenommen wurden, führte dies zu umständlichen Verhandlungen mit den Grundbesitzern, die sich häufig weigerten, wegen der Flurschäden den Pferdezug zuzulassen. Nach mehreren Anläufen kam es 1696 zu einer Konferenz der Weser-Uferstaaten in Hameln. Die Vorstellung durchgehender Treidelwege fand aber keinen Anklang. Zu verschieden waren die lokalen Interessen. In Hannover opponierten die Ämter Hoya und Nienburg. In 1746 widersetzte sich das Gohgericht Achim dem Ansinnen der Landesregierung einheitlich in Hannover den Pferdezug zu gestatten, indem es auf die Beschäftigung der Häuslinge im Leinenzug hinwies. Als nach der Franzosenzeit bremer Schiffer versuchten, an Achim vorbei mit Pferden zu treideln, rotteten sich dort die Bauern zusammen. Nur der Einsatz von Militär verhinderte den blutigen Zusammenstoß der Opponenten. Ein Ende fand dann der Streit mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt. Im Jahre 1856 wurde ein letztes Mal weseraufwärts getreidelt.

Zur für die Mittelweser bedeutsamen wirtschaftlichen Tätigkeit seien folgende Informationen gegeben: Der Leinenpfad wechselte zwischen Bremen und Hann. Münden 26mal das Ufer. Sogenannte Überfälle gab es bei Dreye, Intschede, Hutbergen, Oister Ort, usw. In Bremen durften die Pferde nur aus den Dörfern Habenhausen und Arsten bezogen werden. Von Dreye bis Hoya begleiteten Achsmänner den Zug. Sie hatten darauf zu achten, dass die Treidelpferde nicht die Wiesen betraten bzw. neben dem Pfad grasten. Die Leinen durften nicht schleifen, sondern mussten an Bord über einen Bock laufen. Um dies zu überwachen war ein Leinenreeper anzustellen. Ein mittleres Frachtschiff benötigte rund 40 Zieher oder 8 Pferde. Von Bremen nach Hann. Münden wurden mit Ziehern 30, mit Pferden 18 Tage gerechnet. Zu Tal trieb das Schiff in der halben Zeit. Im Raum Bremen-Hoya wurden 1818 14 bremische und 51 hannoversche Pferdehalter gezählt, von denen 1584 Vorspannpferde angefordert wurden. Auch an Aller und Leine wurde getreidelt.

Im Juli 1964 schwamm das letzte kommerzielle Floß weserabwärts über Mittellandkanal und Ems nach Papenburg.

Noch 1947 gab es etwa 20 auf der Weser tätige Flößereiunternehmungen, die damals rund 44.000 Festmeter Holz verflößten. Ein „Holzhafen“ war in Bremerhaven 1877 angelegt worden, verbunden mit Geeste und Weser über einen Kanal.

Der große Holzbedarf der Städte führte früh zu einer Auszehrung und Verwüstung der stadtnahen Wälder. Einer uneingeschränkten Nutzbarmachung entferntest gelegener Holzvorräte stand aber die Unzugänglichkeit der meisten Waldgebiete entgegen.

Die Trift, d.h. die Beförderung unverbundenen Holzes auf dem Wasserweg, war im Stromgebiet der Weser vor allem auf deren Nebenflüssen im Bergland verbreitet.

Die Langholz- oder auch gebundene Flößerei ist älter als die Trift. Verbreitet war diese Form des Holztransportes nicht nur auf der Weser selbst, sondern auch auf Fulda, Werra, Aller und Leine sowie auf einer großen Zahl von Nebenflüssen.

An all diesen Flüssen gab es zahlreiche Einbindestellen. Auf der Strecke von Münden bis Karlshafen befanden sich etwa 30 Stellen auf beiden Uferseiten.

Die Größe der Flöße wurde allmählich reduziert, da die Schifffahrt sich des öfteren behindert fühlte. Ab Allermündung durfte sie schließlich 12 m Breite und 100 m Länge nicht überschreiten. Beachtenswert ist, dass bei Erreichen des Rheins gewöhnlich 4 Weserflöße zu einem einzigen Rheinfloß zusammengebunden wurden.

Im 20. Jahrhundert wurden im wesentlichen Stammholzflöße aus Nadelholz eingebunden. In früheren Jahrhunderten hatte der Schiffbau einen großen Bedarf an eichenen Bauhölzern. Das Nadelholz war dann der Schwimmkörper für die Eichen, da diese nur so an der Oberfläche gehalten werden konnten.

Daneben gab es reine Bretter- oder Dielenflöße.

Im frühen 20. Jahrhundert kam es zur großräumigen Verknüpfung der natürlichen Wasser durch künstliche. Der Mittellandkanal öffnete den Weg ins Ruhrgebiet. Dort wurden zum Abtäufen der Bergwerke enorme Holzmengen benötigt.

Die Zahl der Anrainerstaaten wechselte bis 1871 mehrfach. 1841 teilten sich das Flussgebiet der Weser acht Staaten, die Weser selbst hatte fünf Anrainer. Die Zölle verlängerten nicht nur den Transport, sondern verteuerten auch die Waren.

An der Weser gab es im 18. Jahrhundert 20 Zollstellen. Mit Thedinghausen unterhalb der Allermündung als Zollstelle besaß Bremen eine Schlüsselposition. Für die Aller gab es schon im 14. Jahrhundert 5 Zollstellen. Mit der Weserschifffahrtsakte von 1823 wurde dann ein einheitlicher Zolltarif festgelegt, bis 1833 alle Zollschranken fielen.

Ein wesentliches Hemmnis waren die Stapelrechte, die einzelne Städte innehatten. Bedeutsam für die Flößerei war der Feilbietungszwang. Auf der Weser hatten Hann.-Münden, Minden und Bremen solche Rechte. Der Handel auf der Weser wurde also bis ins 19. Jahrhundert von mittelalterlichen Rechtszuständen geprägt.

Für die Versorgung des Mittelandkanals mit Wasser wurde in Minden ein Pumpwerk gebaut, das der Weser die zum Ausgleich von Versickerung, Verdunstung und Windabtrieb benötigte Wassermenge entnahm. Dieser Wasserverlust der Weser unterhalb Mindens konnte nur durch Aufstauen des Flusses ausgeglichen werden. Dies wiederum bedeutete die Kanalisierung der Mittelweser. Sie kam in Gang, weil nach 1933 die Reichsregierung zur Arbeitsbeschaffung nach baureifen Projekten suchte, die sofort angefangen werden konnten und bei denen eine größere Zahl Arbeitsloser Beschäftigung finden würde. Eine wirtschaftliche Diskussion des Vorhabens war nicht beabsichtigt. Allerdings kam die Kanalisierung der Mittelweser dem Wunsche Bremens entgegen, Anschluss an das Wasserstraßennetz des Reiches zu erhalten. Jedoch die Vorstellung, auch Binnenhafen zu werden, war in Bremen nicht sehr verbreitet, setzte man doch ganz vorwiegend auf Eisenbahnanschluss.

Mit dem Pumpwerk in Minden stellte der wasserärmste schiffbare Fluss Deutschlands die Wasserversorgung des größten Kanals in Europa sicher. Schon bei den Voruntersuchungen zur Planung des Kanals war offenkundig geworden, dass weder Lippe noch Ems in nennenswertem Umfang den Wasserbedarf des zukünftigen Kanals erfüllen konnten. Auch die Nutzung des wasserreichen Harzes erwies sich als ungenügend. Der Plan von 1899 sah eine Reihe von Staustufen von Minden bis Bremen vor, die alle zur Gewinnung elektrischer Energie herangezogen werden sollten. Schleusen waren für die Schifffahrt vorgesehen, wobei generell von einer Wassertiefe von 2,5 m ausgegangen wurde. Die letzte Staustufe Hemelingen war deshalb besonders wichtig, weil sie der fortschreitenden Erosion des Flussbettes Einhalt gebot, nachdem in Bremen die Entscheidung zur Vertiefung der Unterweser gefallen war. Als 1905 das preußische Gesetz über den Bau von Wasserstraßen verabschiedet wurde, war gleichzeitig das Startsignal zur Verwirklichung des Projektes gegeben.

Im Ergebnis wurden der Weser von 18 cbm/s in Minden 7 für den Kanal und in Hoya 6 für die Melioration der Landwirtschaft entnommen. Nicht unerheblich war auch der Effekt, dass mit den Staustufen den Hochwassergefahren besser begegnet werden konnte. Die Qualität des Weserwassers profitierte ebenfalls davon.

Der Kanal sollte von West nach Ost gebaut werden. O.a. Gesetz sah einen ersten Abschnitt bis Hannover vor. Ein Vertrag Bremens 1906 mit Preußen gewährte die Kostenbeteiligung der Hansestadt an der Kanalisierung der Mittelweser zum Ausgleich der Konzession einer Vertiefung der Unterweser auf 7 m.

Inzwischen hatte sich erwiesen, dass mit der Fertigstellung von Eder-und Diemeltalsperren nur 1/10 des Wasserbedarfs zur Sicherstellung der ganzjährigen Schifffahrt auf der Weser geliefert werden konnte. Wegen der Opposition betroffener Gemeinden wurde auf eine weitere Planung von Talsperren jedoch verzichtet.

Die Weser bei Baden auf einer Ansichtskarte aus dem Jahre 1912. Der den Schifffahrtsweg verkürzende Kanal wurde erst nach dem 2. Weltkrieg fertiggestellt.

Der Mittellandkanal war 1918 über Hannover hinaus bis Peine gediehen einschließlich eines Zweigkanals nach Hildesheim. 1921 ging allgemein die Zuständigkeit für den Wasserbau auf das Reich über. 1926 wurde der Ausbau der Werra bis Eschwege zugunsten des Kali-Transportes beschlossen. Einen Schub für die Förderung des Gesamtprojektes war das Arbeitsbeschaffungsprogramm 1933. Mittel für die Staustufe Langwedel waren 1934 verfügbar. Ein Neubauamt Verden wurde gleichzeitig eingerichtet. 1936 wurde per Gesetz der Grunderwerb für die Zweigkanäle geregelt. Bis 1942 war der Bau der Staustufen weit fortgeschritten. Dann ruhte das Vorhaben bis zur Einrichtung der Mittelweser AG in 1952. Sie sollte bis 1968 die Baumaßnahmen abschließen. Aber schon 1960 stand der Schifffahrtsweg zur Verfügung. Damit war mit Unterbrechungen von 1906 bis 1968 an der Kanalisierung der Mittelweser gearbeitet worden. Dies erklärt die Planung langer Schleusenkanäle, da noch mit großen Schleppzügen gerechnet wurde. Das selbstfahrende Motorschiff setzte sich erst später durch. Im übrigen wurde die Nutzung der gewonnenen elektrischen Energie der Preußag übertragen. Wo noch möglich, wurde die Schleusenlänge von 350 auf 225 m verkürzt. Mit 7 Staustufen wurde im Endeffekt ein Gefälle von 32,5 m überwunden. Somit beträgt der hydrostatische Stau 4,5 – 6,4 m pro Stufe. An wasserwirtschaftlichen Baumaßnahmen wurden 10 km neuer Deiche realisiert, 50 km Deiche erhöht, 220 km Wirtschaftswege angelegt bei einer Verkürzung des Schifffahrtsweges um 22 km.

Parallel wurden 117 km der 260 Aller-Kilometer insgesamt bei einem Gefälle von 25 m ab 1908 ausgebaut. Überhaupt wurde 1747 bis Gifhorn gefahren und auch auf Leine und Oker. Der Plan von 1908 sah eine Kanalisierung mit 4 Staustufen bei einer Wassertiefe von 1,5 m vor. Sie wurden in den Jahren 1910 – 1916 errichtet. Heute ist aber der Schiffsverkehr wegen des Wettbewerbes von Straße und Bahn bedeutungslos geworden. Dagegen ist die Unterweser fortlaufend vertieft worden, um diesem Wettbewerb zu begegnen.

Durch den Bau des Mittellandkanals kam es zu den Anfängen der Erzeugung elektrischer Energie im Weserraum. Die Pumpen des Pumpwerkes Minden sollten durch Elektromotoren angetrieben werden. Den Strom sollte ein Wasserkraftwerk liefern. Die Standorte der Stauhaltungen, welche bei der Durchführung der Kanalisierung der Mittelweser hätten errichtet werden müssen, standen bereits fest. Preußen Elektra entschied sich für Dörverden, weil infolge der in den letzten Jahrhunderten durchgeführten Regulierungsmaßnahmen das Flussbett der Weser im Raum um Hoya vertieft und somit das Grundwasser stark abgesenkt worden war. Durch die Stauhaltung konnte der Grundwasserspiegel wieder angehoben werden.

Mit dem Unterbau der Turbinenanlage in Dörverden ist im Herbst 1911 begonnen worden. Im November 1912 wurde die Baugrube für Kraftwerk und Wehr durch Hochwasser überflutet. Dennoch wurde ein Jahr später die 1. kWh erzeugt.

Das Pumpwerk Minden benötigte jährlich höchstens die Hälfte der erzeugten Energiemenge von20 Mio kWh. Vorausschauend auf die weitere Entwicklung des Stromverbrauchs kam es noch vor dem 1. Weltkrieg zur Gründung der Überlandzentrale Verden-Hoya. Auch das Reichsbahnausbesserungswerk Sebaldsbrück wurde unmittelbar nach dem Krieg an die Stromversorgung angeschlossen.

Am Heiligabend des Jahres 1929 kam es infolge eines Eisstaues zum Umkippen des Wehres auf der Kraftwerkseite. In den Jahren 1931 – 33 wurde das Wehr neu errichtet.

Fast gleichzeitig mit dem Bau der Staustufe Dörverden errichtete die Stadt Bremen die Staustufe Hemelingen, die wegen der Vertiefung der Unterweser notwendig geworden war. Sie trennt die vertiefte Unterweser von der Mittelweser, wodurch eine Vertiefung der Mittelweser verhindert wird.

Als 1934 die Mündung der Aller reguliert und wenig später die Baugrube für die Schleuse Langwedel ausgehoben wurden, fand man unter einer mehrere Meter dicken Auelehmschicht auf dem alten Talboden aus Kies und Sand einen Einbaum, Töpfe und Urnen, die aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten stammen. Aus dieser Altersbestimmung ergibt sich, dass die Lehmschicht noch sehr jung ist. Veränderung der Wasserführung und des Klimas reicht allein nicht aus, um die Vervielfältigung des Lehmtransportes durch die Weser zu erklären. Daher liegt die Vermutung nahe, dass hier Eingriffe des Menschen in das Naturgeschehen bemerkbar sind. In der Tat wurde zu jener Zeit begonnen zu roden und den Waldboden urbar zu machen, so dass der Schutz des Waldes gegen Abschwemmung verloren ging.

Das ständige Überschwemmen hat die Lehmschicht luft- und wasserundurchlässig gemacht. Die Auewiesen leben nur vom Niederschlag und in Trockenzeiten verdorren sie schnell.

Der Ausbau der Mittelweser war der Anlass zu planmäßigen Versuchen, wie am besten mit dem Auelehm umzugehen sei. Versuchsfelder wurden in der Nähe von Baden bei Achim angelegt. Die Arbeiten wurden von der Mittelweser-AG finanziert und von der Landwirtschaftskammer Hannover ausgeführt. Als die Kanalisierung beendet war, konnten dann den Landwirten Vorschläge für die zweckmäßige Behandlung der Marschböden gemacht werden.

Überschwemmungen infolge Hochwassers, Veränderungen des Grundwasserspiegels durch den Wasserbau, Versumpfung stehender Gewässer wegen des Fehlens natürlicher Wasserläufe, all diese Beeinträchtigungen einer geordneten Landwirtschaft versuchte die Obrigkeit schon früh abzuwehren. Den Ansatz bildeten 1719 die beiden Ingenieuroffiziere von Wallmoden und Moring, indem sie die „große Eyter“ anlegten. Die im Jahre 1886 begonnene Melioration bezweckte nunmehr die Ent- und Bewässerung des Raumes von Hoya bis Südweyhe einschließlich des gesamten Eytertales. Die Zufuhr von Wasser erfolgte durch den sogenannten Hauptkanal von Hoya und der Abfluss wurde durch die Regulierung der Eyter bewirkt. Ein Durchstich von der Mühlenkuhle zur bisherigen Eytermündung in die Weser verkürzte das Flüsschen um 2 km und ließ das Bruchwasser schneller abfließen.

Jahre später wurde 2003 vom Mittelweserverband ein Gewässerentwicklungsplan vorgestellt, der vorsieht, Eyter und Hauptkanal ökologisch voll durchgängig zu gestalten. Umfangreiche Strukturveränderungen im Flussbett, am Ufer und an den Randstreifen sollen jetzt Naturschutz und Landwirtschaft unter einen Hut bringen. Die Umsetzung des Planes ist freiwillig. Zweckverbände, Landkreise und Anliegergemeinden ringen nunmehr um die Finanzierung. Dass nichts bleibt, wie es war, bewies auch das stete Bemühen der Hansestadt Bremen über die Jahre hinweg, die Unterweser den immer größer werdenden Forderungen der Schifffahrt nach ausreichender Wassertiefe anzupassen. Die weseraufwärts einsetzende Erosion des Flussbettes drohte jetzt die Schleusenanlage Hemelingen zu unterspülen und machte einen Neubau der Staustufe erforderlich. Diese Arbeiten wurden ebenfalls 2003 abgeschlossen. Nach sechs Jahren Bauzeit ist dann 2004 der Wesertunnel zwischen Dedesdorf und Kleinensiel fertig geworden. Damit ist die Verkehrslage im Weserraum verbessert, aber auch der Fährbetrieb weiter eingeschränkt worden. Es ist absehbar, wann dieser Betrieb nur noch zur Förderung des Tourismus beitragen wird. Ein Blick auf alte Karten zeigt, dass früher, als man keine Tunnels kannte und der Brückenbau ein riskantes, kostspieliges Abenteuer war, Fähren das gewöhnliche Übergangsmittel waren, wenn man es schon nicht vorzog, das Gewässer zu durchwaten.

Panta rhei.

Karlheinz Gerhold, Geschichtswerkstatt Achim

Ganz Deutschland steht im Jahre 1930 im Zeichen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise, die sich bereits Ende 1929 mit dem „Schwarzen Freitag“ an der New Yorker Börse am 24. Oktober zeigte. Die Koalitionsregierung des letzten sozialdemokratischen Reichskanzlers der Weimarer Republik Hermann Müller (1), der seit dem 28. Juni 1928 im Amt war, stürzte im Streit über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung am 27. März 1930 angesichts eines Kassendefizits von 1,7 Milliarden Mark Ende 1929. Es folgte die Reihe der mit Notverordnungen regierenden Präsidialkabinette, beginnend mit Heinrich Brüning (Zentrum).

In dieser Situation verstärken sich Feinde der republikanischen Verfassung ihre agitatorischen Bemühungen, um die geschwächte Republik weiteren Schaden zuzufügen. In Achim veranstaltet die Ortsgruppe Achim der NSDAP am 31. Januar 1930 eine öffentliche Versammlung zur Diffamierung der Außenpolitik der Reichsregierung.

Auf Seiten der Arbeiterbewegung veranstaltet das republiktreue Achimer Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, jene sozialdemokratische Schutzformation zur Stützung der angeschlagenen Weimarer Republik, am 8. Mai 1930 im Saale des Schützenhofes einen „Republikanischen Abend“ (2):

Die Mitglieder des Reichsbanners sowie die republikanisch gesinnten Einwohner waren der Einladung zahlreich gefolgt; der große Schützenhofsaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Unter Mitwirkung des Dramatischen Vereins, des Gesangvereins „Frisch auf“ und der Reichsbannerkapelle Baden hatte der Verein ein dem Abend angepasstes Programm zusammengestellt. Als Festredner war der Landtagsabgeordnete Helfenberger aus Hemelingen gewonnen. Die ganze Veranstaltung verlief in harmonischer Weise. Nach einigen flotten Marsch- und Konzertstücken der Kapelle, unter Leitung des Herrn Gehring – Bremen, brachte der Gesangverein „Frisch auf“, unter Leitung seines Dirigenten Herrn Meyer-Schierloh-Bremen, die „Hymne an das Feuer“ zum Vortrag. Hierauf hielt Herr Helfenberger die Festrede, in welcher er von der Gründung des Reichsbanners sprach. Sie sei eine Organisation zum Schutze der Republik und der Demokratie. Aber dies nicht allein, sie hätte es sich auch zur Aufgabe gemacht, den Hinterbliebenen der Kriegsopfer zu helfen und zur Schulung des Arbeiters beizutragen; das Reichsbanner habe einen ungeahnten Siegeszug genommen. Zum Schluss seiner Rede forderte der Redner auf, weiter zu kämpfen für die Ideale der Republik und schloss mit einem „Frei heil“ auf die deutsche Republik und auf das Reichsbanner. Anschließend sang der Gesangverein „Frisch auf“: „Mein Herz tu dich auf“, dem ein komisches Duett „Das Kellnerpaar vom Grand-Hotel“ folgte. Nachdem noch das Volkslied „Im Krug zum grünen Kranze“ sehr schön zum Vortrag gebracht wurde, erfolgte ein Charaktervortrag „Der Sträfling aus Sibirien“. Alle Stücke fanden den ungeteilten Beifall des Publikums. Hierauf wurde von den Mitgliedern des Dramatischen Vereins der Schwank „Die Welt geht unter“ aufgeführt, auch dieser trug zur angenehmen Abwechslung des Abends bei. Den Schluss des Abends bildete der übliche Festball, der die Besucher noch lange in vergnügter Stimmung zusammenhielt.

Am 19. März 1930 wurde bezeichnenderweise das Republikschutzgesetz verabschiedet, das Strafen vorsieht für die Beschimpfung auch verstorbener Reichspräsidenten und Minister, der Flaggen des Reiches und der Länder sowie bei Verherrlichung des Hochverrats. Immerhin 256 Reichstagsabgeordnete waren dafür, 150 dagegen: Konkreter Anlass waren die Beleidigungen des verstorbenen sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert durch rechtsextreme Verfassungsfeinde wie Nazis und andere.

Im Kabinett Brüning sind Sozialdemokraten nicht mehr vertreten. Die SPD Achim kommentiert die neue Lage wie folgt: Im Protokoll der Mitgliederversammlung vom 18. April 1930 lesen wir:

„Sodann wurde die Tagesordnung wie folgt erledigt. Zum 1. Punkt: Vortrag über die politische Lage gab der Referent einen Überblick über die Gestaltung der politischen Situation in jüngster Zeit: das Zustandekommen des Young-Planes, der Verlauf der Regierungskrise, die Annahme der Zoll- und Steuer-Gesetze im Reichstage. Besonders die Frage der Teilnahme unserer Partei an der Regierung und die Gestaltung der politischen Verhältnisse ohne Mitwirkung unserer Partei geben bei der jetzigen Bürgerblockregierung zu denken. Man müsse endlich einmal in unserer Partei zu einer klaren Entscheidung kommen: entweder Oppositionspartei oder Regierungspartei, die ganze Entwicklung der Dinge läuft auf eine schwere Schädigung der Arbeiterklasse hinaus. Immerhin liege die Möglichkeit für Neuwahlen im Herbst vor. Für die Arbeiterschaft heißt es: gerüstet sein für die Kämpfe in kommender Zeit.
In der nun folgenden Aussprache, an der sich die Genossen Snieder, Bastian, Schumacher, Seekamp und Theissen beteiligten, wurde von den meisten Rednern das Fehlen unserer Genossen im Reichstage bei den entscheidenden Abstimmungen kritisiert. Im Schlusswort ging der Referent auf die Debattenäußerungen näher ein und bemerkte abschließend, bei Beurteilung des ganzen Fragenkomplexes sich stets von großen Gesichtspunkten leiten zu lassen.“

Die traditionelle Achimer Maifeier fand am 1. Mai 1930 auf dem Schützenhofe statt (4):
„Bei strahlendem Sonnenschein traten die Teilnehmer zu dem Umzuge an, der unter Vorantritt der Verdener Stadtkapelle und mehrerer Fahnen durch die Bergstraße, Meislahnstraße, Mühlenfeld und Mühlenstraße zurück zum Schützenhof führte, wo unter den hohen Linden des Hofes die Ansprache des Landtagsabgeordneten Herrn Helfenberger folgte. Der Redner wies in seinen Ausführungen auf den jahrzehntelangen Kampf der Sozialdemokratie hin und ging dann auf die politischen Ereignisse der letzten Zeit ein. Zu den schweren steuerlichen Belastungen, die besonders den Lohn- und Gehaltsempfänger treffen, sei jetzt noch die Warenhaussteuer gekommen. Die Sozialdemokratie dürfte niemals vergessen, dass diese Steuer mit Hilfe des Mittelstandes durchgebracht sei. Die Regierung Brüning habe erst mit ihrer Tätigkeit begonnen. Sie wird weiter arbeiten zum Schaden der Arbeiterschaft und im Interesse der Bürgerschaft. Wenn die Arbeiterschaft nicht wachsam sei und sich rüste auf den Tag, an dem diese Regierung nicht mehr in der Lage sei, den Groß-Grundbesitzern das zu geben, was man von ihr verlange, dann werden diese Kreise, die kürzlich die Regierung in den Sattel gehoben haben, sie auch wieder fallen lassen. Auf diesen Tag warte die Arbeiterschaft, sie werde gerüstet sein. Hierzu müsse gearbeitet werden innerhalb der ihr zustehenden Koalition der Gewerkschaften, der Partei und der Genossenschaften. Dies seien die drei Grundpfeiler der Arbeiterbewegung. Der Redner forderte die Anwesenden auf, in diesem Sinne an der Befreiung der Arbeiterschaft mitzuarbeiten und damit das Recht auf Arbeit zu erkämpfen. Arbeitslos seien nicht diejenigen, die nicht arbeiten wollten, sondern diejenigen, die nicht arbeiten könnten. Mit einem dreifachen Hoch auf die internationale Gewerkschaftsbewegung schloss der Redner. Die Musik intonierte hierauf die Internationale, die von den Anwesenden mitgesungen wurde. Im Saale des Schützenhofes fand dann anschließend die Abstempelung der Bücher der anwesenden Gewerkschaftsmitglieder statt. Heute Nachmittag um 14 Uhr finden auf dem „Grünen Jäger“ in Uesen Kinderbelustigungen statt. Den Abschluss des Tages bildet die um 20 Uhr im Schützenhof beginnende stille Feier, an der außer Herrn Lehrer Günzel auch die Sozialistische Arbeiter-Jugend, sowie die Freie Turnerschaft und der Gesangverein „Vorwärts“ mitwirken werden.“

In der Gemeindeausschusssitzung am 15. Mai 1930 diskutierte man die Notwendigkeit, dass die Gemeinde für wohnungslose Familien Wohnräume schaffen müsse. In Betracht käme die frühere Zigarrenfabrik von Dreyer und Pollius, die von der Bremer Bank für 20.000 Mark angeboten wurde. Eine Entscheidung hierüber wurde nicht getroffen.

Das Achimer Kreisblatt berichtet am 12. Juni 1930, dass der preußische Innenminister das Tragen der nationalsozialistischen Uniform verboten habe.

Die Mitgliederversammlung der Achimer SPD kritisierte am 19. Juli 1930, dass in der Schule zu Bierden noch die Bilder der ehemaligen Monarchen vorzufinden seien. Diese Angelegenheit solle an die Republikanische Beschwerdestelle weitergeleitet werden. Im Gemeindeausschuss beantragt Theiß (SPD), „in Zukunft an der Badeanstalt die Reichsflagge zu hissen“. Der Antrag wurde angenommen.

In Achim soll ein Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des I. Weltkrieges errichtet werden. Im Denkmalausschuss sind auch Mitglieder der Arbeiterbewegung vertreten: Zigarrenmacher Hackmann, Zigarrenarbeiter van der Poll, Lagerhalter Rübeck. Fritz Rübeck war 1930 1. Vorsitzender der Achimer SPD.
Über die SPD-Unterbezirkskonferenz lesen wir im Achimer Kreisblatt am 19.8.1930. „Die Konferenz des Unterbezirks Achim-Hemelingen-Rotenburg-Zeven-Verden der SPD tagte am letzten Sonntag im Hotel „Deutsches Haus“ (Dunker) in Verden. Sie war von Vertretern der einzelnen Ortsvereine sehr zahlreich besucht. Nach Begrüßungsworten des Herrn Lieberknecht hielt Herr Bergmann vom Bezirksvorstand der SPD Hamburg ein ausführliches Referat über die bevorstehenden Reichstagswahlen und den Wahlkampf der SPD. Er erörterte dabei die augenblicklich besonders brennenden Fragen wie Arbeitslosenproblem, Agrarfragen, Rationalisierung, Fehlbetrag im Reichshaushalt und Deckungsmöglichkeiten dafür, Notopfer, Kopfsteuer usw. Herr Strauß-Hemelingen teilte dann mit, dass demnächst der 1. Bundesvorsitzender des Reichsbanners, Kamerad Hörsing-Magdebur (5), in Verden in einer Versammlung sprechen werde. Nach Erledigung verschiedener Angelegenheiten fand die Tagung mit einer gemeinschaftlichen Mittagstafel ihr Ende.“

Der Wahlkampf zur Reichstagswahl am 14. September 1930 wurde in mehreren Veranstaltungen heftig geführt. Auffällig ist vor allem dass die Kommunisten hauptsächlich die SPD kritisierten; so während einer SPD-Wählerversammlung am 5. September 1930 im Schützenhof mit dem SPD-Reichstagsabgeordneten Biedermann aus Hamburg.

„Herr Rübeck eröffnete die gut besuchte Versammlung. Der Redner wies auf die letzten Wahlreden von Scholz, Treviranus und Hugenberg hin, dass gegen die Sozialdemokraten regiert werden müsse…..“Freie Aussprache“, zu der sich ein Herr Friederichs (Komm.) zu Wort meldete. Dieser wandte sich in der Hauptsache gegen die Sozialdemokratie und deren Wahlaufruf. Er warf ihnen vor, dass sie bei den letzten Wahlen den Wählern viel versprochen, aber nichts gehalten oder erreicht hätten…..“Referent: „Wenn die SPD in der Erreichung ihrer Ziele nur langsam vorwärts komme, so seien die Kommunisten schuld, die ihnen in den Rücken fallen…“ „Gegen ½ 12 Uhr schloss Herr Rübeck die recht interessant verlaufene Versammlung.“

Das Achimer Kreisblatt berichtet in seiner Ausgabe vom 9. September 1930 über die Hetzreden der Nazis in einer öffentlichen Wählerversammlung:

„Der Große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. „Die Geschichte der sozialdemokratischen Kabinette bis heute ist eine Geschichte der Korruption und der Hochstapelei. Unter Severings Herrschaft hat eine wahre Juden-Invasion nach Deutschland eingesetzt. Er hat das sog. Beutesystem in der deutschen Beamtenschaft eingeführt, durch das Hunderttausende von bewährten Beamten mit tadelloser Gesinnung abgebaut wurden, um Leuten, die mit dem roten Parteibuch ausgestattet waren, sonst aber nicht die geringsten Fähigkeiten für diesen Posten hatten, Platz zu machen…“ Alle Parteien werden geschmäht. „Der Nationalsozialismus will in dem Volke den pazifistischen Gedanken bekämpfen und will dem Volk einprägen, dass es nur dann leben und blühen kann, wenn es bereit ist, sich mit der Waffe in der Hand sein Lebensrecht zu erkämpfen. Wir müssen wieder ein Volksheer haben zum Wohle unseres Volkes und zum Wohle unserer Jugend, die heute in einer Arbeitslosigkeit sondergleichen verkommen muss. Wir wollen wieder frei werden von der verjudeten Verwaltung. Banken und Börsen sollen verstaatlicht werden. Wir wollen nicht enteignen. Unsere Bewegung wird um so mehr wachsen, je schärfer man uns verfolgt…“ Es meldete sich – wie immer – kein Diskussionsredner.“

Dem folgt am 10. September 1930:

„Eine kommunistische Wahlversammlung fand gestern Abend auf dem Schützenhofe statt, in welcher als Redner ein Herr Bahlman über die Auswirkungen der Entwicklung der heutigen Gesellschaftsordnung zur sozialistischen Ordnung sprach. In seinen Ausführungen, die sich in dem bekannten Rahmen bewegten, ging der Redner vor allem den Sozialdemokratischen energisch zu Leib. Von Seiten der Letzteren wurde dem Redner von den Genossen Seekamp und Theiß erwidert. Etwas Neues brachte ein dritter Achimer Redner in die Debatte, als er seine Ausführungen mit dem Satze schloss: „Wir sind alle Arbeiter, und weil wir alle Arbeiter sind, so ziehen wir alle an einem Strang, und weil wir alle an einem Strang ziehen, so wählt Liste 1! Im übrigen nahm die Versammlung einen ruhigen Verlauf.“

Die Reichstagswahlen am 14. September1930 brachten eine gewaltige Zunahme der Abgeordnetenzahl der Nazis:

Partei Anzahl der Sitze
SPD 143 (bisher 152)
NSDAP 107 (12)
KPD 76 (54)
Zentrum 69 (61)
Deutschnationale 41 (72)
DVP 26 (45)
Wirtschaftsparte 23 (23)
Deutsche Staatspartei 22 (25)
Bayerische Volkspartei 18 (17)
Christlich nationales Landvolk 18 (9)
Christlich sozialer Volksdienst 14 (-)
Deutsche Bauern 6 (8)
Deutsche Hannoveraner 5 (4)
Landbund 3 (-)
Konservative Volkspartei 2 (-)

Im Gebiet der heutigen Stadt Achim hatte die Reichstagswahl dieses Ergebnis (6):

Gemeinde SPD DNVP Zentrum KPD DVP Deutsche Staatspartei Wirtschaft NSDAP Deutsch Hannoversche Partei
Achim 914 199 12 107 118 118 48 651 318
Baden 452 51 3 58 37 55 17 123 150
Bierden 82 26 7 16 4 44 18
Bollen 41 24 2 10 10 37 7
Embsen 47 15 1 9 6 1 51 107
Uesen 155 39 12 12 3 109 47
Uphusen 251 26 28 28 17 11 100 62
Kreis Achim insgesamt 6673 1235 325 1386 945 977 560 3324 2285

Zur Reichstagseröffnung erscheinen die 107 Nazis im „Braunhemd“, obwohl es in Preußen verboten ist.

Auf Einladung der Deutschen Friedensgesellschaft sprach am 19. November 1930 W.H. Dressler aus Frankfurt im Achimer Schützenhof:

„Deutschlands Totengräber an der Arbeit …. Auf die Umwälzung von 1918 und die heutigen Verhältnisse eingehend, lehnte er eine Schuld des neuen Staates an den heutigen entsetzlichen Notzuständen ab, da heute die nationalsozialistischen Gegner versuchten, den Zustand des Kadavergehorsamsstaates der Vorkriegszeit wiederherzustellen. Der Krieg sei nicht durch den Dolchstoß beendet, sondern durch den lebendigen Schrei der menschlichen Kreatur, dass mit diesem Wahnsinn, dem Morden endlich ein Ende gemacht werden musste. Der Sinn dieses Krieges sei eine Aufopferung des Volkes im Interesse des Kapitals und der Kriegsverdiener gewesen. Alle Offiziere der Kriegszeit, die jetzt als Führer der Nationalsozialisten fungieren, glaubten, dass das Volk wieder reif sei für einen neuen Krieg…. Es war ein Fehler, dass damals die neue Regierung nicht alle Offizierspensionen abgeschafft habe; ein zweiter Fehler der Revolution war, dass sie nicht Kirche und Staat rücksichtslos trennte, und eine weitere Unterlassung wäre gewesen, dass sie aus den Ämtern der Behörden und Verwaltung nicht alle die Menschen entfernt habe, die den neuen Staat nicht bejahten… Hierauf wandte sich der Redner scharf gegen die Nationalsozialisten, die Mussolini 1927 als Raubritterbande bezeichnet habe. Wer den Einzug der 107 Nationalsozialisten in den Reichstag miterlebt, wer gesehen, wie draußen die Anhänger auf das Zeichen zum Losschlagen warteten, könne sich ein Urteil selbst bilden. (Der Redner wurde hier durch wiederholte Pfuirufe unterbrochen). Rowdytum habe es immer gegeben, wenn es galt, im Trüben zu frischen…. Wir dürfen nicht dulden, dass eine irregeleitete Jugend uns in einen neuen Krieg hineinjagt…. Wir Sozialisten und Friedensfreunde müssen einen Wall gegen diese Art Totengräber aufrichten, wir wollen, dass das Land, die heimatliche Scholle nicht verwüstet wird, dass jedes Kind atmen, leben könne und eine Zukunft habe, wir halten das Leben höher als den Heldentod, der ein Dreck sei. (Pfuirufe!) …. Nach einer kurzen Pause gab der Versammlungsleiter, Herr Seekamp, bekannt, dass sich zur freien Aussprache kein gegnerischer Redner gemeldet habe. Herr Bastian beglückwünschte den Referenten zu seinen Ausführungen und wandte sich ebenfalls kurz gegen die NSDAP…. Herr Seekamp (7) schloss, nachdem er nochmals gegen die Nationalsozialisten gesprochen hatte, die Versammlung.“

Der Achimer Gemeindeausschuss beschließt im Dezember 1930, die Grundvermögens- und Gewerbesteuern „wegen der schlechten Wirtschaftslage“ nicht zu erhöhen. Im Rahmen der Etatberatungen wird deutlich, dass durch die große Arbeitslosigkeit viele Einwohner der Fürsorge anheim fallen.

Das Jahr 1930 endet mit weiterer Polarisierung der politischen Kräfte an der äußersten Rechten und Linken.
Zum Schluss noch einige kommunalpolitische Fundstücke des Jahres 1930:
* Am 14. Juni 1930 berichtet das Achimer Kreisblatt über „50 Jahre Achimer Bevölkerungsbewegung“.

Jahr Bevölkerung +/-
1875 2915
1885 2820 – 95
1895 3055 + 235
1900 3076 + 21
1910 3630 + 554
1925 4063 + 433

* Die Volkszählung von 1925 ergab für den Kreis Achim

3372 Personen in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft
1779 Personen im Handel und Verkehr

Die meisten Achimer sind als Tischler tätig:

8 als Gärtner
147 als Maurer
231 als Schlosser
64 als Schmiede
319 als Tischler/Stellmacher
136 als Schneider/Näher
54 als Schuhmacher
55 als Maler/Lackierer
46 als Kraftfahrer/Kutscher
7 als Kellner
18 als Köche
17 als Barbiere

*Am 9. November 1930 ehrt Albert Theißen im Rahmen einer Bühnenaufführung der Freien Turnerschaft Achim H. Eckstein für 25-jährige Mitgliedschaft. Eckstein war Leiter des Trommler- und Pfeiferkorps und Turnwart in der Freien Turnerschaft Achim im Arbeiter-Turn- und Sportbund.

*Am 23. November 1930 wurde der Grundstein für das Kriegerehrenmal in Achim gelegt. In einer Kapsel deponierte die Gemeinde im Grundstein die Errichtungsurkunde, ein Verzeichnis der Gefallenen, ein Eisernes Kreuz, das Buch „Sperrfeuer um Deutschland“ von Werner Beumelburg, eine Zeichnung des Ehrenmals, den Beschluss des Gemeindeausschusses der Gemeinde Achim vom 19. Mai 1921, Abschriften von Genehmigungsurkunden für die Haussammlung, Notgeldscheine des Kreises Achim, kurze Nachrichten von der Gemeinde Achim und das Verzeichnis der Mitglieder des Ortsausschusses für die Errichtung des Kriegerdenkmals.

*1. September 1930: Das Achimer Kreisblatt veröffentlicht einen Nachruf: Heinrich Meislahn verstorben (geboren am 6.12.1839), Architekt, 20 Jahre Mitglied des Gemeindeausschusses, Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr und des Verschönerungsvereins Achim, 50 Jahre Vorsitzender des Schützenvereins Achim, Vorsitzender des Kriegervereins Achim.

*In Achim 1930 aktive Vereine und Organisationen (soweit sie im Achimer Kreisblatt in Erscheinung treten): Gesangverein Harmonie Baden, Schützenverein Uphusen (gegründet 1920), Freie Turnerschaft Achim (beging 1930 ihr 50jähriges Fahnenjubiläum), Gesangverein Eintracht Uphusen, Freiwillige Feuerwehr Achim, Kriegerverein Achim (Vorsitzender Architekt Meislahn), Arbeiterturn- und Sportverein Roedenbeck Badenermoor, Gesangverein Thalia (1. Vors. Heinrich Hase), Turnerbund Uphusen (1. Vors. Hermann Radecke), Dramatischer Verein Achim, Gesangverein „Frisch auf“ Achim, Club Niedersachsen zu Embsen und Umgebung, Turnverein zu Baden, Turnverein zu Achim (1. Vors. W. Meyer, Uesen), Radfahrerverein „Fahr Wohl“ Achim, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Ortsverein Baden, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Ortsverein Achim, Sportverein „Weser“ von 1903 Achim, Landwirtschaftlicher Hausfrauenverein Achim (gegründet 1930), Gesellschaftsklub „Bierdenia“ e.V., Turn- und Sportverein Borstel (gegründet 1926), Konsumgenossenschaft Vorwärts Achim, Schwimmverein zu Achim (1. Vors. Willi Siemers), Geflügelzuchtverein Achim (1. Vors. Hinrich Elfers), Pferdezuchtverein Achim, Gesangverein Erika Badenermoor, Sportverein Uesen von 1924
Eisenbahnverein, Turnverein Bierden (gegründet 1929), Gesangverein Vorwärts Achim, Sportverein Baden e.V., Gesangverein Teutonia Achim, Männergesangverein Embsen von 1930.

Der Turnverein zu Achim beging 1930 sein 70jähriges Vereinsbestehen, über das das Achimer Kreisblatt am 22. August 1930 berichtete:

„70 Jahre Turnverein zu Achim:
1860 wurden die ersten Turner-Sonderbünde nach der Turnsperre gebildet. Konrad Gödeke führte diese. Im Verein waren überwiegend Zigarrenmacher. Der noch heute bestehende „Brennofen“ auf dem Dreiersberg wurde als erstes Turnlokal für jährlich 10 Taler gepachtet. Vereinslokal war die Wirtschaft „Pavillon“ von Puvogel, die sich auf dem Hügel befand, der heute das vom Herrn Architekten Meislahn bewohnte Haus vor der Kleinen Bahnhofstraße trägt. Zu den Füßen dieses Hügels lag der Turnplatz, auf dem sommertags am Turn- und Klettergerüst, am Schwingel (jetzt Pferd), am Reck und Barren geturnt wurde, auf dem die Jugend im Stock, Lauf, Sprung, Spiel und Ringen ihre Kräfte maß. Winterntags wurde beim Talgstummel in dem schon erwähnten „Brennofen“ geturnt. In der Leitung des Vereins standen K. Gödeke Männer wie W. Schröder, Müller, Lingener, Bruns, Landwehr, Dähnel, R. Nagel, A. Bischoff u.a. zur Seite. 1877 wurde mit dem Bau der heutigen Turnhalle begonnen. „Gute Zucht war Grundlage des Turnens, unehrenhafte Handlungen im Vereins- und Privatleben wurden durch Ausschluss geahndet…“ „Sorgfältig vor- und durchgebildete Turnwarte und Vorturner, von denen besonders Christel Gödeke, Johs. Köhlmos und Ravens jun. zu nennen sind, mit vielen eifrigen und begeisterten Helfern, Vereinsvorsitzender oder Sprecher, wie man sie früher nannte wie Heinr. Ravens, H. Köhlmos und Hermann Ravens, welch letzterer den Verein 30 Jahre führte, Kassenwarte und Schriftführer wie Christel Jung und Johann Jäger, die beide auch 2 ½ Jahrzehnte um den Verein bemüht waren, festigten das Vereinsgefüge und die Erkenntnis der Notwendigkeit geregelter Leibesübung in immer weitere Kreise.“

(wird fortgesetzt)
Anmerkungen

(1) vgl. Sternburg, Wilhelm von (Hrsg.), Die deutschen Kanzler. Berlin 1998, S. 191 ff.

(2) Achimer Kreisblatt vom 10. März 1930

(3) Bielefeld, Edith/Gerhold, Karlheinz/Knof-Grotevent, Christiane, Die Protokollbücher der Achimer SPD 1912 – 1954, Achim 1991, S. 65

(4) Achimer Kreisblatt vom 2. Mai 1930

(5) Otto Hörsing aus Magedeburg hatte das Reichsbanner Schwarz Rot Gold als antifaschistische republiktreue Schutzformation gegründet.

(6) vgl. auch: Kienzle, Robert, Vor fünfzig Jahren, Wahlergebnisse berichten, in : Heimatkalender für den Landkreis Verden 1983, Verden 1982, S. 202 ff.

(7) Dietrich Seekamp war seit 1922 zweiter Vorsitzender der SPD Achim und Gemeindeausschussmitglied.

Karlheinz Gerhold, Geschichtswerkstatt Achim

Die Wirtschafts- und Finanzkrise spitzt sich 1931 dramatisch zu. Im Mai und Juli des Jahres brechen die Österreichische Creditanstalt und die Darmstädter und Nationalbank als eine der unmittelbaren Folgen des weltwirtschaftlichen Niedergangs zusammen. Hohe Arbeitslosenzahlen führen zu einer weiter zunehmenden Radikalisierung der Politik, insbesondere zu einer Abwendung von den demokratischen und republiktreuen Kräften. Die Feinde der jungen Weimarer Republik auf der linken und rechten Seite gewinnen an Einfluss. Die Reichsregierungen unter Brüning, von Papen und von Schleicher meinen, nur noch mit Notverordnungen und Polizeieinsatz die staatliche Ordnung aufrechterhalten zu können. Seit 1930 war die SPD im Reichstag in der Opposition.

Mit der Zunahme der Radikalisierung nahm auch die Gewaltbereitschaft zu. Von einem Vorfall mit Verletzten berichtet das Achimer Kreisblatt (1), als die antifaschistische Schutzformation der republiktreuen Kräfte, das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ in Thedinghausen am 9. Januar 1931 eine Kundgebung abhielt, in deren Verlauf es zu Reibereien kam, „wobei mehrere Personen verletzt wurden. Der Aufforderung des Reichsbanners an die Nationalsozialisten, einen Diskussionsredner zu stellen, kamen diese nach, indem der Reichstagsabgeordnete Leiste sprechen sollte. Als der Redner des Reichsbanners Hitler beschuldigte, einen Meineid geschworen zu haben, rief Leiste: „Sie sind ein gemeiner Lügner!“ Gleichzeitig erhob sich Leiste, um den Saal zu verlassen und mit ihm ließen fast sämtliche Versammlungsbesucher, nicht nur Nationalsozialisten, den Saal. Nunmehr fielen die Reichsbannermitglieder über die Nationalsozialisten her und schlugen mit Stöcken, Pfeifen und Trommelstöcken auf sie ein. Ein nationalsozialistischer Lehrer wurde schwer verletzt, zwei andere Versammlungsteilnehmer leicht.“

Der Bundesvorsitzende des Reichsbanners, der Magdeburger Oberpräsident a.D. Otto Hörsing machte in Achim Halt und sprach am 24. Januar 1931 im Schützenhof Achim über „Die Not Deutschlands“. Im Achimer Kreisblatt vom 22.1.1931 stellten die hiesigen Nazis klar:
„Von der NSDAP, Ortsgruppe Achim wird uns geschrieben: Zu den in Umlauf gesetzten Gerüchten, dass die Nationalsozialisten zu der am 24. Januar in Achim stattfindenden Hörsing-Versammlung erscheinen würden, womit anscheinend der Zweck verfolgt werden soll, der Versammlung einen interessanten Anstrich zu geben, wird hierdurch mitgeteilt, dass die Nationalsozialisten die besagte Versammlung nicht besuchen werden.“

Von der Veranstaltung berichtet die Presse (2):
„Otto Hörsing in Achim.
Der Bundesführer des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold weilte am vergangenen Sonnabend auf der Reise nach Bremen für einige Abendstunden in unserem Ort, um auf einem von der hiesigen Ortsgruppe des Reichsbanners veranstalteten „Deutschen Abend“ die Hauptrede zu halten. Gegen acht Uhr hatte sich vor dem hiesigen Bahnhofsgebäude eine Abteilung des Reichsbanners aus Achim und Umgegend in Stärke von zirka 200 Mann aufgestellt, um ihren Führer zu begrüßen und zum Schützenhof zu gleiten. Auf der Bahnhof- und Obernstraße hatten sich in Abständen von 10 – 15 m Fackelträger aufgestellt, um Spalier zu bilden. Da viele auswärtige Ortsgruppen des Reichsbanners erschienen waren, u.a. von Hamburg, Verden und Hemelingen, war der Schützenhofsaal dicht besetzt, als nach einigen Musikvorträgen eines Trommler- und Pfeiferkorps und dem Einmarsch der Fahnen der Bundesführer das Wort zu seiner Rede ergriff, die sich in nachstehendem Gedankengang bewegte. In kurzen Worten schilderte vorerst der Redner, ausgehend von dem verlorenen Weltkriege, den Leidensweg des deutschen Volkes. Auf Grund der im Versailler Vertrag festgelegten unwahren Behauptung von der Alleinschuld Deutschlands im Kriege seien unserem Volke unsagbare Tributlasten auferlegt worden. Dann kamen nacheinander die verschiedenen Verträge, einer schmerzlicher als der andere, abschließend mit dem Youngplan, den das vorige Kabinett des Kameraden Müller glücklicherweise unter Dach und Fach bringen konnte. Dann schlug der 14. September vorigen Jahres dem deutschen Volk, dessen Unglück wahrhaftig schon groß genug war, neue, furchtbar tiefe, brutale Wunden, die dem Volke von einer Minderheit, bestehend aus Deutschnationalen, Nationalsozialisten und deren politischen Helfershelfern, den Kommunisten, versetzt wurden. Seit diesem Tage wird Deutschland, das, wie uns bekannt ist, der Welt den Frieden gegeben hat, das nicht mit Unrecht das Volk der Denker und Dichter genannt wird, nicht mehr wie früher als das Volk einer hohen Intelligenz angesehen. Denn die Welt frage sich mit Recht, wie kann ein Volk von so hoher Kultur politischen Phantomen nachjagen, die nicht im geringsten einen Ausweg aus der heutigen Lage zeigen, die kein Wirtschaftsprogramm aufweisen, weil sie Deutschland vernichten wollen, die die Lüge, die Verleumdung, den politischen Mord und den Hoch- und Landesverrat auf ihre Fahnen geschrieben haben, in diesem Zusammenhang setzte sich der Redner mit den Nationalsozialisten und besonders mit Hitler auseinander. Durch die Katastrophenwahlen im vorigen Jahre ist aber auch unsere Wirtschaft und unsere Finanzgebahrung aufs schwerste erschüttert. 1 ¾ Milliarden kurzfristige Anleihen haben wir seit diesem Tage zurückzahlen müssen. Die letzten 1 ½ Millionen Arbeitslose sind auf das verbrecherische politische Treiben der Nazis und Kommunisten zurückzuführen. Die Modekrankheit des Hitlerismus, die augenblicklich das ganze Volk erfasst hat, birgt nicht zu verkennende Gefahren in sich, denn die politische Atmosphäre wird immer überhitzter und es wäre Wahnsinn, wenn man verkennen wollte, dass die innerpolitische Situation recht gefahrdrohend ist. Über die Deutschnationalen seien nicht viel Worte zu verlieren, da sie nur noch eine unbedeutende Rolle spielen. Der Redner hat durch ein sehr eifriges Studium festgestellt, dass mindestens 95 Prozent des sogenannten Programms der Nationalsozialisten gestohlen ist und zwar von der Reichsverfassung, von den Kommunisten und von der SPD. Ihr einziges geistiges Eigentum, der Satz von der Befreiung der Zinsknechtschaft hatte, wie sich jetzt herausgestellt hat, der selige alte Vater Noah geschrieben. Auch die Rassentheorie lehnt der Redner ab, es gibt keine minderwertige Rasse. Hitler hat das Wort gesagt, dass ein nationalsozialistischer Staat Urteile in Massen fällen werde. Diese Worte sind, trotz aller politischen Unzulänglichkeiten Hitlers, der nichts als ein politischer Hochstapler sei, nichts geringeres als die Ankündigung des Bürgerkrieges. Im Bewusstsein meiner Verantwortung sage ich Ihnen: „Wir die republikanische Front, wir das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, wünschen den Bürgerkrieg nicht, wir lehnen ihn ab als Kulturschande. Wir wünschen den Kampf der Geister, die freie Entwicklung. Wir sind zwar gerüstet, aber wir stehen defensiv. Wenn aber die Feinde der Republik sich erdreisten sollten, uns und die Republik anzugreifen, dann werden wir sie zurückdrängen. Wir werden sie, wenn es sein muss, niederschlagen und wenn das Interesse der deutschen Republik, der deutschen Nation es erfordert, werden wir sei erbarmungslos vernichten bis auf den letzten Mann.“ In seinen weiteren Ausführungen griff der Redner die Nationalsozialisten und die Kommunisten und besonders ihre Führer auf das Schärfste an. Er schloß mit den Worten des Dankes für den Empfang, der ihm in Achim geboten worden sei. Nachdem der lebhafte Beifall verrauscht war, trug der Gesangverein „Vorwärts“ ein Chorlied vor und ergriff dann der Gauleiter des Reichsbanners zu einer kurzen Erklärung das Wort, in der er die in der letzten Stahlhelm-Zeitung erschienene Behauptung als böswillige Verleumdung zurückwies, nach welcher das Reichsbanner mobilisiert werde und auch über Waffen verfüge. Herr Strauß-Hemelingen setzte sich in energischen Worten mit dem von den Nationalsozialisten vor einigen Tagen in Achim verteilten Flugblatt auseinander, in welchem Herr Hörsing scharf angegriffen wurde. Er dankte den anwesenden Beamten für ihr Erscheinen und gab der Hoffnung Ausdruck, dass sie sich eng an das Reichsbanner anschließen würden. Andererseits warnte er die Beamten, die bereits die Poussage mit den Vertretern des „Dritten Reiches“ aufgenommen hatten. Wir könnten uns den Luxus nicht länger erlauben, an den Futterkrippen diejenigen sitzen zu lassen, die dort nur Platz nehmen, um den Staat von innen auszuhöhlen. Mit einem dreifachen „Frei-Heil“ auf das Reichsbanner und die deutsche Republik schloss er gegen 10 ¼ Uhr die Versammlung.“

Nach der Veranstaltung in Achim reiste der Bundesvorsitzende des Reichsbanners weiter nach Bremen, wo er am 25. Januar 1931 als Hauptredner einer eindruckvollen Demonstration gegen den Faschismus teilnahm (3), „die mit einem Umzug von der Neustadt durch die Innenstadt begann und mit einer Versammlung in den Centralhallen endete. Man zählte 5000 Teilnehmer, durchweg Mitglieder der SPD, des Reichsbanners, der Gewerkschaften, der Verbände des Arbeitersports und der Sozialistischen Jugend. Der Bundesführer des Reichsbanners, Hörsing, war gekommen und schritt die Front der Bremer Formationen ab. Im großen Saal der Centralhallen wies Hörsing eindringlich auf die große Gefahr durch den Nationalsozialismus hin, doch was er zum Programm der NSDAP und über die NS-Führer sagte, war primitiv-demagogisch und daher kein hilfreicher Beitrag für eine objektive Einschätzung der gefährlichen Lage, in der die Republik sich durch den Aufstieg der NSDAP befand. Aber in dieser Zeit der Massenagitation wäre eine sachliche Analyse dieser Verhältnisse sicher ohne politische Wirkung geblieben. Da viele Teilnehmer in den beiden Sälen der Centralhallen keinen Platz fanden, zogen die Demonstranten dann zum Weserstadion, wo eine weitere Veranstaltung stattfand.
Die Bremer SPD hatte 1931 noch mehr als 10000 Mitglieder, von denen freilich 3600 erwerbslos waren. Die Wirtschaftskrise bewirkte einen stetigen Rückgang. Auffällig war, dass die Partei vor allem für jüngere Bürger ihre Anziehungskraft verlor (der Prozentanteil der 18- bis 50jährigen nahm ab, der der über 50jährigen wuchs). Nach wie vor waren die meisten Mitglieder Arbeitnehmer der Handwerksberufe und Arbeiter. 720 Mitglieder waren Angestellte, 350 Beamte (40 Polizeibeamte, 45 Lehrer). Freie Berufe wie Ärzte und Rechtsanwälte fanden kaum den Weg zur SPD. Nur 10 Akademiker gehörten der SPD an. Die Wirkungsmöglichkeit der Partei war durch finanzielle Schwierigkeiten beschränkt. 1932 betrugen die Einnahmen nur fast 110 000 RM bei etwa 10 000 Mitgliedern. Hinzu kam freilich eine Wahlfondskasse mit 34 000 RM. Die Hauptausgaben bestanden in Überweisungen an die Bezirksklasse in Hamburg und in Unkosten bei Wahlen.
Wichtige Stütze der Partei war die vielgelesene „Bremer Volkszeitung“ unter ihrem gut informierten und aggressiven Chefredakteur Alfred Faust, dessen wöchentlicher Beitrag „Rund um den Fangturm“ unter dem Pseudonym „Mephisto“ von Freund und Feind teils mit Schmunzeln, teils mit Zorn verschlungen wurde. Der Lokal- und Feuilletonteil war – für eine politische Zeitung überraschend – von guter Qualität. Die Zeitung war das einzige Parteiblatt in Bremen, das nicht nur ein journalistischer, sonder auch ein finanzieller Erfolg war. Die Auflage wurde 1932 mit 18 000 angegeben.
Das Reichsbanner war in dieser Zeit eine wohlorganisierte Massenbewegung, die bewusst die Rolle einer Republikschutztruppe spielte und vor allem für die SPD den Saalschutz stellte.“

Über die Maifeier 1931 lesen wir (4):
„Maifeier. Die diesjährige Maifeier wurde von der hiesigen organisierten Arbeiterschaft durch eine wohlgelungene, stark besuchte Abendfeier im „Schützenhofe“ begangen, an welcher besonders der Gesangverein „Vorwärts“, die Freie Turnerschaft, die SAJ Achim und die Reichsbannerkapelle mitwirkten. Das reiche wechselnde Programm bot den Erschienenen prächtige Unterhaltung, obwohl der Grundton auf den Inbegriff des Tages, als Weltkampftag des organisierten Proletariats für seine Forderungen, abgestimmt war. Ein Prolog und eine packende Rezitation, die von einem Mitgliede der SAJ vorgetragen wurden, unterstrich in markanter Weise diese Tendenz. Das Trommler- und Pfeiferkorps der Freien Turnerschaft leitete das Programm durch Märsche ein, und die Reichsbannerkapelle bot flotte Musikstücke. Der Männer- und Gemischte Chor des Gesangvereins „Vorwärts“ brachten prächtige Lieder zu Gehör. Recht eindrucksvoll wirkte der packende Sprechchor „Rote Erde“ der SAJ. Im Mittelpunkt der Darbietungen stand die Festrede des Herrn Strauß-Hemelingen. Der Redner beleuchtete den Maifeiertag, der 1889 in Paris anlässlich des internationalen Arbeiterkongresses beschlossen wurde. Angesichts der besonders für die Arbeiterschaft gegenwärtig schweren Zeiten frage sich wohl mancher, ob die jahrzehntelangen Kämpfe nicht vergeblich waren; aber der Tag habe auch herrliche Erfolge gezeitigt. Er wies auf die jetzige Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt hin, 20 Millionen Menschen, davon 5 Millionen in Deutschland, seien erwerbslos. Das Signum der Maifeier 1931 sei, dass die technische Entwicklung die menschliche Arbeit überflüssig mache. Diese Krise zu beseitigen, sei nicht Sache des Kapitalismus, sondern es heiße die Ziele des Sozialismus zu erkämpfen, die sozialistische Weltanschauung zu verwirklichen. Heute gelte es auch, Front zu machen gegen den Faschismus, die Parole des Maifeiertages sei der Kampf zur Erhaltung der Demokratie, der Republik, er sei unbedingte Notwendigkeit. An die Jugend richtete der Redner den Appell, den Kampf ernst zu nehmen und das rote Banner des Sozialismus hoch zu halten. Neben dem Dunkel der Gegenwart liege auch eine lichte Zukunft, der Glaube an den Sieg der Arbeiterbewegung, an der Erreichung dieses Menschheitsziels. Die Arbeiterschaft der ganzen Welt kämpfe um das eine Ziel und der Kampf werde gewonnen werden. Zum Schluss richtete der Referent noch einen Mahnruf an die vielen Tausende, die der Arbeiterbewegung noch fern stehen, sich ihr anzuschließen. Denn der Kampf werde auch für sie mit ausgefochten. Mit einem Hoch auf die internationale Völkerbefreiung schloss die Ansprache. Der zweite Teil des unterhaltenden Programms wurde in der Hauptsache von der Frauenabteilung der Freien Turnerschaft bestritten; Volkstänze und gymnastische Übungen zeigten, wie immer, hervorragendes, so dass der Beifall der Zuschauer sich in spontaner Weise äußerte. Den Abschluss des Abends bildete die Aufführung eines Schwank-Einakters „Meister Blechs Maifeier“. Das flotte Spiel der Darsteller und der amüsante Dialog des Stücks gaben Gelegenheit, die Lachmuskeln der Besucher in Bewegung zu halten.“

In Baden war die Kommunistische Partei aktiv (5):
„Baden, 10. Mai. Am Sonnabend abend veranstaltete die kommunistische Partei Deutschland, Ortsgruppe Achim, eine öffentliche Versammlung in der Gastwirtschaft Pape, in Baden. Als Redner trat ein angeblicher früherer Funktionär der SPD, namens Schwalbe, aus Bremen, auf. Das Thema lautete: „Volksaktion gegen Faschismus!“ Der Referent beschäftigte sich aber im allgemeinen nur mit Angriffen gegen die Führer der SPD. In der Diskussion ergriff der Provinziallandtagsabgeordnete der SPD, Herr Thun, aus Hemelingen, das Wort. Er erklärte in schlichen Ausführungen, dass nur auf gesetzmäßiger Grundlage und im Wege des Verhandelns für die Arbeiterschaft etwas erreicht werden könne, durch Straßenkämpfe könne man Arbeit und Brot nicht beschaffen.“

Über einen Werbeabend des Reichsbanners am 10. Mai 1931 heißt es im Achimer Kreisblatt (6):
„Der republikanische Werbeabend des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (Ortsgruppe Achim) bot den Besuchern am Sonnabend im Schützenhofe einige recht unterhaltende Stunden. Der erste Teil des Programms brachte Musikstücke der Reichsbanner-Kapelle, prächtige Liedervorträge des Männer und des Gemischten Chors des Gesangvereins „Vorwärts“ und Darbietungen der „Freien Turnerschaft“. Die Darbietungen ernteten spontanen Beifall. Ein gut gesprochener Prolog „Für wen?“ führte den Abend ein. Herr Seekamp begrüßte die Erschienenen dabei in kurzen Worten auf den Inhalt des Werbeabends hinweisend. Der Festredner, Herr Strauß-Hemelingen, ging einleitend auf die Zwecke und Ziele des Reichsbanners ein und lenkte den Blick auf gewisse politische Vorgänge in den Jahren 1918 bis 1924 mit den von rechts und links gegen den Bestand der Republik gerichteten Putschen, nach welchen ein Zusammenschluss aller Republikaner zur Erhaltung der Weimarer Verfassung ein Muss geworden. Aber erst nach den Morden an Erzberger, Eisner und Rathenau hätten sich die Vertreter der Sozialdemokratie, der Demokraten und des Zentrums zu Verhandlungen zusammengefunden, die zur Gründung des Reichsbanners führten. Das R.-B. hatte zum Ziel, Einfluss zu gewinnen für die Kräfte, die zur Republik halten. Aber wie stellte sich das Volk dazu? Die einen atmeten auf, die anderen spotteten und höhnten, und zwischen diesen gegnerischen Gruppen stand das große Lager der Lauen, der Indolenten, die sich nicht offen zu einer Seite bekennen. Um diese Massen kämpfte das R.-B., und schon 1928 habe es mit den Jugendlichen über 3 Millionen in seinen Reihen gehabt. Bis der 14. September 1930 gezeigt habe, dass die Republik nur scheinbar gefestigt, dass die Gegner, die Nationalsozialisten, der Stahlhelm, die Nationalisten und die Kommunisten eine Macht bedeuten. Wir leben gegenwärtig in dem Zustand eines bewaffneten Friedens, die Zusammenballung des Volkes in großen Bünden ermögliche, dass auch die Gegner die Oberhand gewinnen können, denn der Kampf der Nationalsozialisten richte sich gegen die Soz. Partei, gegen die Gewerkschaften, gegen den Arbeitersport, und sie bekämpften auch unsere wirtschaftlichen Organisationen. In den letzten Monaten habe das Reichsbanner erhöhte Werbetätigkeit entfaltet, es kämpfe für das Ansehen und den Frieden Deutschlands, für die Erhaltung der Republik. Die Gegner seien unerbittlicher, entweder sie werden niedergerungen oder sie gehen über uns hinweg. Lassen Sie uns, so schloss der Redner, den Abend in Achim als den Anfang einer Tat werden; jeder, der noch abseits stehe, komme zu uns, schließ sich unseren Reihen an, um den Kampf um die Republik weiter mit fortzuführen zum siegreichen Abschluss. – Den zweiten Teil des Programms bildete die Aufführung der komischen Posse „Das Dreimonatskind“ durch Mitglieder des Dramatischen Vereins. Das von besten Kräften gespielte Stück errang einen durchschlagenden Erfolg. Ein Tänzchen beschloss den Abend.“

In Uphusen erfolgte am 31. Mai 1931 die Gründung einer Reichsbanner-Ortsgruppe:
„Mahndorf-Uphusen, 2. Juni (Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold). Unter stärkster Anteilnahme auswärtiger Ortsvereine fand hier am Sonntag die Gründungsfeier statt. Hamburg hatte eine Hundertschaft entsandt, die in beiden Orten zum Mittagessen verteilt wurden. Unerwarteter Weise hatten sich viele Einwohner hierzu bereit erklärt. Für den außergewöhnlich freundlichen Empfang sei hierdurch den Einwohnern öffentlich der Dank der Hamburger Kameraden ausgesprochen. Das Fest selber nahm einen würdigen Verlauf. Der Umzug war ein imposanter und bewegte sich von Mahndorf zunächst nach dem Gefallenen-Denkmal in Uphusen, wo die Niederlegung eines Kranzes zu Ehren der im Weltkrieg Gefallenen erfolgte. Auf dem Festplatz hielt der Vorsitzende des Bremer Reichsbanners, Kamerad Drees, die Festrede, die er unter Beifall schloss mit dem Appell, für den Schutz der Republik und deren Erhaltung zu kämpfen. Ein stark besuchter Ball bildete den Abschluss der in allen Teilen gut verlaufenen Feier.“

Das für 11.500 Mark im Rathauspark von der Gemeinde Achim errichtete Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkriegs wurde am 20. Juni 1931 eingeweiht; folgende Achimer Vereine nahmen daran teil (7):
„Gesang-Vereine „Teutonia“, „Thalia“, „Frisch auf“, „Vorwärts“, Kriegerverein, Königin-Luise-Bund, Vaterländischer Frauenverein, Stahlhelm, Jungstahlhelm, „Scharnhorst“, Bund deutsche Jungmannen, Achim, Dramatischer Verein, Radfahrverein „Fahr wohl“, Deutsch-Hannoverscher Verein, Achimer Kapelle, Posaunenchor, die Schulen, das Reichsbanner, die Freie Turnerschaft, der Stenographenverein „Stolze Schreyn“, der Schützenverein, der Sportverein „Weser“, der Turnverein zu Achim, der Sportverein Borstel, die Sanitätskolonne, die Freiwillige Feuerwehr.“

Die Achimer Nazis begründeten in einem Leserbrief (8) ihre Nichtteilnahme:
„Die Mitglieder der Ortsgruppe der NSDAP hatten die selbstverständliche Absicht, an der Einweihung des Kriegerehrenmals geschlossen teilzunehmen. Ein an das Landratsamt zu Achim eingereichtes diesbezügliches Gesuch wurde abgelehnt und zwar verbot das Landratsamt das Tragen einheitlicher Kleidung (Braun- oder Weißhemd) der SA oder der Hitler-Jugend, das Mitführen der nationalsozialistischen Fahne sowie Zeichen, durch welche die Zugehörigkeit zur NSDAP erkenntlich ist. Das Landratsamt begründet dies Verbot damit, dass die Denkmalsweihe durch ein Auftreten der Nationalsozialisten eine Störung erleiden könne. Das Landratsamt gestattete lediglich ein Auftreten der Nationalsozialisten Achims in bürgerlicher Kleidung, ohne jegliches Zeichen, die sie als Nationalsozialisten erkenntlich machen. Das Verbot der nationalsozialistischen Fahne, das Symbol, das jedem Nationalsozialisten heilig ist, stellt einen Affront dar, so dass sich die Ortsgruppe Achim der NSDAP entschloss, an der Denkmalseinweihung nicht teilzunehmen. Sie wird eine Gefallenenehrung an einem späteren Zeitpunkt nachholen. Eine Abordnung der NSDAP legte nach Beendigung der offiziellen Feier einen Kranz am Denkmal nieder.“

Die Haltung der Achimer SPD zum Krieger-Ehrenmal schien uneinheitlich gewesen zu sein. Im Protokollbuch (9) heißt es:
„Vom Genossen Brüns wird darauf hingewiesen, dass es unverständlich sei, wie unsere Parteigenossen sich so aktiv für die Herrichtung des Achimer Kriegerdenkmahls eingesetzt haben, da dieses durchaus nicht unseren Grundsätzen entspreche. Desgleichen hätten die Arbeiterorganisationen am Tage der Einweihung demonstrativ den Platz verlassen sollen, wenn es die Gemeindebehörde nicht für nötig hielt, die Staatsflagge zu hissen. Genosse Theissen erwiderte, dass wohl das Reichsbanner mehr für die Beteiligung in Frage käme und von unserer Seite nicht denen von rechts das Feld überlassen sein sollte. Genosse von der Poll unterstützt den Genossen Theissen und betont, dass unsere Genossen verhindern wollten und mussten, dass der jetzige Rathauspark in damaliger Zeit von den Bürgerlichen zu Bauplätzen verschachert wurde.“

Die antisemitische Hetze der Nazis zeigt auch in Achim Wirkung:
So wurden 1931 gleich drei Beleidigungen gegen Achimer Juden – offenbar nach gerichtlicher Anordnung – durch Ehrenerklärungen in der Presse (10) öffentlich zurückgenommen:
„Ehrenerklärung.
Nehme hiermit die beleidigenden Äußerungen, welche ich gegen die Firma N. Anspacher, Achim, vom 23.3.1931 in der Gastwirtschaft Bischoff, Bassen, ausgesprochen habe, mit dem Ausdruck des Bedauerns als unwahr zurück und erkläre die Firma N. Anspacher nach wie vor als reelle Firma.
Hinrich Heitmann, Oyten 43.“

„Ehrenerklärung.
Die von mir am 14. April d. Jrs. im Wartesaal 1. und 2. Klasse zu Bremen ausgesprochenen Beleidigungen gegenüber Herrn Viehhändler Albert Anspacher, Achim, nehme ich hiermit mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück und erkläre ausdrücklich, dass mir Herr Anspacher als ehrlicher Geschäftsmann bekannt ist.
Ferdinand Sasse, Viehhändler, Hemelingen.“

„Das falsche Gerücht, welche ich über die Firma A.M. Heilbronn verbreitet habe, erkläre ich als unwahr und habe mich vom Gegenteil überzeugt.
Louis Holste.“

Der von den rechten Parteien initiierte Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Parlamentes, scheiterte: Das Achimer Kreisblatt berichtet am 10. April 1931, dass 37 % für die Landtagsauflösung gestimmt haben. Die Achimer SPD verzeichnet im Protokoll der Mitgliederversammlung vom 15. August 1931:
„Die SPD hat die Preußenregierung gerettet.“

Am 11. Oktober 1931 gründeten die „Führer der Rechtsopposition ein gemeinsames Aktionsprogramm“, die „Harzburger Front“, die den Sturz des Kabinetts Brüning und die Machtübernahme durch die nationale Aufmarschfront zum Ziel hatte.
Die Harzburger Front gründeten:
„Franz Seldte, der Bundesvorsitzende des Stahlhelms Geheimrat Hugenberg, der Führer der Deutschnationalen, Dr. Schacht, der frühere Reichsbank-Präsident, Graf Kalkreuth, der Präsident des Reichslandbundes, Adolf Hitler, der Führer der Nationalsozialisten.“

Die Achimer Sozialdemokraten befassten sich in ihrer Mitgliederversammlung am 14. Oktober 1931 mit dieser Entwicklung:
„Hierauf erfolgt nach Eröffnung die Verlesung des letzten Protokolls. Nach Entgegennahme desselben nimmt dann Genosse Kurt Gentz-Bremen das Wort zu seinem Vortrag: „Politische Gegenwartsfragen“. In klar verständlicher Form führt der Redner die Anwesenden in die augenblicklich so ungeheuer verworrene politische Lage ein. Die Wirtschaftskrise in Deutschland und mit ihr die Weltkrise der ganzen Kulturstaaten, neuerdings vor allem die Pfundkrise in England, üben gewissermaßen ein Diktat auf die Regierung aus, das sich auslöst in Notverordnungen und andere Maßnahmen. Das Elend der breiten Volksschichten steigt unerbittlich weiter an, und damit ist die Regierung zu weiteren Maßnahmen gezwungen. Doch diese Maßnahmen treffen nicht etwa die leistungsfähigen Volksschichten, sondern sie sind sozial ungerecht und werden größtenteils auf die Proletariermasse abgewälzt. Es ist heute nur noch die Frage akut: „Wie kommen wir aus dem Elend der kapitalistischen Krise heraus?“ Von Seiten der Industrie wie überhaupt von der Reaktion hört man nur stereotyp das eine Rezept: „Abbau der Löhne, Beseitigung der Sozialgesetze“. Dem stehen jedoch vorläufig noch die Tarifverträge im Wege. Es wird also auch hiergegen aufs schwerste Sturm gelaufen. Das ist im Wirtschaftsbereich wohl die brennendste Zeitfrage. Das politische Kampffeld zeigte in letzter Zeit eine Sammlung der Bürgerlichen nach rechts. Dieses äußerte sich insbesondere durch das einsetzende Kesseltreiben gegen den Außenminister Curtius und durch dessen Sturz. In der Hoffnung auf eine erfolgreiche Offensive fanden sich Hitler und Hugenberg zusammen und schließlich inszenierten diese ein Stelldichein aller Schrittmacher gegen die Front der Arbeiter. Dies alles blieb nicht ohne Wirkung auf die Reichsregierung. Die Volkspartei und auch die Wirtschaftspartei versagten der Regierung die Gefolgschaft.
Der Reichskanzler schritt zu einer Umbildung des Kabinetts, in dem er selbst den Außenminister und Kanzler stellte und den Reichswehrminister Groener mit dem Innenministerium betraute. Es schien in Anbetracht der bevorstehenden Reichstagseröffnung ernstlich um das neue Gesamtkabinett zu schwanken. Eine staatsmännisch meisterhaft gehaltene Regierungserklärung Brünings, in der er gegen die Kartellpolitik Stellung nahm und dem Tarifvertragswesen unbedingten Schutz verlieh, rette ihm jedoch aus der Misstrauenssituation. Der Referent ging sodann auf die Frage der weiteren Tolerierung Brünings durch unsere Fraktion ein. Nicht Grundsatz, sondern Taktik ist für uns die Tolerierung. Wir wissen, dass uns diese Duldungspolitik sogar die Spaltung der Partei brachte, aber wir wissen auch, dass nach dem Sturz Brünings eine mit diktatorischen Vollmachten ausgerüstete Notverordnungskommission folgen wird. Die Frage der Tolerierung hat in der Fraktion wohl einer ernsten Abwägung bedurft, doch von Vernunft und nicht von den Geschäftsmomenten haben sich unsere Genossen leiten lassen. Es ist für eine Millionenpartei nicht Zeit zu gewagten Revolutionsspielereien, deren Aussichten von vornherein abgesperrt sind. Trotz düsterer Aussichten wollen wir auf die Kraft unserer Organisation bauen und nicht den Kopf hängen lassen.“

Als Reaktion auf die Gründung der Harzburger Front durch die Republik- und Demokratiefreunde vereinigten sich SPD, Reichsbanner, Gewerkschaften ADGB und Arbeitersport am 16. Dezember 1931 zur „Eisernen Front“, deren Zeichen die „drei Pfeile“ waren und deren Führer auf Reichsebene der neue Bundesvorsitzende des Reichsbanners Karl Höltermann wurde.

Zum Schluss noch einige kommunalpolitische Fundstücke des Jahres 1931:

*Die Sterbekasse „Nächstenliebe“ Bierden wählte am 12.1.1931 Fiedler zum 1. Vorsitzenden, Ludwig Block zum 2. Vorsitzenden, Riechers zum 1. Schriftführer, Bäßmann zum 2. Schriftführer.

*Die Generalversammlung des Vereins zur Hebung der Geflügelzucht in Achim und Umgegend wählte am 19.1.1931 folgenden Vorstand für die 64 Mitglieder: Hinrich Elfers (1. Vors.), Brüne Behnken-Uesen (2. Vors.), Johann Brandt (1. Schriftführer), H. Krüger (2. Schriftführer), Fritz Ravens (1. Kassierer), Fritz Kuntzky (2. Kassierer), Gerhard Grots (1. Inventarverwalter), Fritz Sokoll (2. Inventarverwalter).

*Im März 1931 wurde die Ortsgruppe Achim der Hitler-Jugend gegründet (Achimer Kreisblatt vom 4.3.1931).

*Am 27.4.1931 wird der neu angelegte Friedhof in Baden eingeweiht und der Grundstein für den Bau einer Kapelle gelegt, die im November 1931 bereits eingeweiht wurde.

*Die Firma „Achimer Kristallbrunnen“, die Mineralwasser produzierte, beging am 1.6.1931 ihr 40-jähriges Bestehen; der Betrieb gehörte zunächst Wilhelm Knoche, später H. Simmerling.

Anmerkungen

(1) Achimer Kreisblatt vom 12.1.1931

(2) Achimer Kreisblatt vom 26.1.1931

(3) vgl. Schwarzwälder, Herbert, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 3 (1918 – 1933, S. 582)

(4) Achimer Kreisblatt vom 2.5.1931

(5) Achimer Kreisblatt vom 11.5.1931

(6) Achimer Kreisblatt vom 11.5.1931

(7) Achimer Kreisblatt vom 22.6.1931

(8) Bielefeld, Edith/Gerhold, Karlheinz/Knof-Grotevent, Christiane, „Gerüstet für die Kämpfe in kommender
Zeit“ – Die Protokollbücher der Achimer SPD 1912 – 1954, Achim 1991, S. 73

(9) Achimer Kreisblatt vom 17.4.1931, 19.5.1931, 20.7.1931

(10) Bielefeld u.a., a.a.O., S. 74-75

Karlheinz Gerhold, Geschichtswerkstatt Achim

Das Jahr 1932 beginnt reichsweit mit einer weiteren Radikalisierung und auch Steigerung der Gewaltbereitschaft der politischen Lager.

Reichskanzler von Papen hob das SA-Uniformverbot auf. Im ganzen Reich vervielfachten sich die Zahl der politischen Gewalttaten. Hauptziel der „braunen Gewalt“ der Nazis ist die Arbeiterbewegung, namentlich die SPD. Prügeleien während politischer Veranstaltungen sind fast an der Tagesordnung. Diese Endphase der Weimarer Republik steht im Zeichen von fünf Großwahlen, die die Auflösungserscheinungen der demokratischen Strukturen widerspiegeln: zwei Wahlgänge der Reichspräsidentenwahlen, die Wahlen zum Preußischen Landtag am 24. April 1932, sowie zwei Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 und am 6. November 1932.

Wie im ganzen Reich hatte sich auch in Bremen und Achim Anfang 1932 die „Eiserne Front“ als Kampfbündnis der Arbeiterbewegung aus dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB), der SPD, der Arbeitersportbewegung und dem „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ gebildet – als Antwort auf die Zunahme der „rechten Gewalt“.

Unter der Überschrift „Die Eiserne Front steht“ verzeichnet Martin Brüns, damaliger Schriftführer der Achimer SPD, im Protokollbuch der SPD Achim:
„Gemäß der Anregung in der Parteiversammlung zur Gründung der Eisernen Front in Achim fand zunächst bei Schnaars eine Sitzung aller Vereinsvorstände statt, aus der ein engerer Vorstand hervorging. Die erste Kundgebung wurde für den 9. Febr. 1932 festgesetzt. Genosse Alfred Faust (Bremen) ist als Referent vorgesehen mit dem Thema: „Das 3. Reich, eine Seifenblase“.
Das erste erfolgreiche Auftreten der Eisernen Front in Achim:
Die erste Kundgebung der Eisernen Front in Achim war ein glänzender Erfolg. Viele Hunderte füllten den Schützenhofsaal. Unter starkem Beifall erfolgte der Fahneneinmarsch und mit stürmischer Begeisterung begrüßte die Menge den Referenten, Genossen Faust (Bremen), der in zweistündiger Rede fesselnd in jedem Satz, den Kampf gegen das wahnwitzige „dritte Reich“ des Landgendarmen Adolf Hitlers schilderte. Die Ausführungen des Genossen Faust erweckten begeisterte Zustimmung, die in einem machtvollen Bekenntnis zur Front gegen den Faschismus in dem Lied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ ausklang. Die Eiserne Front bringt neue Aktivität in die Massen, der Wall gegen die braune Pest schließt sich enger. Diese erste imposante, völlig ruhig verlaufene Kundgebung hat bewiesen, dass dem Nazispuk auch in Achim das Ende winkt.
Bemerkenswert ist der zum ersten Mal veranstaltete Fahnen-Einmarsch. Alle Vereinsfahnen marschierten, während die Turnerkapelle die Internationale spielte, in den Saal ein. Die Reichsbannerkapelle und die Trommler und Pfeifer machten Stimmung vor dem Einmarsch mit flott gespielten Konzertstücken. Der Saal war dekoriert mit zahlreichen schwarz-rot-goldenen Fahnen. An der Längsseite des Saals sowie über der Bühne leuchteten große Inschriften „Hitler kommt nicht an die Macht, weil wir es nicht wollen!“ – „Stärkt die Eiserne Front!!“
Die Bühne selbst sowie Vorstandstisch und Rednerpult waren rot verkleidet. Diese äußerliche Propaganda wurde in der Vorstandssitzung als unerlässlich angesehen, zumal die Nazis mit ungeheurem Tamtam ihren Versammlungsmarsch aufziehen.
Martin Brüns“

Wie deutlich die Nazis bereits 1932 das ankündigten, was sie anschließend ausführten, zeigt sich unter anderem in den Äußerungen des nationalsozialistischen Redners Pastor Voß aus Büttel. Am 15. Januar 1932 war sein Thema „in einem vollbesetzten Saal in Achim“: »Der Endkampf um die deutsche Freiheit« (1): „Die Nationalsozialisten hassen die Parlamente; sie gingen aber in die Parlamente, um die Macht im Staate zu gewinnen“, beschreibt Voß auf Einladung der Achimer NSDAP exakt die Vorgehensweise.

Reichsweit nimmt die Arbeitslosigkeit weiter zu und erreicht am 15. Januar 1932 die Marke von 6 Millionen. (2) Das spiegelt sich auch vor Ort wider: Am 26.1.1932 „fand im Lokale des Herrn Carl Wendt eine Versammlung der Erwerbslosen von Baden und Umgegend statt. Nach eingehender Aussprache, zu der die große Notlage der Erwerbslosen besonders in Erscheinung trat, wurde aus der Versammlung heraus eine mehrgliedrige Kommission gewählt, die wegen Miet- und Zinszuschüssen und anderen Erleichterungen bei den zuständigen Stellen vorstellig werden soll.“ (3)

Auf der „Mittelstandskundgebung“ der NSDAP im Hotel Stadt Bremen listet Friedrich Schmonsees am 2. Februar 1932 die radikalen Forderungen der Nazis auf:
Einführung einer neuen durch Grund und Boden gedeckten Währung, Abschaffung der Arbeitslosigkeit durch Siedlungsvorhaben und eine einzuführende Wehrpflicht, Verstaatlichung der Großbanken, Einführung einer Arbeitsdienstpflicht, Abschaffung der Konzerne, Warenhäuser und Konsumvereine.

Die „Winterhilfe“ 1932, eine Spendensammlung brachte in Achim, Bierden und Embsen zusammen 2009,81 RM für Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Gebrauchsgegenstände und Heizmaterial. Die geplante Speiseküche für 100 Bedürftige konnte allerdings nicht eingerichtet werden, weil der Ertrag der Sammlung dafür nicht ausreichte. (4)

Am 10. Februar 1932 fand nach Achim dann eine erste öffentliche Kundgebung der „Eisernen Front“, des Kampfbündnisses der Arbeiterbewegung, in Baden auf dem Badener Berge statt:

„Es wirkten bei dieser Veranstaltung mit, das Tambourkorps der Freien Turnerschaft Achim und die Reichsbannerkapelle aus Baden. Als Rednerin sprach Frau Johanne Reitze (MdR) über das Thema: „Das dritte Reich, eine Seifenblase!“ Die Rednerin leitete ihren Vortrag ein über die Notwendigkeit der Eisernen Front, um dem Faschismus einen starken Wall entgegen zu setzen. Sie beschäftigte sich dann in erster Linie mit der Arbeitslosigkeit. Sie forderte Beseitigung der Zollmauern aller Länder und schilderte anhand von Beispielen, dass dadurch dem deutschen Volke ungeheurer Schaden zugefügt und noch weiter entstehen würde. Sie kam dann auf die NSDAP zu sprechen und erwähnte besonders die z. Zt. in Aussicht genommene Ernennung Hitlers zum Gendarmeriekommissar von Hildburghausen. Interessant waren auch die Ausführungen der Rednerin darüber, dass sie als Mitglied des Kriegsbeschädigtenausschusses des Reichstages bisher bei den Beratungen von den Abgeordneten der NSDAP, die mit vier oder fünf diesem Ausschuss ebenfalls angehörten, noch niemand gesehen habe. Die Versammlung ist ohne Zwischenfälle verlaufen und wurde gegen 22 ¼ Uhr geschlossen.“ (5)

Bereits am 3. März 1932 folgt die nächste Veranstaltung der „Eisernen Front“:
„Im Saale des Schützenhofes, der bis auf den letzten Platz besetzt war, veranstalteten gestern Abend die zur Eisernen Front zählenden Vereine Achims eine große Versammlung, die im Hinblick auf die bevorstehende Reichspräsidentenwahl eine gewaltige Kundgebung darstellte für die Kandidatur v. Hindenburg und die Ziele der Front. Als Redner war Herr Senator Kleemann-Bremen erschienen, der in fast zweistündiger temperamentvoller aber sachlicher Rede ein Bild der gegenwärtig gewaltigen politischen Hochspannung zeichnete, die durch das ganze Volk geht. Der Redner beschäftigte sich zuerst mit der NSDAP und ihrem Führer Adolf Hitler, welcher 1932 als das Jahr der Entscheidung bezeichnete, in welchem sie an die Macht kommen sollten; er glaube aber erklären zu können, dass ihnen das nicht gelingen würde. Das Jahr sei allerdings für jeden einzelnen und für das ganze deutsche Volk von entscheidender Bedeutung, innen- und außenpolitisch. Im Innern bringe es die Entscheidung zwischen Faschismus und republikanischer Anschauung, die Reichspräsidenten- und die Preußenwahlen, außenpolitisch beherrschen die Fragen der Stillhaltungs- und Reparationsverhandlungen die Situation. Die Fronten für die Wahl seien abgesteckt: Thälmann, Duesterberg, Hitler, von Hindenburg. Für die Angehörigen der Eisernen Front und alle Republikaner sei die Entscheidung klar. Reichspräsident von Hindenburg habe den Eid auf die Verfassung geleistet und jederzeit treu gehalten. Wir führen den Kampf, um zu siegen, und darum solle jeder am 13. März seine Stimme der Kandidatur von Hindenburg geben. Der Redner ging dann noch ein auf die gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Zustände im Reiche. Die Wirtschafts- und Finanzkrise in der ganzen Welt bedeute den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Überall Wirtschaftskrisen, auch in England, Italien, Amerika; bei uns wirke sie sich doppelt schwer aus infolge Versailles, Inflation und Reparationen. Die Völker seien wirtschaftlich aufeinander angewiesen. Der jetzige Entscheidungskampf berechtige zu der Frage, wie würde das Schicksal des deutschen Volkes sein, wenn der Faschismus die Macht innehätte? Außenpolitisch wäre jede Verständigung unmöglich, auch die Reparationskonferenz würde vom Ausfall der Wahlen beeinflusst. Ein Sieg des Faschismus würde katastrophale Folgen haben, und es wäre wünschenswert, dass die Entscheidung schon im ersten Wahlgang falle. Er hoffe mit Zuversicht, dass die Wahl die erste gründliche Niederlage Adolf Hitlers bilde. Der Referent schloss seine Ausführungen mit der Parole, dass am Wahltage jeder seine Pflicht tue. Denn wir wollen nicht das dritte Reich, und darum kämpfen wir! Die Rede löste stärksten Beifall aus. Der Versammlungsleiter, Herr Seekamp, dankte dem Redner und gab bekannt, dass am nächsten Freitag der hier bekannte Reichstagsabgeordnete Alfred Henke in Achim sprechen würde, er schloss die Versammlung mit einem dreifachen Frei Heil. Vorträge der Reichsbanner-Kapelle und der Trommler- und Pfeiferabteilung der Freien Turnerschaft leiteten den Abend ein.“

Es ist schon bemerkenswert, dass die SPD und die verbündete „Eiserne Front“ bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 zur Wahl Hindenburgs aufrufen, um Hitler zu verhindern. Hindenburg war also der Kandidat der rechten Mitte und der Sozialdemokratie. Tatsächlich gelingt das bereits im 1. Wahlgang:

Paul von Hindenburg 18.654.244 Stimmen
Adolf Hitler (NSDAP) 11.341.119 Stimmen
Ernst Thälmann (KPD) 4.982.870 Stimmen
Theodor Duesterberg (Kampffront Schwarz-Weiß-Rot) 2.558.813 Stimmen
Adolf Gustav Winter 111.492 Stimmen

Mit Hilfe der SPD wird der Konservative Hindenburg im Amt bestätigt, was Hitlers Aufstieg letztlich jedoch nicht verhindern konnte, wie man aus der Geschichte weiß.

Die Wahl im Kreis Achim ging folgendermaßen aus:

Düsterberg Hindenburg Hitler Thälmann Winter Sonstige
Gemeinde
Achim 485 1.134 945 102 10 3
Baden 128 522 261 81 5
Bollen 24 49 70
Bierden 46 108 70 21
Embsen 36 93 154 3 2
Uesen 40 196 170 3 4
Uphusen 58 296 230 28
Kreis Achim gesamt 2.612 9.371 6.007 1.506 81 10

Am 26. März 1932 hat das sozialdemokratische Achimer Gemeindeausschussmitglied Wilhelm Theiß sein Amt niedergelegt. Nachfolger wurde Zigarrenarbeiter Friedrich Burggräbe.

Auch der 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahlen am 10. April 1932 gehen wieder zugunsten Hindenburgs aus, der rund 53 % der Stimmen erzielt:

Paul von Hindenburg 19.359.642 Stimmen
Adolf Hitler (NSDAP) 3.417.460 Stimmen
Ernst Thälmann (KPD) 3.706.388 Stimmen

Wahlergebnis im Kreis Achim (7):

Hindenburg Hitler Thälmann
Gemeinde
Achim 1.176 1.242 56
Baden 550 329 48
Bierden 108 94 19
Bollen 44 83 2
Embsen 84 161 6
Uesen 200 196 2
Uphusen 300 269 21
Kreis Achim gesamt 9.826 7.698 1.134

Die Preußenwahl 1932 hatte folgendes Ergebnis:

Stimmen Sitze
SPD 4.674.943 93
DNVP 1.524.936 31
Zentrum 3.374.441 67
KPD 2.819.602 57
DVP 330.829 7
Volksrechtspartei 44.229
Wirtschaftspartei 191.021
Landvolk 176.816
Staatspartei 332.441
Nationale Front 51.801
NSDAP 8.008.219 162
Dt. Hann. 1

Mit zwei Begebenheiten aus den Wahlkämpfen 1932 in Badenermoor befassen sich zwei in Versform reimende Leserbriefe im Achimer Kreisblatt (8), die die Aktivitäten der Nazis („Nazimann“) und der Sozialdemokraten („Sozimann“) beim Plakatieren humoristisch verarbeiten:

„Es geht also auch so!
Der Nazi- und der Sozimann, die wollten beide kleben,
Der eine klebt für Hitler an, der and’re klebt daneben.
Sie teilten sich ganz brüderlich den Kleistertopf, die Nägel,
Den Platz für dich und den für mich, wie’s unter Brüdern Regel.
Auf hoher Tafel prangte groß ein Bild mit mächt’gem Hammer,
Der Wind riss eine Ecke los, es löste sich die Klammer.
Und ratlos steht der Sozimann, so hoch kann er nicht reichen,
Und wie das nun der Nazi sieht, ließ er sich gleich erweichen.
Und bot die breiten Schultern an, hält fest ihn an den Waden,
Hoch oben steht der Sozimann, beseitigt bald den Schaden.
So war’s zur Wahl im Badener Moor, gern woll’n wir’s hier erwähnen,
Wo Schlägereien kommen vor, da sollen sie sich schämen.“

„Es geht auch anders!
Ein Gegenstück zu dem Eingesandt vom 13. April Sozimann und Nazimann
einst klebten im Vereine ihre Wahlplakate an, Prügelei gab’s keine.
Aber bei der Preußenwahl konnt‘ man was erleben!
Sozimann stellt Stangen auf, um sie zu bekleben.
Kaum stand dies Plakatgerüst, hoch und ausgeglichen,
Kam schon flugs ein Nazimann, hat’s mit Teer bestrichen.
Wiederum ward neu beklebt das Plakatgerüste,
Und dann Wachen aufgestellt: Nazimann, wo biste?
65 Sozis warten in den Straßengräben,
rußgeschwärzt und wohlbewehrt; jetzt geht es ums Leben!
Doch kein Nazi ließ sich seh’n, hatten was gerochen:
Drum tat man nach Hause gehen mit steifgefrorenen Knochen.
Indess am andern Morgen früh, da gab es was zu sehen,
Denn vor dem Sozi-Wahlgerüst tat nun ein zweites stehen,
Nazi-Plakate hingen dran, für Hitler wird geworben,
Den Sozis war durch diesen Streich der ganze Zimt verdorben.
So war’s zur Preußenwahl in Badenermoor,
Man sieht, der Siedler sorgt stets für Humor.“

Über die traditionelle Maifeier der Arbeiterbewegung lesen wir am 2. Mai 1932 im Achimer Kreisblatt:

„Maifeier. Die organisierte Arbeiterschaft Achims veranstaltete gestern Abend im Schützenhofsaale ihre diesjährige Maifeier unter Mitwirkung des Gesangvereins „Vorwärts“, der Freien Turnerschaft und der SAJ, Ortsgruppe Achim. Trotz der Nöte der Zeit war die Feier gut besucht und bot im Hinblick auf das vorzüglich zusammengestellte unterhaltende Programm den Besuchern einige anregende Stunden. Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch die Festansprache des Präsidenten der Hamburger Bürgerschaft Herrn Leuteritz, der es verstand, die Bedeutung der Maifeier und auch die gegenwärtige innerpolitische Lage scharf zu beleuchten. „Das alte muss weichen, das neue kommen!“ Dieses Wort knüpfte der Redner in seinen Ausführungen an den Mai, den Monat, in welchem die Winterstürme weichen, in dem in der Natur alles grünt und blüht, zu neuem Leben erwacht. In diesem Gedanken liege auch der Völkermai. Jahrhunderte, Jahrtausende wissen wir, dass jede Arbeit ihren Segen hat, dass auf Wachstum die Ernte, der Segen folgt. Und doch erleben wir heute, dass uns nicht nur der Segen der Arbeit, ja vielen von uns nicht die Arbeit vergönnt ist. Und wir fragen uns, muss das so sein? Nein, es muss nicht so sein, denn die Erzeugnisse, der Segen der Mutter Erde sei so reich, dass alle Nahrung hätten. Nur die Verteilung sei falsch, denn wie könnte es sonst vorkommen, dass in überseeischen Ländern unzählige Produkte wie Reis, Weizen etc. in großen Mengen vernichtet würden. Und warum? Weil sie dem Unternehmer nicht den gewünschten großen Profit brächten. Diese kapitalistischen Methoden müssten verschwinden und an deren Stelle die Wirtschaft des Sozialismus treten. Die Völker selbst müssen über die Verteilung bestimmen und Wirtschaftskontrolle eingeführt werden, wie die Sozialdemokratie es seit 50 Jahren gefordert und es heute infolge der großen Wirtschaftsskandale der letzten Zeit, Bankkrache usw., besonders notwendig sei. Wir kämpfen im Staat für den Staat, Arbeit für alle, Güter für alle, wir kämpfen für die Demokratie. Im Hinblick auf die Not der Zeit, die große Arbeitslosigkeit, sei der helfende Gedanke die Verkürzung der Arbeitszeit; bei der bevorstehenden 40 Stundenwoche müsse die Arbeiterschaft kämpfen, dass sie den dadurch entstehenden Ausfall nicht allein zu tragen habe. Der Nationalsozialismus, der die Demokratie beseitigen, die unbeschränkte Macht des Kapitalismus errichten will, sei ein Fehlschluss, ihr Programm wolle alle Organisationen des Sozialismus vernichten, wirtschaftliche Autarkie errichten. Der Redner schloss mit dem Appell, an den Zielen des Sozialismus festzuhalten, für den Schutz der Arbeit, Schutz der Arbeiter, für Völkerfrieden und Völkerverständigung zu kämpfen. In der Eisernen Front habe die Sozialdemokratie einen Wall gegen den Faschismus. Die Ansprache fand starken Beifall. Das unterhaltende Programm des Abends bot nach einer von Fräulein Seekamp recht frisch gesprochenen Rezitation, prächtige Liedervorträge des Männer- und des gemischten Chors des Gesangvereins „Vorwärts“. Wuchtig und fesselnd war auch der Sing-, Sprech- und Bewegungschor, von Mitgliedern der Fr. Turnerschaft und der SAJ. ausgeführt. Recht eindringlich wirkte hier der Ruf „Die Arbeit soll der Menschheit ein Segen sein!“. Turnerinnen der Freien Turnerschaft boten mit den fesselnden Volkstänzen „Wilde Gesellen“ und „Foxtrott“ sowie „Das Leben“ wirklich künstlerische Darbietungen. Die jungen Mädchen ernteten mit ihren Tänzen lebhaften Applaus. Den Schluss des Abends bildete die Aufführung eines dramatischen Lebensbildes „Hunger“ in 2 Akten von Felix Renken. Die flotte Darstellung und der Inhalt der Handlung rissen die Zuschauer zu stürmischen Beifallsbezeugungen hin. Das Trommler- und Pfeiferkorps stellte sich durch verschiedene Märsche ebenfalls in den Dienst der Sache, sodass die Abendfeier sowohl nach der ideellen als auch der unterhaltenden Seite hin eine gelungene Veranstaltung war.“

Und erneut ist Wahlkampf:
Nach der Auflösung des Reichstags finden am 31. Juli 1932 Neuwahlen statt.

Die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) Verden veranstaltete am 25. Juni 1932 die Sonnenwendfeier des Unterbezirks Nordhannover, an der auch die Achimer SAJ teilnahm:
„Der letzte Sonnabend brachte der Bischofstadt Verden wieder einen gewaltigen Zustrom von auswärtigen Gästen… Diesmal galt es, die Sonnwendfeier der SAJ des Unterbezirkes Nordhannover zu feiern. Freudige Gesichter, auf denen der Kampfesmut der Jugend geprägt war, zogen unter den roten Sturmfahnen der SPD durch Verdens Straßen, grüßend mit dem Rufe „Freiheit!“ – Abends um 21 Uhr setzte sich dann ein großer Demonstrationszug vom Gewerkschaftshause ausgehend, nach dem Stadion, wo die eigentliche Feier stattfand, in Bewegung. Nach Ankunft auf dem Platze, wo sich schon eine unübersehbare Menschenmenge eingefunden hatte, leiteten Musikstücke der Arbeiter Turnvereinskapelle Verden sowie Fanfaren-Märsche der Bremer SAJ die Feierstunde ein. Der Führer der Eisernen Front, Genosse Fritz Kruse – Verden, grüßte in einer kurzen Ansprache die jungen auswärtigen Gäste. Es folgten nun Rezitationen eines Jugendgenossen aus Achim, die mit starkem Beifall aufgenommen wurden. Auch die Kinderfreunde-Verden fanden mit ihren Liedern den ungeteilten Beifall der weit über tausend zählenden Zuhörerschaft. Machtvoll und ausgeglichen brachte der Arbeitergesangverein „Konkordia“-Verden zwei Chorlieder zu Gehör, die der Festrede des Genossen Lieberknecht-Verden eine wirkungsvolle Einleitung gaben. In seinen Ausführungen feierte der Redner den Kampfesmut der SAJ. Mit dem Wunsche gemeinsamer Arbeit aller Jugendlichen in der SAJ und dem Rufe „Freiheit!“ schloss die mit großem Beifall aufgenommene Rede. Gesangsvorträge des Gemischten Chors „Glocke“ Verden, Musikvorträge der Reichsbanner-, Arbeiter-Turnvereins- und der SAJ-Kapelle, sowie ein Sprechchor der Arbeiter-Jugend Achims ergänzten das Programm. Inzwischen war auch der gewaltige Holzstoß zum Brennen gebracht worden, und bei den zum Himmel lodernden Flammen, wurde aufs Neue das Gelöbnis abgelegt, zu kämpfen und zu werben für einen sozialistischen Wirtschaftsstaat. Der Sonntag sah die Jugend bei Besichtigungen der vielen Sehenswürdigkeiten der alten Bischofsstadt, viele andere aber auch waren auf Fahrt gegangen, um die schöne Umgebung Verdens in Augenschein zu nehmen.“ (9)

Die Reichstagswahlen im Juli 1932 hatten folgendes Ergebnis bei den Sitzen:

Sitze
SPD 133 (136)
NSDAP 229 (110)
KPD 89 (78)
Zentrum 76 (69)
DNVP 36 (42)
DVP 8 (27)
Wirtschaftspartei 2 (21)
Staatspartei 4 (16)
Bayr. Volkspartei 20 (19)
Landvolk 2 (16)
Christl. soz. Volksp. 4 (14)
Dt. Bauernpartei 2 (4)
Württ. Bauern und Weinb. 2 (3)

…und bei den Stimmen vor Ort:

Gemeinde SPD NSDAP KPD Zentrum DNVP DVP
Achim 865 1.241 100 16 278 62
Baden 446 424 75 2 65 27
Bierden 97 93 20 1 19 7
Bollen 50 139 3 1 35 11
Embsen 34 170 23 1
Uesen 175 184 3 30 6
Uphusen 246 256 24 41 9
Kreis Achim gesamt 6.852 8.196 1.337 328 1.508 365

Der einstimmige Protest des Achimer Kreistages gegen die Zusammenlegung der Kreise Achim und Verden mit Sitz in Verden ist erfolglos: Am 1. Oktober 1932 wird der Kreis Achim aufgelöst.

Am 12. August 1932 „wurde bei dem politischen Leiter der hiesigen Ortsgruppe der kommunistischen Partei, Hinrich Becker, eine Haussuchung durch Landjägereibeamte vorgenommen. Es wurde nach verbotenen Schriften und nach Waffen gesucht. Belastende Schriften wurden jedoch nicht gefunden.“ (10)
Hinrich Becker ist der Chef der Kommunisten in Badenermoor.

„Kommunistenputsch in Achim?“

Unter der Überschrift „Demonstration gegen eine Zwangsversteigerung – Kommunistenputsch in Achim angekündigt“ schreibt das Achimer Kreisblatt am 28. September 1932 und am 15. Oktober 1932 über die Proteste gegen eine Zwangsversteigerung des Anwesens des Landwirts Friedrich Heidorn aus Meyerdamm:

„In verschiedenen Ortschaften der Umgegend haben die Kommunisten hektographierte Flugblätter verteilt, in denen anlässlich einer Zwangsversteigerung auf dem Amtsgericht in Achim zu einem Aufmarsch in Achim am Sonnabend, den 1. Oktober, aufgefordert wird. In dem Flugblatt heißt es u.a.: Das Anwesen des Landwirts Fr. Heidorn, Meyerdamm, im Kreise Achim, soll am 1. Oktober auf dem Achimer Amtsgericht zwangsversteigert werden. Durch eine gewaltige Massenbewegung muss dieses verhindert werden. Am 1. Oktober soll Kollege Fr. Heidorn das Genick gebrochen werden, morgen bist du es selber, damit muss Schluss gemacht werden. Kein Kollege kann es dulden, wenn ein Werktätiger, der durch die kapitalistische Krise zu Grunde gerichtet wird, dass ihm dann durch eine Zwangsversteigerung zur Vollendung des Unglücks noch alles genommen wird. Hier heißt es jetzt einer für alle und alle für einen. Die Parole lautet am 1. Oktober: Alles marschiert in Achim auf. Die Arbeiterschaft wird es sich nicht nehmen lassen, gemeinsam mit der werktätigen Landbevölkerung gleichfalls am Vormittag in Achim aufzumarschieren, um Solidarität zu üben mit ihren in Not geratenen Kollegen und Bundesgenossen im Kampf gegen Finanzknechtschaft und Papen-Diktatur. Ganz Achim muss am 1. Oktober im Zeichen des Protestes gegen die Zwangsversteigerung stehen. Gleichzeitig muss eine großzügige Propaganda ab morgen einsetzen, um zu erreichen, dass sich niemand dazu hergibt, auf das Anwesen vom Kollegen Fr. Heidorn zu bieten.“

Doch dann die Entwarnung:

„Die Demonstration gegen einen auf heute Vormittag angesetzten Zwangsverkauf eines landwirtschaftlichen Anwesens auf dem hiesigen Amtgericht, die von linksradikaler Seite in Szene gesetzt werden sollte, ist kaum in Erscheinung getreten. Zwar war die Obernstraße stark belebt, aber außer einer geringen Zahl uniformierter Kommunisten, waren es größtenteils Neugierige, die sich eingefunden hatten. Vorsorglich war allerdings zur Unterstützung der Landjägerei ein Überfallkommando aus Bremen requiriert worden, dessen Tätigkeit aber darauf beschränkt blieb, kleinere Ansammlungen zu zerstreuen und den Verkehr zu regeln. Ein Demonstrant wurde in zeitweilige Schutzhaft genommen. Zu der Versteigerung, die im Sitzungssaal des Amtsgerichts stattfand, hatte sich zahlreiches Publikum eingefunden, das aber eine musterhafte Ruhe bewahrte. – Außerdem erfolgte am heutigen Vormittag die Abreise von Mitgliedern der Hitler-Jugend zum nationalsozialistischen Jugendtreffen in Potsdam. Die Teilnehmer wurden vorsichtshalber unter polizeilichem Schutz zum Bahnhof geleitet.“

Und schon wieder Reichstagswahlen (6.11.1932):

Nationalsozialisten 11.713.788/td> 195 Sitze
Sozialdemokraten/td> 7.237.894/td> 121 Sitze
Kommunisten/td> 5.874.209/td> 100 Sitze
Zentrum/td> 4.228.633/td> 69 Sitze
DNVP/td> 3.064.977/td> 51 Sitze

…und vor Ort:

Gemeinde NSDAP SPD KPD Zentrum DNVP rad. Mittelst. DVP
Achim 1.058 741 200 13 378 6 89
Baden 285 407 114 3 107 2 32
Bierden 64 73 31 2 33 11
Bollen 61 17 5 37 2
Embsen 113 37 5 37 4
Uesen 57 138 28 26 2 4
Uphusen 195 226 37 63 1 29
ehem. Kreis Achim gesamt 6.243 6.138 2.095 303 2.260 55 501

Hitler lehnt den Auftrag zur Kabinettbildung ab.

Wie sehr die ständigen Neuwahlen, immerhin fünf Großwahlen im Jahre 1932, die Wahlkampfmöglichkeiten der SPD beeinträchtigten, ergibt sich aus einem Protokoll der SPD Uphusen/Arbergen/Mahndorf von der Sitzung am 25. Oktober 1925:
„Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung um 20.15 Uhr. Nach Verlesung des Protokolls der letzten Versammlung gab der Gen. Kreye den Kassenbericht.
Hierauf bekam der Genosse Mester das Wort zu seinem Vortrag. Er führte zuerst aus, wie die Sozialdemokratie dasteht und was sie geleistet hat. Wie schwer es für die Partei ist, hauptsächlich in finanzieller Hinsicht, dass so viele Wahlen sind, denn bereits am 6. November findet die fünfte Großwahl dieses Jahres statt. Die Wahlen seit 1924 haben der SPD schon über 10 Millionen Mark gekostet. Er gab dann die Extrabeiträge und die Beiträge der besser bezahlten Mitglieder bekannt. Hierauf sprach er über die Parteien der Gegner, der Nationalsozialisten, Deutschnationale bis zu den Kommunisten. Besonders kritisierte er noch die Baronsregierung Papen. Er führte den Satz noch an, den unser Parteiführer Otto Wels geprägt hat: „Ohne Thälmann kein Hitler, ohne Hitler kein Papen.“
Im Namen der Versammlung dankte der Genosse Schmidt dem Redner für seine vortrefflichen Ausführungen.
An der Aussprache beteiligten sich mehrere Genossen, die die Ausführungen meistens noch bekräftigten. Genosse Müller meinte, Deutschland müsste die Goldwährung fallen lassen, was die Partei unterstützen müsste. Genosse Mester trat in seinem Schlusswort dieser Ansicht aber entschieden entgegen.
Unter Verschiedenes wurde angefragt, ob Wahlversammlungen abgehalten werden sollten. Der Vorsitzende gab bekannt, dass davon abgesehen wird. Wir werden und müssen schriftliche und mündliche Propaganda zur Wahl machen. Mehrere Genossen führten dann noch aus, wie am besten Propaganda getrieben werden könnte. Hierauf schloss der Vorsitzende die Versammlung mit den Worten: Macht hauptsächlich mündliche Propaganda.
Schluss der gut besuchten Versammlung 23.15 Uhr, der Schriftführer: H. Lahrmann“ (11)

Zum Schluss noch einige kommunalpolitische Fundstücke des Jahres 1932:

* Am 31.3.1932 starb der letzte Gemeindevorsteher von Borstel, Hermann Jäger, der das Amt von 19.2.1908 bis zur Vereinigung Borstels mit Achim am 1.1.1929 ausübte.

* Im Juli 1932 wurde der neue Friedhof in Badenermoor eingeweiht.

* Die Kreise Achim und Verden werden zum 1.10.1932 zum Landkreis Verden mit Sitz der Kreisverwaltung in Verden zusammengelegt. Die Kreisbücherei des Altkreises Achim übernimmt die Gemeinde Achim.

Anmerkungen

(1) Achimer Kreisblatt vom 19.1.1932
(2) Achimer Kreisblatt vom 22.1.1932
(3) Achimer Kreisblatt vom 27.1.1932
(4) Achimer Kreisblatt vom 10.2.1932
(5) Achimer Kreisblatt vom 11.2.1932
(6) Achimer Kreisblatt vom 14.3.1932
(7) Achimer Kreisblatt vom 11.4.1932
(8) Achimer Kreisblatt vom 13. und 28. April 1932
(9) Achimer Kreisblatt vom 27.6.1932
(10) Achimer Kreisblatt vom 13.8.1932
(11) Protokollbuch der SPD Uphusen/Arbergen/Mahndorf im Archiv der Geschichtswerkstatt Achim

Die Postkarten aus der Sammlung Karlheinz Gerhold bieten ein Rundreise durch das historische Achim – vom westlichen Ende der Obernstraße am ehemaligen Gasthaus „Drei Kronen“ bis zum Bürgerpark und mit Ausflügen zur Mühle und zur alten Achimer Badeanstalt an der Weser.

Gruss vom Bahnhofshotel Achim (1902)


Gruss vom Bahnhofshotel Achim (1897)


Gruss aus Achim (1897)


Gruss aus Achim (1905)


H. Gieschen’s Hotel, Radfahrer-Verkehr, Achim i. H. (1897)


Die Obernstraße mit Blick auf den Speicher Scherf in der Bildmitte; vorne links das Gasthaus „Drei Kronen“ (1909).


Die Obernstraße mit Blick auf „Gieschen’s Hotel“; rechts das Wohn- und Geschäftshaus Scherf (1904).


Alte Bauernwirtschaft von Konrad Rühe.


Gieschens Hotel (1912)


Am Ende der „Kleinen Bahnhofstraße“ baute der Zigarrenfabrikant Hillmann einen Pavillon mit Aussichtsturm (1910).


Obernstraße in Richtung Uphusen (1900)


Obernstraße im Zentrum (1912)


Bahnhofstraße mit dem Denkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 (1906).


Bahnhofshotel (1910)


Am Bahnhof

Achimer Bahnhof (1907)


Obernstraße im Zentrum (1907)


Bis 1956 beherbergte das Pforthaus Gastwirtschaften, u. a. Marschhausen und Schnaars.


Das Hotel „Stadt Bremen“ war eine der ältesten Gastwirtschaften Achims. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Apotheke.


Das „Eiserne Kreuz“ diente während des Ersten Weltkrieges zu sozialen Zwecken. Es konnten Nägel erworben und in das Kreuz geschlagen werden.


Die Schule am Markt entstand im Jahre 1894.


Verkehrspavillon am Marktplatz. Er mußte Mitte der 90er Jahre dem Rathausneubau weichen (1959).


Langensalza-Denkmal am Achimer Schützenhof. Heute befindet sich das Denkmal im alten Rathauspark (1911).


Achimer Schützenhof: Bereits im Jahre 1873 wurden zwischen Feld- und Bergstraße, ein Wohnhaus und eine Tanzhalle errichtet (1902).


Im „Schützenverein Achim“ trafen sich vor allem Geschäftsleute, Bauleute und Vollhöfner. Der Arbeiterschaft öffneten sich die Schützen erst später (1907).


August Frankes Gasthof war um die Jahrhundertwende eine angesehene Adresse in Achim.


Das alte Achimer Rathaus (1933)


Achim, von der Marsch aus gesehen (1902)


Bahnübergang Borsteler Landstraße (1907)


Villa in der Obernstraße


Gaststätte „Zur Harzburg“ an der Obernstraße (1910)


Gruppenbild vor dem Gasthaus „Schweizer Meyer“ in der Bergstraße


Parthie am Bürgerpark


Partie im Bürgerpark (1914)


Partie aus den Sanddünen bei Achim (1909)


Achimer Windmühle an der Grenze Achims zu Uesen (1904)


Direkt an der Weser befand sich ab 1888 Achims erste Badeanstalt (1915).


Die Flußbadeanstalt wurde 1956 geschlossen und 1962 durch das Freibad im Norden Achims ersetzt (1914).


Achimer Schwimmfest in der Flußbadeanstalt


Alt Achim (um 1940)


Alt Achim (um 1940)


Achim Pfarrhaus (um 1940)


Alt Achim (um 1940)


Alt Achim (um 1940)

Der Kreienberg, Aufnahme etwa 1895 mit vollem Heidebewuchs.

Der Bakenberg, vom Kreienberg aus fotografiert. Die Personengruppe im Vordergrund ist der Mandolinenklub des TBU, Aufnahme etwa 1928.


Der Weg von Uphusen nach Achim, heute Uphuser Heerstraße, links Einmündung des Bruchweges, mit dem auslaufenden Hang des Weserberges, Aufnahme etwa 1908.

Der Abbau des Weserberges 1911, die Besucher erfreuen sich ein letztes Mal der Heideblüte auf der höchsten Kuppe des Dünenzuges.

von Karlheinz Gerhold

Die Pest.
Erzittre, Welt, ich bin die Pest;
ich komm‘ in alle Lande
und richte mir ein großes Fest;
mein Blick ist Fieber, feuerfest
und schwarz ist mein Gewande.
Ich bin der große Völkertod,
ich bin das große Sterben;
es geht vor mir die Wassernot,
ich bringe mit das teure Brot,
den Krieg tu ich beerben.
Aus: Hermann Lingg, Der schwarze Tod.

Ob Pest, Lepra, Syphilis, Pocken, Malaria, Cholera oder AIDS – die Seuchen der Menschheit brachten und bringen nicht nur großes Leid für die Betroffenen und ihre Familien, sondern oft genug auch politische Umwälzungen mit sich.

Als Geißel der Menschheit schlechthin galt speziell im Mittelalter die Pest. Sie trat mit verschiedenen Gesichtern auf, war aber wohl immer dieselbe Infektionskrankheit:

  • Schwarzer Tod
  • Beulenpest
  • Beulenseuche
  • giftige Seuche
  • leidige Seich
  • großer Sterb
  • das Sterben an den Drüsen
  • Lungenpest
  • Brandbeulen

– alles Namen für diese Krankheit und ihre Symptome.

Was ist die Pest medizinisch?

Das Wort kommt von lateinisch pestis = anstreckende Krankheit, Seuche, Pest und bezeichnet die hochansteckende, akute, heute bereits bei Erkrankungsverdacht meldepflichtige bakterielle Infektionskrankheit. Erreger ist Yersinia pestis, ein unbegeißeltes, stäbchenförmiges Bakterium.

Ihrem Ursprung nach ist die Pest eine Krankheit wildlebender Nagetiere, insbesondere Wanderratten, die durch verschiedene Ektoparasiten, insbesondere den auf den Ratten schmarotzenden Flöhen übertragen wird, auch auf den Menschen, und zwar vorwiegend durch den infizierenden Flohstich. Befallen werden daher als erstes Haut oder Lymphknoten.

Einzelinfektionen beim Menschen können durch Tierkontakt mit toten Nagern hervorgerufen werden, menschliche Epidemien und Pandemien durch Verbreitung der Erreger über eine Infektionskette von Wanderratten und anderen wild lebenden Nagern auf Hausratten in menschlichen Siedlungsgebieten. Schließlich ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion und infizierte Gegenstände denkbar. Das Bakterium bleibt in Nagerhöhlen oder in Auswurf, Kot und selbst in eingetrocknetem Eiter über mehrere Monate infektionsfähig. Nach Übertragungsform und Verlauf unterscheidet man
– Beulen- oder Bubonen-Pest (nach Rattenflohbiss) und
– Lungenpest nach Tröpfcheninfektion.

Bei der Beulenpest bildeten sich ausgehend vom Flohstich am nächstgelegenen Lymphknoten in der Ellenbogenbeuge, Achselhöhle, Kniekehle oder im Nacken die Beulen.

Den Namen „schwarzer Tod“ erhielt die Pest durch die blauen oder schwarzen Flecken auf der Haut, die entstanden, indem Blutfarbstoff aus den Gefäßen unter die Haut trat.

Symptome der Beulen-Pest: nach einer Inkubationszeit von 2 bis 6 Tagen entstehen Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Benommenheit, Lymphknotenentzündung mit schmerzhafter Schwellung bis zu 10 cm Größe und blutig-eitriger Einschmelzung.
Die Lungenpest tritt nach 1 bis 2 Tagen Inkubationszeit mit Husten, Luftknappheit, schwarz-blutigem Auswurf, Atemnot und meist dann Tod durch Lungenödem und Kreislaufkollaps auf.

Noch heute ist die Krankheit verbreitet in pestverseuchten Reservoiren wildlebender Nagetiere in Zentralasien, Ost- und Zentralafrika, Madagaskar, USA (Rocky Mountains) und Südamerika. Noch 1989 erkrankten 770 Personen mit 55 Todesfällen.

Eine Behandlung ist heute mit Antibiotika (Tetracycline und Streptmycin) möglich. Die Schutzimpfung ist wegen starker Nebenwirkungen umstritten.

Die Geschichte der Pest ist fast so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Berichte liegen seit der Antike vor, u.a. für folgende Bereiche:

  • 430 vor Chr. im belagerten Athen (?)
  • 6. Jahrhundert in Konstantinopel
  • 1347 bis 1352 in Europa (bis zu 25.000.000 Tote, rund 1/3 der Bevölkerung)
  • 1665 – 1666 London
  • 1712 – 1713 Europa
  • 1720 – 1722 Marseille/Provence/Toulouse (letztes epidemisches Auftreten der Pest in Europa)
  • 1896 Asien
  • 1936 Malta

Nach einer neuen Theorie sollen Händler im 6. Jahrhundert die Pest nach Europa eingeschleppt haben. Die Ratten als Träger der Krankheit gelangten auf byzantinischen Schiffen mit Elfenbeinschnitzereien aus Afrika in die Mittelmeerländer. 2)

Was waren die Folgen, speziell im Mittelalter?

Die Folgen der Pestpandemien waren Hungersnöte, ein Kollaps von Handel und Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft und verbreitete Endzeit- und Weltuntergangsstimmung. Diese Ereignisse hatten tiefgreifende Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben und die Weltanschauung der damaligen Zeit.

Was hielten die Menschen damals für die Ursachen der Pest?

Man vermutete:

  • Veränderungen der Luft
  • giftige Dünste und Wolken von unsichtbar kleinen Insekten, deren Eindringen in den Körper Blutvergiftungen hervorrufen sollte
  • ein Strafgericht Gottes oder
  • die Juden als Brunnenvergifter, was sogar zu Pogromwellen führte.

Also alles völlig irrationale Ursachen mussten als Erklärungsmuster herhalten.

Erst im Jahre 1894 wurde der Erreger von A.E.Yersin und S. Kitasato entdeckt und die wichtigste Infektionskette Ratte -> Floh -> Mensch erkundet.

Was wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gegen die Pest unternommen?

Medizinische Behandlungsmaßnahmen beschränkten sich auf Anwendung von schweißtreibenden Mitteln, Auftragen von Salben und Ölen und das Auf- und Ausschneiden von Pestbeulen und das Ausräuchern der Krankenzimmer. Daneben wurden bereits seuchenhygienische Maßnahmen ergriffen, wie Quarantäne und Isolierung.

Die Pestärzte trugen teilweise spezielle Schutzkleidungen mit Masken (im 16. und 17. Jahrhundert).

Im Übrigen gab es zahllose irrationale Reaktionen, weil die Menschen dem Geschehen völlig hilf- und verständnislos gegenüberstanden: So entstanden Pestblätter mit Gebeten und Holzschnittillustrationen von Pestpatronen, wie Rochus und Christophorus.

Nun aber zur Pest in Achim im Jahre 1712 und den Folgen

Wie war die politische Großwetterlage jener Zeit?

Seit dem Ende des 30-jährigen Krieges gehörten weite Teile Norddeutschlands zum Königreich Schweden, der protestantischen Groß- und Schutzmacht. Sogar das traditionelle Amt des Achimer Gohgrefen wurde von 1648 bis 1694 von vier Angehörigen des schwedischen Adelshauses von Königsmarck ausgeübt. Dem alten Haudegen Feldmarschall und Generalgouverneur Hans Christoph Graf von Königsmarck (1648 – 1663) folgten seine Söhne, der Generalmajor und Vizegouverneur Konrad Christoph Graf von Königsmarck (1663 – 1672), und der Feldmarschall Otto Wilhelm Graf von Königsmarck (1672 – 1686) sowie sein Enkel Philipp Christoph Graf von Königsmarck (1686 – 1694), der nach einer außerehelichen Liaison mit der hannoverschen Kurprinzessin Sophie Dorothea unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Nachfolger im Amt des Gohgrefen wurde der schwedische Etatsrat in Bremen Christoph Heinrich von Weissenfels. Nur von 1675 bis 1679 geriet Achim während der Reichsexekution gegen Schweden unter katholischen Einfluss des Bischoffs von Münster, die sogenannte Münstersche Zeit. Die Herzogtümer Bremen und Verden waren von den Truppen des Bischoffs von Münster besetzt, die Chronisten bezeichnen diese Jahre einhellig als schrecklichste jener Jahrzehnte.3)

Schwedens Herrschaft in Norddeutschland ging dann zu Beginn des 18. Jahrhunderts infolge des Großen Nordischen Krieges Schwedens gegen Dänemark, Rußland, Sachsen-Polen und andere (1700 bis 1721) zuende. Lediglich Stade als Festungs- und Residenzstadt war von den Schweden nicht kampflos aufgegeben worden. Nach langem Beschuss durch den dänischen Kriegsgegner fiel Stade schließlich am 6. September 1712 und wurde von den Dänen zusammen mit weiten Teilen des Herzogtums Bremen besetzt. Ebenfalls im Jahre 1712 waren das Herzogtum Verden und aus dem Herzogtum Bremen das Amt Ottersberg vom hannoverschen Kurfürsten Georg Ludwig besetzt worden, und zwar sogar mit Zustimmung des schwedischen Generalgouverneurs. Das hannoversche Bestreben, die unter schwedischer Herrschaft stehenden Herzogtümer auch gegen den Widerstand des dritten Interessenten Dänemark in welfischen Besitz übergehen zu lassen und damit Hannovers Einflussbereich an die Mündungen von Elbe und Weser auszuweiten, wird mehr als deutlich. Nach der Besetzung Verdens durch Hannover (1712) erfolgten nach zähen Verhandlungen mit den Beteiligten der Kauf des Herzogtums Bremen von den Dänen (1715) für rund 800.000 Reichsthaler und schließlich der endgültige Erwerb beider Herzogtümer von den Schweden (1719) für 1.090.000 Reichsthaler. So wurden auch die Achimer zu Hannoveranern, besser zu Untertanen des Kurfürsten von Hannover, wie der Volksmund den welfischen Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg nannte.

Achim befand sich also im Jahre 1712 im Spannungsverhältnis zwischen Machtansprüchen Schwedens, Dänemarks und des erstarkenden Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg (Hannover) unter dem welfischen Kurfürsten Georg Ludwig, der 1714 in Personalunion als Georg I. König von Großbritannien war. Eine Zeit des Umbruchs im europäischen Staatensystem.

Wie kam die Pest nach Achim?

Als Folge der militärischen Truppenbewegungen während des Nordischen Krieges wurde die Pest im Sommer 1709 in Ostmitteleuropa eingeschleppt 4). Betroffen waren bereits Preußen, Polen und Pommern, am stärksten Danzig und Königsberg. In Danzig sollen vom 24. August bis zum 21. September 1709 9.612 Menschen gestorben sein. Per Ratsverordnung vom 18. August 1709 durften nur Fremde und Güter nach Bremen kommen, für die durch schriftlichen Nachweis belegt ist, dass sie aus von der Pest nicht heimgesuchten Orten kamen. Diese Bestimmungen wurden aber offenbar wenig beachtet oder kontrolliert.

Der Rat der Stadt Bremen wiederholte die Verordnung daher am 22. Januar 1710 in verschärfter Form. Beim Bremer Pestforscher Klaus Schwarz lesen wir:
„Jeder Fremde müsse einen Gesundheitspaß vorlegen. Juden, Zigeuner „und anderes Gesindel“ sollten gänzlich ausgeschlossen bleiben, alte Kleider, Bettzeug, Haare, Rauch- und Pelzwerk, Wolle, Flachs und Hanf sowie Federn, in denen die Seuche leicht haften und fortgepflanzt werden könne, seien besonders zu beachten. – Aber die Erfahrung lehrte, dass die Pest im Winter ihren Schrecken verlor. So blieb die Beachtung der Bestimmungen in der Öffentlichkeit weiterhin begrenzt. Sie wirkten eher wie eine Pflichtübung des Rates zur Beschwichtigung Auswärtiger.“

Im Sommer 1710 kamen aber erneute Hiobsbotschaften aus Hinter- und Vorpommern, Polen, Preußen und Schlesien. Die schwedische Regierung der Herzogtümer Bremen und Verden stationierte Ende November 1710 Postierungen zum Schutz der Herzogtümer in Vegesack, Hastedt, Achim, Langwedel, Scheeßel und Verden 5). Die Posten sollten Reisende, Händler und fahrendes Volk kontrollieren und Gesundheitspässe prüfen. Am 3. Dezember 1710 beging man in Bremen einen Fasten-, Buß- und Bettag, da „man Ursache hätte, Gott alle Strafen abzubitten und demselben in die Ruhte zu fallen.“ Es hat aber nichts genützt.

Am 18. September 1711 wurde in Bremen bei Leib- und Lebensstrafe die Beherbergung verdächtiger Fremder verboten und am 12. Oktober 1711 der Ausschluss von Lumpen und alten Kleidern vom Verkauf auf dem Freimarkt angeordnet. Bei Klaus Schwarz lesen wir:
„Juden, die über die Elbe gekommen waren, sollten von ihm ebenso ferngehalten werden wie Bettler, Bestrafte und Deserteure, nicht jedoch Ochsenhändler und Kramer aus unverdächtigten Orten. Federn, Bettzeug, Wolle und Hanf mussten vor der Hereinbringung genau untersucht werden. Um den während der Freimarktzeit stark anschwellenden Zustrom von Fremden und Gütern unter Kontrolle zu halten, hatten alle Ratsherren im Wechsel am Oster-, Ansgari-, Bunten- und Hohentor Aufsicht zu führen. Die übrigen Stadttore blieben Auswärtigen verschlossen.“

In Dänemark war die Pest zwischenzeitlich ausgebrochen. 1711 grassierten in Bremen dafür die Pocken!

Die Handelsbeschränkungen und die Quaratänezeiten für Schiffe behinderten ganze Wirtschaftszweige. Und die Pest kommt näher! Im Juli 1712 hatte sie das Westufer der Elbe erreicht und in Stade, der schwedischen Residenzstadt, gewütet. Stade und Holstein wurden vom Verkehr mit Bremen ausgeschlossen.

Ab 31. Juli 1712 nutzten die Dänen die Schwächung Schwedens durch die Pest, überschifften die Elbe und leiteten damit die Besetzung der schwedischen Herzogtümer Bremen und Verden ein. Am 4. August 1712 reagierte der zweite Interessent auf schwedisches Gebiet: Georg Ludwig, Kurfürst von Hannover ließ seine Truppen vom Süden her in das Verdener Gebiet bis zur Wümme vorrücken unter dem Vorwand, er wolle nur das eigene Territorium vor der Seuche schützen! Die Dänen waren sehr verärgert, dass Hannover den Eindruck erwecke, in der dänischen Armee herrsche die Pest, der Kurfürst solle mit der üblen Nachrede aufhören.

Und die Pest kommt näher!

Die hannoversche Regierung – nach der Besetzung weiter Teile der Herzogtümer Bremen und Verden einschließlich Achims jetzt zuständig für den Schutz des Landes vor der Seuche – war zu schwach, um ein Vordringen der Pest über Stade hinaus über die Wümme hinweg zu verhüten.

In Achim waren vom 31. Juli 1712 bis zum 17. August 1712 die Frau eines Häuslings und seine vier Kinder verstorben. Dabei handelt es sich um die Familie des Häuslings Arend Wacker: Erstes Pestopfer in Achim war die 13-jährige Anna Margaretha Wacker, die am 31. Juli 1712 begraben wurde. Ihr folgten am 13. August 1712 ihre Schwester Maria, 2 Jahre alt, am 15. August 1712 die 11-jährige Schwester Lucca, am 17. August 1712 die 6-jährige Schwester Beka sowie die 40-jährige Mutter Cecilie Wacker, des Häuslings Arend Wackers Ehefrau. Am 27. August 1712 wurde die 70-jährige Witwe Anna Wacker, des Häuslings Mutter, beerdigt „mit Gebet bey dem Grab im Sand, bey der Mül“, wie es im Achimer Kirchenbuch heißt 7).

Und das sollten nicht die letzten Achimer Pestopfer sein.

Am 16. August 1712 war der Vorgang den Bremern bereits bekannt.

Bei Klaus Schwarz heißt es 8):
„Die überlebenden Bewohner des Hauses durften es nicht mehr verlassen und auch keine Besucher empfangen. Allerdings sollte man darüber Stillschweigen bewahren, denn wenn es laut würde, „so sind wir, wenn schon die Krankheit so böse nicht ist, übel dran“. Man wagte nicht, die fälligen Kontributionszahlungen von den Achimer Bauern einzufordern. Auch hier stieß die Angst vor einer Ausbreitung der Epidemie mit fiskalischen Bedenken gegen Steuerausfälle und der Furcht vor den Folgen einer wahrheitsgemäßen Informierung der Öffentlichkeit zusammen.
An den bremischen Grenzpfählen mussten jetzt auf Weisung des Rats schwarze Schilder mit einer weißen Aufschrift angebracht werden, die vor allem die Achimer abschrecken sollten: „Stadt-Bremisch. Wer von einigen verdächtigen Orten sich einschleichet, soll am Leben gestraffet werden.“ Nur wer durch einen genauen Gesundheitspaß einen 40-tägigen Aufenthalt an einem unverdächtigen Ort nachweisen könne, werden noch eingelassen. Eine Ausnahme sei nur mit vornehmen Reisenden zu machen, die unbeschwert von lästigen Papieren durch einen Eid über ihren vorangegangenen Aufenthalt die Erlaubnis zum Zutritt erwirken könnten. Jeder Bremer, der die Stadt verlasse, erhalte ein mit dem bremischen Schlüssel gestempeltes Zeichen, das er bei seiner Wiederkehr vorzeigen müsse, wie das in Borgfeld schon üblich war. Bestimmte Waren wie Wolle, Betten, Haare, Flachs und Hanf blieben generell von der Einfuhr ausgeschlossen, die übrigen mussten von Zeugnissen ihrer Ungefährlichkeit begleitet werden.“

Und die Pest rückt näher auf Bremen zu!

Im September 1712 sind etliche Gröpelinger befallen.

In Stade kapitulierten am 7. September 1712 die Schweden; die dänischen Sieger zogen nach einmonatiger Belagerung ein, obwohl sie wussten, dass dort die Pest grassierte. In Stade sollen 650 Personen an der Pest gestorben sein.

In Bremen haben alle Vorsichtsmaßnahmen nichts genutzt:

Im September 1712 brach die Pest im Hugenottenviertel in der Bremer Neustadt aus.

Klaus Schwarz berichtet von Vorsichtsmaßnahmen, die getroffen wurden:
„Als erstes rieten die Ärzte zur Demut. „Nachdemmahl unstreitig bekannt, daß der langmühtige Gott aus gerechtem Zorn die Menschen umb der Sünde willen mit bösen ansteckenden Seuchen heimzusuchen pfleget, so ist in dergleichen Begebenheit für allen höchstnöhtig, zu demselben als einem barmhertzigen Vatter, welcher alle unsere Gebrechen heilet, sich zu wenden, umb Vergebung der Sünde und Abwendung der Straffe demühtigst Ihn zu bitten, insbesondere, daß Er seinen Segen zu denen Hülfsmitteln, welche Er uns umb eine solche Seuche abzukehren aus Gnaden bescheret hat, verleihen wolle.“
Darauf folgten Ratschläge für das täglich dreimal vorzunehmende Ausräuchern der Zimmer, das die Reinhaltung der Luft verbürgen sollte. Allerlei Beeren, Laub und Holz sollten dazu dienlich sein, auch Schwefel, Salpeter, Tabak und selbst Schießpulver. Die Reinheit der Luft sollte begleitet sein von der Ausgeglichenheit der Seele. „Höchstnöhtig ist zu Vorbewahrung einer ansteckenden Seuche, daß man alle hefftige Gemühtsbewegungen, insonderheit Zorn, Angst, Schrecken, Traurigkeit und Bekümmerniß, so viel immer möglich, meide, auff dem höchsten Gott sein Vertrauen alleine setze, und die von Ihm aus Barmhertzigkeit uns verliehenen Hülffmittel mit geruhigem und unerschrockenem Gemüht gebrauche.“
Der Körper dürfe nicht mit überflüssiger Speise und hitzigem Getränk belastet werden; besonders zu warnen sei vor „leicht faulenden Sachen als da sind todte See- und Rivierfische, alte faule Käse“ und dergleichen, aber auch vor frischem Obst. Zur Entschlackung wurde der gelegentliche Verzehr von Brechwein und wenigstens einmal im Monat die Einnahme von Abführpillen angeraten. Auch ein gelegentlicher Aderlaß tue wohl. Menschen, die schon kleine Geschwüre hätten, würden kaum von der Pest befallen. Auch gelegentliches Schwitzen und ein wenig Knoblauch, Holunder- und Wacholdersaft diene der Vorbeugung.
Wenn die Seuche aber einmal ausgebrochen sei, müsse man in jedem Fall vor dem Verlassen des Hauses Schutzmittel zu sich nehmen. Geringen Leuten seien Wacholderbeeren oder Baldrianwurzeln zu empfehlen oder auch ein Butterbrot mit Knoblauch. Wer nicht aus Geldmangel den Gang zur Apotheke zu scheuen brauche, könne statt dessen Trochiscos theriacales nobiles, Kügelchen mit einem tierischen Gegengift, zerkauen oder ein Schlückchen Praeservier-Aquavit trinken. Bisweilen sei auch die Einnahme von Medikamenten empfehlenswert, die den Leib vor Fäulnis bewahrten und Namen wie Mixtura simplex oder Aqua prophylactica trugen.
Es könne aber eintreten, daß alle diese Mittel nichts nutzten und Anzeichen der Erkrankung zum Vorschein kämen. „So bald aber jemand, aller Praecaution ungeachtet, zu der Zeit, wann contagieuse Fieber grassiren, ein Schaudern und darauff folgende Hitze, Neigung zum Brechen oder würckliches Brechen, Haupt- und Rückenweh, Schwermühtigkeit, Hertzensangst, unruhe, sehr geschwinden oder matten Puls, das man ihn offt nicht fühlen kann, insonderheit schleunige und ungewöhnliche Mattigkeit, Ohnmachten und plötzliche Entgehung aller Leibeskräffte an sich verspüret, kan er leicht abnehmen, daß ihn Gott mit der grassierenden Seuche werde heimsuchen.“
In diesem Fall sei der schnellste Gebrauch von giftaustreibenden Arzneien nötig, denn wenn das Gift nicht in den ersten fünf oder sechs Stunden vom Herzen weggeführt werde, sei die Hoffnung auf Genesung ungewiß. Der sorgfältige Hausvater müsse stets wenigstens ein Lot Theriaca oder Diascordium zur Hand haben, um keine Zeit auf dem Wege zur Apotheke zu verlieren. Schwitztinktur und -pulver seien ebenso brauchbar. Nachdem die Schwitzkur eingeleitet worden sei, die von der Einnahme von Brechwein begleitet werden könne, sei ein Arzt oder Chirurg heranzuziehen, der die weitere Behandlung übernehme. Über diese machten die Physici keine Angaben. Sie schlossen vielmehr mit dem frommen Wunsch: „Unterdessen wolle der grundgütige Gott nach seiner Barmhertzigkeit alles besorgliche Übel von uns und unseren Gräntzen in Gnaden abwenden.“ Hinzugefügt war eine Liste aller 24 erwähnten Räucher- und Arzneimittel, beginnend mit geringem Rauchpulver für 1 Groten je Lot und endend mit dem Schwitzpulver zu 4 Grote für ein Quent, wobei Hinweise auf die Zusammensetzung kaum vorkamen.“

Als Bilanz des Pestjahres 1712 in Bremen ist festzuhalten:

  • der Handel in Richtung Osten war stark in Mitleidenschaft gezogen worden;
  • rund 1 Dutzend Pesttote in der Stadt selbst, vorwiegend Hugenotten;
  • aber in Gröpelingen: 56 Tote von 74 Erkrankten (1/6 der Bevölkerung).

Während in Achim 1713 keine Pestfälle mehr vorkamen, wütete die Seuche in Bremen erneut: 180 Pesttote sind verzeichnet.

Was wissen wir aber nun von den Auswirkungen der Seuche in Achim?

Klaus Schwarz berichtet: 9)

„Nur wenige Wegstunden von Bremen lag auf dem östlichen Weserufer das Dorf Achim, wo laut Meldung vom 16. August 1712 in kurzer Zeit fünf Personen in einem Haus verstorben waren. Als der Ratsherr Liborius von Line auf der Fahrt nach Hamburg am 24. Oktober in Langwedel einen Halt einlegte, wurde ihm eine Zahl von über 40 an der Pest Verstorbenen und weiteren mehr als 40 Erkrankten genannt. Auch hier fehlen zuverlässige abschließende Zahlen, aber an dem verheerenden Ausmaß der Seuche kann schon deswegen kein Zweifel bestehen, weil die monatelange Abschließung des Ortes durch Militär und die Entsendung eines Pestbarbiers stets nur bei höchster Gefährdung erfolgten.“

Das Dorf Achim hatte im Jahre 1710, also vor dem Pestjahr 49 Höfestellen, (13 Baumannstellen und 36 Köthnerstellen) und somit etwa 300 Einwohner.

Bei Horst Korte lesen wir: 10)
„Im Jahre 1712 erreichte die verheerende Seuche Stade und schließlich das Dorf Achim. Die Nachbardörfer scheinen verschont geblieben zu sein. …
In Stade starben 646 von etwa 3300 Einwohnern an der Pest, also fast 20 % der Bevölkerung. Für Achim sind keine Zahlen bekannt. Nachfolgende Höfelisten und Milizrollen lassen keine einschneidenden Bevölkerungsverluste in Achim erkennen.“

Diese Aussage lässt sich wohl so nicht halten:

Der Achimer Chronist Dr. Albrecht Hinrich Christoph Windel weist in seiner Beschreibung des Gohgerichts Achim 11) immerhin darauf hin, dass die Pest im Jahre 1712 in Achim viele Menschen wegraffte.

Klaus Schwarz berichtete die Zahl von über 40 an der Pest Verstorbenen in Achim. In einem Schreiben vom 8. November 1712 aus Bremen an die ostfriesische Regierung nennt Oley, Berichterstatter über die Hansestädte, eine Zahl von mittlerweile über 20 in Achim verstorbenen Menschen; drei infizierte Häuser seien abgebrannt worden (SfA Aurich, Rep. 4, B II s, Nr. 4, Bd. III). Und damals war die Pest noch nicht vorbei! Pastor Zeidler berichtet, dass in und bei Achim etwa 40 Personen starben (vgl. Uesener Chronik, Achim 1987, Seite 24).

Die Kirchenbücher 12) der St. Laurentius-Kirche geben Auskunft über die tatsächlichen Zahlen:

Wenn man Pesttote unterstellt bei der Kirchenbuchangabe „mit Gebet bey dem Grab im Sand“ (eben nicht auf dem Kirchhof begraben) und auch die Personen dazu zählt, die diese Angabe nicht haben, aber aufgrund des gleichen Nachnamens als Mitbewohner oder Familienangehörige eines Pesthauses erkennbar sind, kommen wir auf über 50 Personen, die in Achim an der Pest starben.

Da die Achimer Bevölkerung eine relativ homogene Gruppe aus nahezu ausschließlich evangelisch-lutherischen Angehörigen des Kirchspiels Achim war, dürften die Angaben des zu der Zeit lückenlos geführten Kirchenbuches fast alle an der Pest verstorbenen Einwohner erfassen. Wohl nicht an der Pest verstorben sind im fraglichen Zeitraum

  • Beerdigte, die aus den zum Kirchspiel Achim zählenden Dörfern in Achims Umgebung stammen, wo die Pest offenbar wegen der leichteren Isolation der kleinen Siedlungen nicht wütete, sowie
  • einige Neugeborene und Kleinkinder im Rahmen der verbreiteten Kindersterblichkeit, sowie
  • am Kindsbettfieber verstorbene junge Mütter und
  • einige alte Einwohner und
  • Beerdigte, bei denen weder der Vermerk: „bey dem Grab im Sand beerdigt“, noch eine Haushaltsgemeinschaft oder Familienangehörigkeit zu den eindeutig an der Pest verstorbenen Einwohnern nachweisbar sind.

Danach starben 1712 in Achim folgende Personen an der Pest (in Klammern das Alter im Zeitpunkt des Todes; [] = begraben):

1) Familie Wacker: 6 Tote

Anna Margaretha Wacker (13)
[] 31.7.1712
Maria Wacker (2)
[] 13.8.1712
Lucca Wacker (11)
[] 15.8.1712
Beka Wacker (6)
[] 17.8.1712
Arend Wacker
Häusling
Cäcilia Wacker (40)
[] 17.8.1712
Witwe Anna Wacker (70)
[] 27.8.1712
Carsten Wacker
Häusling
[] vor 1712

2) Familie Bötticher: 3 Tote

Wichmann Bötticher (12)
[] 20.8.1712
Albert Bötticher (7)
[] 31.8.1712
Pestfriedhof Mühle
Wichmann Bötticher
Köthner
Alke Bötticher (50)
[] 1.9.1712
Pestfriedhof Mühle

3) Familie Paschmeyer: 2 Tote

Johann Diedrich Paschmeyer (4)
[] 20.8.1712
Peter Paschmeyer (18)
[] 20.9.1712
Pestfriedhof Mühle
Peter Paschmeyer Schneider
[] vor 1712r
Thrina Paschmeyer, geb. Ellmers
(Schwester von Johann Ellmers)

4) Familie Oetjen: 3 Tote

Magdalene Oetjen (9)
[] 26.8.1712
Röpke Oetjen
Köthner
[] vor 1712
Alke Oetjen (44)
[] 6.11.1712
Henrich Oetjen Köthner
[] vor 1712
Gesche Oetjen (80)
* um 1632
[] 19.12.1712

5) Familie Schröter: 5 Tote

Christian Henrich Schröter (6)
[] 1.10.1712
im Garten Henrich Lullmanns
Dorothea Magaretha Schröter (7)
[] 2.10.1712
Hermann Diedrich Schröter (1)
[] 10.10.1712
Peter Schröter Häusling
[] 5.10.1712
im Garten Henrich Lullmanns
Metta Adelheid Schröter Witwe
[] 12.10.1712
im Garten Henrich Lullmanns

6) Familie Ellmers: 3 Tote

Johann Ellmers (4)
[] 24(?).9.1712
im Sand bei der Mühle
Johann Ellmers (26)
Kuhhirt
[] 5.9.1712
im Sand bei der Mühle
Lucca Ellmers (25)
[] 7.9.1712
im Sand bei der Mühle

7) Familie Gehrn: 3 Tote

Emerentia Gehrn
[] 8.9.1712
im Sand bei der Mühle
Hermann Christopher Gehrn (6)
[] 26.10.1712
im Sand nahe bei der Scheune Christian Ludwig Oelkers
Johann Henrich Gehrn Häusling
[] 12.9.1712
im Sand bei der Mühle
Alheid Gehrn, geb. Kortleben (Tochter von Stoffer und Anna Kortleben, vgl. 13) )

8) Familie Hüneken: 3 Tote

Johann Henrich Hüneken (6)
[] 20.9.1712
Lefke Hüneken
Häusling
[] 4.10.1712
im Sand nahe bei der Scheune Christian Ludwig Oelkers
Thrina Hüneken
[] 23.9.1712

9) Familie Keven: 2 Tote

Ilsabe Catharina Keven (6)
[] 6.12.1712
Bernd Rudolf Keven (9)
[] 19.12.1712
Johann Keven
Adelheid Keven

10) Familie Lullmann: 2 Tote

[] 1.11.1712
im Garten
[] 1.11.1712
im eigenen Garten
Margareta Lullmann

11) Familie Fiedler: 2 Tote

Schuhmacher und Häusling
[] 20.10.1712
im Garten Hermann Mindermanns
Anna Fiedler (46) Witwe
[] 23.10.1712
im Garten Hermann Mindermanns

12) Familie Powitsch: 1 Toter

Franz Henrich Powitsch
[] 6.10.1712
unweit Herrn Dargemers Haus
Franz Henrich Powitsch
Margaret Elisabeth von Daßel
(„adeliche Ehefrau“)

13) Familie Kortleben: 2 Tote

Stoffer Kortleben (70)
Häusling
[] 19.10.1712
im Sand nahe bei der Scheune Christian Ludwig Oelkers
[] 10.10.1712
im Sand nahe bei der Scheune Christian Ludwig Oelkers

14) Familie Heidmann: 2 Tote

Anna Maria Heidmann (10)
[] 27.10.1712
im Sand nahe bei der Scheune Christian Ludwig Oelkers
Catharine Margarethe Heidmann (13)
[] 10.10.1712
im Sand nahe bei der Scheune
Johann Kortleben
Anna Kortleben

15) Familie Meyer: 2 Tote

[] 16.9.1712
Henrich Meyer Baumann
[] 5.10.1712

16)

Thrina Stulmacher (80)
Witwe
[] 30.8.1712
im Sand bei der Mühle

17)

Maria Block (17)
[] 1.9.1712
im Garten Curd Wends in Achim

18)

Mettge Drefes
Witwe
[] 1.9.1712
im Sand bei der Mühle

19)

Mettge Engelmann
Witwe
[] 11.9.1712
in Frau Parischins Garten in Achim

20)

Diedrich Martfeld aus Bierden (!)
Häusling
[] 13.9.1712
in Henrich Puvogels Wiesen bei Achim

21)

Gesche Borchers
Witwe
[] 13.10.1712
im Garten Henrich Lullmanns

22)

Johann Daniel Willemer (28)
(Sohn des Pastors)
[] 28.10.1712

23)

Mettge Elisabeth Wichmann (14)
[] 13.10.1712

24)

Margarethe Agatha Wichmann (8)
[] 30.10.1712

25)

Drefes Thieling (75)
Baumann
[] 2.11.1712

Zwischen mehreren der betroffenen Familien lassen sich nach Auswertung der Achimer Kirchenbücher und zusätzlichen Forschungsergebnissen von Stadtarchivar Günter Schnakenberg verwandtschaftliche Beziehungen nachweisen. Diese dürften aufgrund der wohl daraus resultierenden engen Kontakte zwischen den Familien für die Ausbreitung der Epidemie und die Ansteckungsfolge verantwortlich sein.

Beispiel 1
Gleich sechs Tote hatten die Familien Tieling, Ellmers und Paschmeyer zu beklagen, darunter Johann Ellmers (26), seine Ehefrau Lucca, geborene Tieling (25), ihr Kind Johann (4), Luccas Vater, der Achimer Baumann Drefes Tieling sowie die beiden Kinder Johann Diedrich (4) und Peter Paschmeyer (18) von Johann Ellmers Schwester Thrina, die am 14.11.1693 den Achimer Schneider Peter Paschmeyer geheiratet hatte.

Beispiel 2
Alheid Gehrn musste vom 8. September bis zum 26. Oktober 1712 ihre beiden Kinder Emerentia und Hermann Christopher (6), ihren Ehemann Johann Henrich und ihre Eltern Stoffer (70) und Anna Kortleben beerdigen. Vielleicht war sie selbst auch infiziert und überlebte die Krankheit.

Folgende 7 Personen aus Achim sind im fraglichen Zeitraum möglicherweise an der Pest gestorben; die Angaben im Achimer Kirchenbuch klären diese Frage leider nicht hinreichend:

Hermann Arent, Köthner
[] 20.8.1712

Mettge Mindermann, des Köthners Hermann Mindermanns Ehefrau
[] 7.10.1712

Johann Henrich Behling (8), Sohn von Henrich und Gertrud Behling
[] 9.10.1712

Ließbeth Koch, Witwe des Dragoners Gerd Koch
[] 12.10.1712

Wilken Lankenau, Köthner
[] 12.10.1712

Hedwig Puvogel (23), Tochter des seeligen Henrich und der Hedwig Clüver
[] 18.11.1712

Elmer Knippels (12), Sohn von Johann und Anna Margareta Knippels
[] 21.11.1712

Es sind somit mindestens 509 Achimer Einwohner sowie ein Bierdener, der sich möglicherweise in Achim aufhielt, an der Pest erkrankt und daran verstorben. Wie hoch der Anteil der genesenen Erkrankten, also der Überlebenden einer Infektion ist, ist nicht erkennbar.

Da auch von den sieben übrigen in Achim verstorbenen Personen, die offenbar wie üblich auf dem Friedhof bei der Kirche beerdigt wurden, einige durch die Pest zu Tode gekommen sein könnten, speziell die Kinder, könnte sich die Gesamtanzahl sogar auf über 50 belaufen; das ist dann immerhin ein Sechstel der geschätzten Einwohnerzahl von rund 300 aus dem Jahre 1710. Eine beachtliche Zahl, die einer Katastrophe für den Ort und seine Infra-Struktur gleichkommt.

Die Isolation Achims war so umfassend, dass die Bewohner der nicht betroffenen Ortschaften des Kirchspiels, wie Baden, Borstel etc., kirchliche Trauungen und Taufen in den Kirchen Daverden und Arbergen vornehmen lassen mussten.

Aus welchen sozialen Schichten stammen nun die betroffenen Familien. Ohne dass sie statistische Aussagequalität hätten, sind die – lückenhaften – Angaben zu Stellung bzw. Beruf der betroffenen Familien im Kirchenbuch durchaus interessant:

Beruf/Stellung Baumann Köthner Sonstige/Pastoren Häusling/Handwerker Kuhhirte nicht zuzuordnen
Anzahl der betroffenen Familien 2 2 2 8 1 Rest
Zahl der Pesttoten 3 6 2 24 3 8

Waren die weniger Privilegierten mehr von der Ansteckungsgefahr betroffen? Waren möglicherweise Wohnungs- und hygienische Verhältnisse (Ratten-, Flohverbreitung) entscheidend? Waren verstärkte Kontakte zwischen den Familien der weniger privilegierten Schichten von Bedeutung für die Verbreitung der Pest?

Fest steht nur eines, die Krankheit machte vor niemandem halt!

Sogar die Familie des damals in Achim amtierenden Pastors war betroffen:

Schlichthorst 13) lobt den Pastor Johann Helfrich Willemer, der sich offenbar vorbildlich um die Pestopfer kümmerte.

Windel 14) beschreibt den Pastor unter Verwendung von Schlichthorsts Angaben folgendermaßen:

„M. Johann Helfreich Willemer wurde den 16. Octobr. 1651 zu Frankfurt am Mayn geboren. – Nach der Angabe seines erreichten Alters im Kirchenbuche, wäre sein Geburtstag der 26. October gewesen. Der Familienname ist von ihm selbst stets Willimer geschrieben; erst sein Sohn hat sich, wie noch jetzt die Familie, „Willemer“ genannt. – Bernhard Willemer, ein Bürger u. Bäckermeister daselbst, u. Maria Margaretha Thomä, eines Frankfurtischen Predigers Tochter, waren seine Eltern. In dem Gymnasio zu Frankfurt wurde er zur Academie vorbereitet. Er hatte damals schon einen vertrauten Umgang mit dem berühmten Dr. Spener, stand auch nachher mit demselben in fleißigem Briefwechsel. Seit dem Jahre 1671 studirte er zu Wittenberg, wo er bei Quenstedt einige Jahre im Hause u. am Tische war. Ao. 1767 erhielt er daselbst unter Schurzfleischens Decanat die Magisterwürde u. Ao. 1679 im October ist er Adjunctus der philosophischen Facultät daselbst geworden u. hat verschiedene philosophische u. philologische Collegia daselbst gelesen. Ao. 1681 wurde er von der Königl. Schwed. Regierung zum Conrector an der Königl. Domschule in Bremen berufen. Den 29. Januar 1683 hat er sich mit Arend Mehnens, eines Bremischen Bürgers Tochter, Margaretha, verehelicht, aus welcher Ehe er 10 Kinder sah. Der älteste Sohn, Johann Daniel, der 3 Jahre in Wittenberg, u. 2 Jahre zu Greifswalde studirt hatte, Ao. 1710 in Stade war examinirt und inter Candidatus Ministerii aufgenommen worden u. von seinen Reisen ins Reich eben wieder zurückgekommen war, starb den 24. Octobr. 1712, u. es mußte der Vater ihm, weil Achim damals der Pest wegen gesperrt war, selbst die Leichenpredigt halten. Ao. 1691 wurde er von dem Conrectorate zu Bremen ab u. zum Pastorate in Achim berufen. Zu dieser Zeit wurde, wie schon oben bemerkt, das noch übrige fünfte Fach der Kirche gewölbt, eine Orgel angeschafft, ein Wittwenhaus erbaut, u. sonst viel Gutes durch ihn gestiftet. Er starb den 22. Nvbr. 1729 alt u. Lebenssatt, nachdem er 10 Jahre vorher noch das Vergnügen hatte, daß ihm sein Sohn, Christian Hinrich Willemer, auf Fürbitte der ganzen Gemeinde adjungirt worden war. Sein zweiter Vorname soll eigentlich Helvius gewesen sein, weil er sich selbst zuerst Helwig, nachher Helfrich schrieb. Er verwandelte ihn nachmals in Helfreich, um dadurch seine Bereitwilligkeit, Jeden nach Vermögen zu helfen, an den Tag zu legen. Dieses bewies er auch, als die Pest im Jahre 1712 in Achim viele Menschen wegraffte. Er zeigte sich dabei als ein eifriger Seelsorger, Tröster u. Pfleger der Kranken u. setzte sich muthig den größten Gefahren aus, ohne indessen selbst angesteckt zu werden. Er hatte den herrlichen 91sten Psalm, u. insbesondere die trostvolle Stelle:
„Daß du nicht erschrecken müssest vor der Pestilenz, die im Finstern schleichet, vor der Seuche, die am Mittage verderbet; ob tausend fallen zu deiner Seite u. zehntausend zu deiner Rechten, so wird er doch dich nicht treffen.“
im Herzen und Gemüthe u. durfte deshalb sich nicht fürchten.“

Weiter führt Windel 15) aus:

„Zur Zeit wie in Achim die Pest wüthete, im Jahre 1712, soll sich ein Chirurgus namens Bartels hier befunden haben. Derselbe soll seine Pestkranken, wie damaliger Zeit bei Behandlung von Pestkranken noch üblich, in einem Anzuge von Wachstuch, worin nur Öffnungen für die Nase u. Augen gewesen, besucht haben, so daß der derzeitige hiesige Pastor, M. Joh. Helfreich Willemer, ein jovialer Mann, der stets die Pestkranken in seinem gewöhnlichen Anzuge, hellgrauen Rock mit schwarzen Aufschlägen, besucht hat, ihn ausgelacht u. gesagt hat: „Seht den Narren mal, er will sich vorm lieben Gott verstecken.“

Wo wurden die Pesttoten beerdigt?

Ist schließlich noch die Frage zu stellen, wo die Pesttoten außerhalb des ordentlichen Friedhofes bei der Kirche beerdigt wurden. Soweit dazu Angaben im Kirchenbuch vorhanden sind, ergeben sich folgende 9 Plätze:

In folgender Anzahl wurden Pesttote nach den – lückenhaften – Kirchenbuchangaben an folgenden Plätzen beerdigt:

im Sand bei der Achimer Mühle (Pestfriedhof) im Garten Curd Wends im Sand an dem Achimer Bruch in Frau Parischin Garten in Henrich Puvogels Wiesen bei Achim in Henrich Lüllmanns Garten im Sand nahe bei der Scheune Christian Ludwig Oelkers unweit Herrn Dargemers Haus im Garten Hermann Mindermanns
10 Personen 1 Person 1 Person 1 Person 1 Person 6 Personen (einschl. Henrich Lüllmann) 6 Personen 1 Person 2 Personen

Relativ eindeutig zu lokalisieren sind der Pestkirchhof bei der Achimer Bock-Mühle und im Achimer Bruch, der sich auch im Verzeichnis der Flurnamen im Landkreis Verden 13) findet. Auch eine alte Karte im Stadtarchiv Achim aus dem Jahre 1818 bezeichnet ein Flurstück an der Achimer Mühle als „Pestkirchhof“.

Die Übrigen wurden möglicherweise doch auf dem Friedhof bei der St. Laurentius-Kirche beerdigt oder deren Begräbnisstätte wurde nicht verzeichnet. So sind dem Stadtarchiv Achim Knochenfunde außerhalb des Friedhofs an der Friedhofsmauer bekannt. Die Scheune Christian Ludwig Oelkers, des damaligen Wirtes von „Gieschens Gastwirtschaft“, dürfte im Bereich des Speichers Scherf gelegen haben.

Auffällig ist, dass die Kirchenbuch-Angabe über den abweichenden Grabplatz „mit Gebet bey dem Grab im Sand, bey der Mül“, erstmals am 27. August 1712 beim Begräbnis von Anna Wacker auftaucht, nachdem ihre vier Enkeltöchter und ihre Schwiegertochter bereits an der Pest gestorben und in der Zeit vom 31. Juli bis zum 17. August 1712 beerdigt worden waren.

Nachdem in weiten Teilen Europas die Pest bereits seit längerem wütete, erscheint es unwahrscheinlich, dass das Hinraffen einer ganzen Familie nicht sofort mit dieser Seuche in Zusammenhang gebracht worden ist.

Vielmehr ist anzunehmen, dass die Todesursache wegen der befürchteten schlimmen Folgen für das Dorf – Absperrung, Isolation, wirtschaftliche Einbußen etc. – zunächst verschleiert werden sollte (vgl. Angaben von Klaus Schwarz, a.a.O., S. 36).

Von den Pesttoten lässt sich anhand der Kirchenbucheintragungen für den Zeitraum vom 25. Juli bis zum 31. Dezember 1712 – soweit angegeben – folgende Altersstruktur ermitteln:

erreichtes Alter im Todeszeitpunkt bis 10 Jahre alt bis 20 Jahre alt bis 30 Jahre alt bis 40 Jahre alt über 40 Jahre alt
Anzahl der Pesttoten 15 9 3 1 12

Auffällig ist doch, dass vor allem Kinder und ältere Menschen zu den Pesttoten zählen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Erwachsene mit stärkeren Abwehrkräften sich offenbar weniger infizierten oder aber die Krankheit überstanden. 28 Tote sind weiblichen, 22 männlichen Geschlechts.

Verlauf der Epidemie in Achim:

1. Ende Juli 1712: Ausbruch
Auf welche Weise die Pest eingeschleppt wurde, ist nicht bekannt. Möglich wäre, dass Familie Wacker private oder geschäftliche Kontakte zu Pestkranken jenseits der Wümme oder in Stade hatte oder dass die Pest von infizierten einquartierten oder auch durchreitenden schwedischen oder dänischen Soldaten eingeschleppt wurde oder dass der Erreger mit eingeführten Waren o.ä. nach Achim kam. Möglich ist auch, dass über die Poststation in Achim, die auf der Strecke von Bremen nach Stade angesteuert wurde, die Pest in Achim eingeschleppt wurde. Bemerkenswert ist, dass nach den Schilderungen des Achimer Arztes Dr. Windel der Sohn des Pastors Willemer, Johann Daniel, „von seinen Reisen ins Reich eben wieder zurückgekommen war“ und am 24.Oktober 1712 an der Pest verstarb. Dass er die Pest vielleicht aus Stade, wo er 1710 examiniert war, nach Achim eingeschleppt haben könnte, ist aber unwahrscheinlich. Die ersten Pesttoten gab es in Achim bereits Ende Juli 1712, Johann Daniel Willemer starb aber erst Ende Oktober 1712.

2. Im Hochsommer und Herbst 1712: grassierende Ausbreitung und Höhepunkt.

3. Und mit Beginn des Winters 1712 – wie auch anderswo zu beobachten -: Abebben und Ende der Epidemie in Achim.

Monat Juni 1712 Juli 1712 August 1712 September 1712 Oktober 1712 November 1712 Dezember 1712 Gesamt 1712
Anzahl der begrabenen Pesttoten in Achim 0 1 10 14 19 4 3 51

Fazit und Zusammenfassung:

Meine einleitend formulierte These

„Die Pest bedeutet unvorstellbares Leid für die betroffenen Familien und Ortschaften und verursachte oder begünstigte oftmals politische Veränderungen oder gar Umwälzungen“

lässt sich auch für das Jahr 1712 im Raum Achim und Umgebung belegen:

Ganze Familien wurden in Achim ausradiert, ihre Häuser ausgeräuchert oder abgebrannt. Rund 1/6 der Achimer Bevölkerung ging zu Grunde. Wirtschaftliche Schäden waren sicherlich gravierend, aber nicht belegbar.
Die Dänen konnten infolge der Auseinandersetzungen im Nordischen Krieg die durch die Pest geschwächte schwedische Besatzung der Herzogtümer Bremen und Verden verdrängen.
Schließlich war die Pest wiederum Vorwand für den Kurfüsten von Hannover, seine Truppen in die Herzogtümer Bremen und Verden einmarschieren zu lassen, um die dänischen Besatzer, die als angebliche Verbreiter der Pest hingestellt wurden, zurückzudrängen. 16)
Letztlich ist somit die Zugehörigkeit Achims mit den Herzogtümern Bremen und Verden zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg („Hannover“), später zum Königreich Hannover eine indirekte Folge der Pest der Jahre 1710 bis 1713.

Anmerkungen:

1) vgl. Köster-Lösche, Kari: Die großen Seuchen. Frankfurt am Main 1995, S. 18f.

2) „Die Welt“ vom 8.6.1999

3) vgl. Korte, Horst: Geschichte der Stadt Achim und ihrer Ortsteile. Teil 2: Achim in der Schwedenzeit. Bremen: Edition Temmen. 1997, S. 47 ff.

4) vgl. Schwarz, Klaus: Die Pest in Bremen. Bremen 1996, S. 19

5) Schwarz, a.a.O. S. 21

6) Schwarz, a.a.O. S. 22

7) „Kirchenbuch III 1691 – 1748: Begrabene bey der christl. Kirch in Achim“

8) Schwarz, a.a.O. S. 35 f.

9) Schwarz, a.a.O. S. 50

10) Korte, Horst, a.a.O. S. 103

11) Windel, Dr. med.: Das Gohgericht Achim. Bremen: Edition Temmen 1993., S. 47 f.

12) Kirchenbuch a.a.O.

13) Schlichthorst, H.: Beyträge zur Erläuterung der älteren und neueren Geschichte der Herzogtümer Bremen und Verden, Erster Band, Hannover 1796, S. 61 f.

14) Windel, a.a.O., S. 47 f

15) Windel, a.a.O. S. 48

16) vgl. Schwarzwälder, Herbert: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. I: Bis zur Franzosenzeit (1810), S. 413 ff, S. 428 ff.

zur Pest in Stade: vgl.: Bode: Die Pest in Stade, Stade 1906.

Die Geschichtswerkstatt Achim bemüht sich, vernachlässigte Themen der Regionalgeschichte aufzuarbeiten und zu erforschen. Dazu gehören u.a. Achim im III. Reich, die Geschichte der Achimer Arbeiterbewegung, sozialgeschichtliche Fragestellungen etc. Ebenfalls in diese Themenkategorie gehören die Achimer Schüler- und Szenezeitungen: Ein Stück regionaler Literatur, das sicherlich nur im Archiv der Geschichtswerkstatt Achim aufbewahrt wird.

Die Nr. 2 der „Argus“ vom Februar 1976

Schulabschlusszeitungen und Klassenzeitungen sind von der Achimer Haupt- und Mittelschule seit den 40er Jahren bekannt. Einen Aufschwung nahmen die Schülerzeitungen durch die 68er Bewegung.

Hier geht es zum Verzeichnis der Schüler-, Szene- und Undergroundzeitungen.

Chronik der Achimer Schüler- und Szenezeitungen

1965 Die Achimer Mittelschule wird Realschule.
1969 An der Realschule Achim erscheint die erste Ausgabe der Schülerzeitung „Novus“ (bis 1972 insgesamt 11 Ausgaben).
1971 Hans-Georg von Horn, M. Auch und W. Hell geben zwei Nummern der Schülerzeitungen „ohne Namen“ an der Realschule Achim heraus. Am 1.8.1971 wird das Achimer Gymnasium gegründet. Am 9.9.1971 wird die erste Klasse 7 im neuen Achimer Gymnasium aufgenommen: Baubeginn des Schulzentrums.
1973 Umzug des Gymnasiums in den Neubau.
1975 Die Schülerzeitung „Argus“ erscheint mit ihrer ersten Ausgabe am Gymnasium Achim.
1977 Einführung der Orientierungsstufe in Achim.
1978 Umzug der Hauptschulklassen in das Schulzentrum Achim.
1979 Am Schulzentrum erscheinen die Schülerzeitungen „Impuls“ (7 Ausgaben), „Apropos“ (12 Ausgaben), „Pluspunkt“ (2 Ausgaben), danach:
1981 „Denkste“ (8 Ausgaben), „Lose Blätter“ (8 Ausgaben) am Gymnasium Achim, „Spectrum“ (20 Ausgaben von der Jungen Union Achim),
1982 „Satyr“ (13 Ausgaben), “ Effektiv“ (15 Ausgaben),
1983 „ultra“ (3 Ausgaben),
1984 „Einfallslos“ (6 Ausgaben),
1985 „Avalon“ (4 Ausgaben),
1988 „Cold Heat“, „Proll“ (4 Ausgaben von der Sozialistischen Jugend Deutschlands – SJD – Die Falken), Ende der 80er Jahre gab es in Achim außerdem mehrere Szene- und Undergroundzeitungen: Suicidal`zine, Plastic fantastic, Acid, Themroc…
1990 „La Commune“ ist eine linke Schüler- und Jugendzeitung im Landkreis Verden.
1991 Schülerzeitung am Schulzentrum Achim ist „Die Bratpfanne“. Die Geschichswerkstatt Achim zeigt Achimer Schülerzeitungen im September 1991 im Haus Clüver.
2003 Die Geschichtswerkstatt Achim zeigt in Kooperation mit factory 27 im Haus Clüver Achimer Schüler- und Szenezeitungen und Undergroundliteratur.

von Reinhard Dietrich

Selten genug marschierten die Arbeiterorganisationen in der Weimarer Republik (1919-1933) gemeinsam. Eine der wenigen gemeinsamen Aktionen war die Initiative für eine entschädigungslose Enteignung der deutschen Fürsten im Jahr 1926.

In einer tiefen Krise der deutschen Wirtschaft, ein Großteil der Bevölkerung litt als Folge des 1. Weltkriegs noch Not, es gab noch zahlreiche Kriegsversehrte und in bitterer Armut lebende Hinterbliebene, beanspruchten die in der Novemberrevolution gestürzten deutschen Fürsten horrende Entschädigungszahlungen für die beschlagnahmten Ländereien und Besitztümer. Obwohl die ehemaligen Fürsten und andere Adlige bereits hohe finanzielle Zuwendungen bekamen – der 1918 nach Holland ins Exil vertriebene Kaiser und seine Familie erhielten z.B. neben zahlreichen Gütern und Landbesitz von 100 000 ha, mit denen er wieder der größte private Grundbesitzer im Reich wurde, immer noch eine monatliche Leibrente von 50 000, jährlich etwa 600 000 Goldmark – gab es zahllose weitere Forderungen. 1)

Während die Familie eines Arbeitslosen von 2,50 Mark Unterstützung pro Tag leben musste, erhielten der Ex-Kaiser Wilhelm II. und seine Familie vom gleichen Staat, den sie in einen vierjährigen, vernichtenden Krieg geführt hatten, 1 670 Mark pro Tag.

Der Gesamtwert der von den Fürsten geforderten Kapitalien – eine halbe Million Hektar Grundbesitz wie Ackerland und Wald, Schlösser, Kunstschätze, Geldeinkünfte u.ä. – belief sich auf etwa 2,6 Milliarden Mark. 2)

In dieser zugespitzten gesellschaftlichen Situation propagierten die Arbeiterparteien die entschädigungslose Enteignung der Fürsten mit Hilfe eines Volksentscheids.

Der Artikel 73, Absatz 3 der Weimarer Verfassung lautet: „Ein Volksentscheid ist ferner herbeizuführen, wenn ein Zehntel der Stimmberechtigten das Begehren nach Vorlegung eines Gesetzentwurfs stellt. Dem Volksbegehren muss ein ausgearbeiteter Gesetzentwurf zugrunde liegen. Er ist von der Regierung unter Darlegung ihrer Stellungnahme dem Reichstag zu unterbreiten. Der Volksentscheid findet nicht statt, wenn der begehrte Gesetzentwurf im Reichstag unverändert angenommen worden ist.“ 3)

Auf dieser verfassungsrechtlichen Grundlage beantragten am 25. Januar 1926 Vertreter der KPD und SPD beim Reichsminister des Innern die Zulassung eines Volksbegehrens für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten.

Der vorgelegte Gesetzentwurf:

„Artikel I
Das gesamte Vermögen der Fürsten, die bis zur Staatsumwälzung im Jahre 1918 in einem der deutschen Länder regiert haben, sowie das gesamte Vermögen der Fürstenhäuser, ihrer Familien und Familienangehörigen werden zum Wohle der Allgemeinheit ohne Entschädigung enteignet. Das enteignete Vermögen wird Eigentum des Landes, in dem das betreffende Fürstenhaus bis zu seiner Absetzung oder Abdankung regiert hat.

Artikel II
Das enteignete Vermögen wird verwendet zugunsten
a) der Erwerbslosen,
b) der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen,
c) der Sozial- und Kleinrentner,
d) der bedürftigen Opfer der Inflation,
e) der Landarbeiter, Kleinpächter und Kleinbauern durch Schaffung von Siedlungsland auf dem enteigneten Landbesitz.
Die Schlösser, Wohnhäuser und sonstigen Gebäude werden für allgemeine Wohlfahrts-, Kultur- und Erziehungszwecke, insbesondere zur Errichtung von Genesungs- und Versorgungsheimen für Kriegsbeschädigte, Kriegshinterbliebene, Sozial- und Kleinrentner sowie von Kinderheimen und Erziehungsanstalten, verwendet….“ 4)

Der Aufruf wurde unterstützt von KPD, SPD, Allgemeinem Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB – Vorläufer des DGB), Allgemeinem freien Angestelltenbund, Allgemeinem Deutschen Beamtenbund und zahleichen Unterorganisationen, einer großen Arbeitereinheitsfront.

Den Fürsten keinen Pfennig! Schreibt Euch ein für das Volksbegehren
Plakat der SPD zur Fürstenenteignung, 1926. 5); Entwurf: Hans Adolf BaltzeAuch bei uns wurde für das Volksbegehren geworben. Es gab mehrere „Öffentliche Volksversammlungen“ zum Thema „Fürstenabfindung und Fürstenraub“, z.B. am 03. März im Schützenhof in Achim, am 07.03. in Baden.

Auch bei uns wurde für das Volksbegehren geworben. Es gab mehrere „Öffentliche Volksversammlungen“ zum Thema „Fürstenabfindung und Fürstenraub“, z.B. am 03. März im Schützenhof in Achim, am 07.03. in Baden.

Achimer Kreisblatt vom 02. und 03. März 1926

Der Titel dieser Versammlung war leider etwas irreführend gewählt. Es ging bei der gesetzlichen Initiative eindeutig um eine „entschädigungslose Enteignung der Fürsten“. Da das Referatthema des Abends mit „Fürstenabfindung und Fürstenraub“ angekündigt wurde, berichtet der Redakteur in dem folgenden Artikel auch fälschlicherweise vom „Volksbegehren über die Fürstenabfindung“. Um „Fürstenabfindung“ ging es ausdrücklich nicht. (siehe auch unten die Anzeige der SPD Achim)

Am 04. März wurde über diese Veranstaltung ausführlich berichtet: „Zum Volksbegehren über die Fürstenabfindung hatte die Sozialdemokratische Partei gestern Abend eine öffentliche Versammlung nach dem Schützenhofe einberufen… Der Referent sprach nahezu zwei Stunden über dieses Thema… über die Art und Weise, wie die einzelnen Länder sich entwickelt wie deren Fürsten es verstanden hätten, ihre Hausmacht und ihr Vermögen auf Kosten ihrer Untertanen zu vergrößern. Das Volk wolle mit den ehemaligen Fürsten nichts zu tun haben und hätte auch keine Ursache, ihnen nochmals Geld zu geben; mehr als 2 Milliarden Mark beanspruchen dieselben heute zu einer Zeit, wo ein großer Teil Deutscher arbeitslos sei und sich kümmerlich durchschlagen müsse. Die Forderungen der Fürsten seien ungerechtfertigt, unmöglich und unsittlich… Die Angelegenheit sei eine rein politische, keine rechtliche. Die Sozialdemokratie denke nicht daran, die Entscheidung den Richtern zu überlassen, das Volk selber solle entscheiden… Vom 4. – 17. März müsse sich jeder in die Listen einzeichnen; den letzten Mann gegen die unersättlichen Fürsten, für das Volk!“ 6)

Am 12. März 1926 erschien im Achimer Kreisblatt diese Anzeige der Sozialdemokratischen Partei:

Anzeige aus dem Achimer Kreisblatt vom 13. März 1926

Am 19. März heißt es im Achimer Kreisblatt: „Für das Volksbegehren haben sich hier in Achim 801 Wahlberechtigte in die ausgelegten Listen eingetragen. Man rechnet für das ganze Reich mit einer Unterschriftenzahl von rund 8 Millionen.“ 7)

Diese Schätzung war weit untertrieben. Tatsächlich trugen sich vom 04. bis 17. März 1926 von 39,42 Mio. Stimmberechtigten 12,52 Mio. (das sind 31,76 %) in die Listen für das Volksbegehren ein. Es hätten 10 % der Stimmberechtigten ausgereicht, also 3,94 Millionen; erreicht wurde das mehr als Dreifache der notwendigen Unterschriften.

Nach diesem sehr erfolgreichen Volksbegehren lehnte der Reichstag den vorgelegten Gesetzentwurf am 06. Mai 1926 dennoch mit 236 zu 141 Stimmen ab. SPD (131) und KPD (45) verfügten seit der Reichstagswahl am 07. Dezember 1924 eigentlich über insgesamt 176 Sitze, konnten also bei weitem nicht alle Fraktionsmitglieder (- 35) mobilisieren.

Nun konnte der Gesetzentwurf nur noch über einen Volksentscheid Rechtskraft erlangen. Artikel 75 der Weimarer Verfassung führt aus: „(1) Durch den Volksentscheid kann ein Beschluss des Reichstags nur dann außer Kraft gesetzt werden, wenn sich die Mehrheit der Stimmberechtigten an der Abstimmung beteiligt.“ 8) Dafür war die Mehrheit der Stimmberechtigten erforderlich, also knapp 20 Millionen.

Der Volksentscheid sollte dann am 20. Juni 1926 durchgeführt werden.

Obwohl die geplante Enteignung lediglich bei 23 gestürzten deutschen Fürsten 9) geplant war – bei dem König von Preußen als deutschem Kaiser, den Königen von Bayern, Württemberg und Sachsen, den Großherzögen von Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Weimar-Eisenach und Oldenburg, den Herzögen von Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg-Gotha, Anhalt und einigen weiteren Fürsten von kleineren Fürstentümern (Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Waldeck, Reuß j. L. und Reuß ä. L., Lippe und Schaumburg-Lippe) 10) – erhoben die konservativen Kräfte diese Frage zu einer System-Frage.

Am 08. Juni begann eine unglaubliche Medienkampagne im Achimer Kreisblatt gegen den Volksentscheid.

Im Leitartikel des Achimer Kreisblatts wird ein Brief des Reichspräsidenten Hindenburg auf fast der ganzen ersten Seite ausführlich zitiert. Zwar betont er am Anfang seines Briefes, dass er „aus staatsrechtlichen, sich aus der verfassungsmäßigen Stellung des Präsidenten des Deutschen Reiches ergebenden Gründen“ in öffentlichen Kundgebungen nicht Stellung nehmen dürfe, um dann aber doch ordentlich und klar Stellung zu beziehen: „Dass ich, der ich mein Leben im Dienste der Könige von Preußen und der Deutschen Kaiser verbracht habe, dieses Volksbegehren zunächst als ein großes Unrecht, dann aber auch als einen bedauerlichen Mangel an Traditionsgefühl und als groben Undank empfinde, brauche ich ihnen nicht näher auszuführen… Es verstößt gegen die Grundlagen der Moral und des Rechts. Würde dieses Volksbegehren Annahme finden, so würde einer der Grundpfeiler, auf dem der Rechtsstaat beruht, beseitigt und ein Weg eröffnet, der auf abschüssigen Bahnen haltlos bergab führt, wenn es der Zuständigkeit einer vielleicht noch dazu leidenschaftlich erregten Volksabstimmung gestattet sein soll, verfassungsmäßig gewährleistetes Eigentum zu entziehen oder zu verneinen. Es könnte aus dem jetzt vorliegenden Einzelfalle die Methode entstehen, durch Aufreizung der Instinkte der Massen und Ausnutzung der Not des Volkes mit solchen Volksentscheiden auf dem Weg der Enteignung weiter zu gehen und damit dem deutschen Volke die Grundlage seines kulturellen, wirtschaftlichen und staatlichen Lebens zu entziehen.“ 11)

So weit das Demokratieverständnis des damaligen Reichspräsidenten. Zum besseren Verständnis: Hindenburg wurde im 1. Weltkrieg (Beginn 02. August 1914) bereits am 27. November 1914 Generalfeldmarschall und am 30. Juli 1916 Chef des Generalstabes, war also eine absolut tragende Säule für den herrschenden Kaiser Wilhelm II.

Auszüge dieses Textes wurden mit Hindenburgs Konterfei als Plakate in großer Anzahl verbreitet. 12)

Ebenfalls auf Seite 1 der Ausgabe vom 08. Juni wurde vermeldet, dass die Bischofskonferenz sich gegen den Volksentscheid ausgesprochen hat.

In einem Hirtenbrief wird klar formuliert wie „der liebe Gott“ zum Volksentscheid steht: „Wer zum Volksentscheid geht, verletzt die obersten Gebote Gottes, verletzt die Grundsätze des natürlichen und christlichen Sittengesetzes, verletzt die obersten Gesetze eines Rechtsstaates, er versündigt sich an den Existenzgrundlagen unseres Volkes, er zerstört die christliche Familie… da er den Eckstein unseres ganzen Volkes, das Privateigentum aufhebt.“ 13)

Für die monarchistische Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP), die bei den Reichstagswahlen am 07. Dezember reichsweit immerhin 6,2 Mio. Stimmen (das waren 20,49 %, 103 Sitze) bekommen hatte (im Kreis Achim erhielt sie 1 423 Stimmen (= 9,64 %), ging es um die Alternative: Monarchie oder Republik. 14)
Sie machte besonders Stimmung. In einer Erklärung „Weshalb bleiben wir am 20. Juni zu Hause?“ heißt es: „Ist erst mit dem feigen Raubzug auf das Eigentum der wehrlosen Fürsten der Grundsatz, dass das Eigentum heilig ist, einmal durchbrochen, dann wird die allgemeine Sozialisierung, die allgemeine Enteignung jedes Privateigentums bald folgen, einerlei, ob es sich um große Fabriken oder eine Tischlerwerkstätte, ob es sich um riesige Warenhäuser oder um einen Grünkramladen, ob es sich um ein Rittergut oder einen Vorstadtgarten, ob es sich um ein großes Bankinstitut oder das Sparkassenbuch eines Arbeiters handelt.“ „Jeder anständige Mensch“, der sich der „bolschewistischen Revolution entgegenstemmen“ wolle, müsse deshalb der Abstimmung fern bleiben. 15)

Am 15. Juni veröffentlichen „Evangelischer Bund“ und „Stahlhelm“ ihre ablehnenden Positionen. Der Stahlhelm äußert sich gewohnt militärisch: „… Der Stahlhelm bestimmt, dass alle seine Mitglieder am 20. Juni sich von der Beteiligung am Volksentscheid fern halten und darauf hinwirken, dass dieser Grundgedanke in allen vaterländischen Kreisen festen Fuß fasst.“ 16)

In derselben Ausgabe vom 15.06. wirbt eine – allerdings vergleichsweise kleine – Anzeige für den Besuch von „Öffentliche Versammlungen – Thema: Die Wahrheit über den Volksentscheid“ am 16.06. in Fischerhude und Embsen, am 17.06. in Quelkhorn und Ottersberg, am 18.06. in Arbergen und am 19.06. in Achim (im Schützenhof). 17)

Am 16. Juni darf die monarchistisch orientierte Deutsch-Hannoversche Partei (Welfen-Partei), die im Kreis Achim am 07. Dezember 1924 zwar 2 687 (= 18,20 %) der Stimmen erhalten hat (reichsweit allerdings nur 0,87 % der Stimmen) auf nahezu einer Viertelseite (auf Seite 2) ihren Standpunkt darlegen. Vorab wird allen „Redlichen“ empfohlen, sich nicht an der Volksabstimmung zu beteiligen. Dann folgt die Begründung:
„Woher ist der Besitz der Fürsten so groß geworden?
Jeder Bauer weiß, dass in einer ordentlichen Familie der Besitz meist gewachsen ist, wenn er vom Großvater auf den Vater und von dem Vater auf den Sohn überkommen ist.
Ist das Diebstahl, wenn jeder danach strebt, hier und dort ein Stück dazu zu kaufen, wenn er nach jeder guten Ernte, nach jedem guten Geschäft Taler auf Taler weise anlegt, statt sie zu vertuen?
In den Familien unserer Fürstenhäuser hat sich der Besitz durch 500 Jahre und länger vom Vater auf den Sohn vererbt.
Er ist ebenso rechtmäßig angewachsen wie jeder andere!
Wer für die entschädigungslose Enteignung des Fürstenvermögens stimmt, erkennt an, dass eine entschädigungslose Enteignung seines eigenen Vermögens ebenfalls gutgeheißen werden könnte….“ 18)

Am 18. Juni erschienen gleich vier (!) große Anzeigen gegen die Fürstenenteignung: der „Handwerker-Bund Achim“, der „Hausbesitzer-Verein Achim“ (der auch schon am 17. inseriert hat), die „Landleute“ und eine anonyme Anzeige mit christlichem Bezug:

Achimer Kreisblatt vom 18. Juni 1926

Auch der Aufruf an die „Landleute !“ enthält eine klare, demagogische Sprache: „Sie (Kommunisten und Sozialdemokraten) wollen Euch dazu bereden am 20. Juni Euren ehrlichen Namen für ewige Zeit zu schänden (Hervorhebung im Achimer Kreisblatt), indem Ihr ihn hergebt, um diesen unerhörten Diebstahl zu ermöglichen, durch den die deutschen Fürsten all ihres Privateigentums beraubt und zu Bettlern gemacht werden sollen…. Welcher ehrliche Deutsche will und kann sich dazu hergeben?! Und gebt acht! (Hervorhebung im Achimer Kreisblatt) Es geht nicht nur um das Vermögen der Fürsten! Das wäre nur der Anfang. Die Roten machen gar kein Hehl daraus: Mit den Fürsten fangen sie an; dann wird die Kirche ausgeraubt; dann der Großgrundbesitz; dann der kleine Grundbesitz; zuletzt jeder, der ein Stück Vieh, ein Bett, einen Stuhl sein eigen nennt.“ 19)

Der Reichs-Landbund machte reichsweit Front gegen den Volksentscheid, der Kreis-Landbund bei uns vor Ort. Am 19. Juni schaltete der „Kreislandbund Achim“ eine große Anzeige im „Achimer Kreisblatt“: „Der morgige Volksentscheid wird darüber entscheiden, ob im deutschen Volke und Staate die Begriffe Treu und Glauben, Recht und Ordnung weiter bestehen werden, oder ob das Deutsch Reich der verderblichen Willkür des Bolschewismus ausgeliefert sein soll. Wer das letztere nicht (Hervorhebung in der Anzeige) will, der bleibe der morgigen Wahl fern. Kreislandbund Achim.“ 20)

Im Redaktionsteil des Achimer Kreisblatt finden sich in verschiedenen Ausgaben fünf ausführliche redaktionelle Ausführungen der Gegner (Reichspräsident Hindenburg, Deutsch-Nationale Volkspartei, Deutsch-Hannoversche Partei, Stahlhelm, Landbund, usw.). Nicht einer einzigen befürwortenden Gruppe (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund (ADGB), SPD, KPD, Intellektuelle, katholische Jugend usw.) wurde auch nur minimaler Platz für ihre Aufrufe oder Erläuterungen ihrer Positionen eingeräumt. 21)

Gegen diesen massiven Propagandafeldzug konnten die Befürworter des Volksentscheids mit ihren bescheidenen finanziellen Mitteln medial nicht mithalten. Die einzige (bezahlte) Anzeige für den Volksentscheid im Achimer Kreisblatt erschien am 19. Juni, umrahmt von Anzeigen des eben zitierten Kreislandbundes und einer erheblich größeren Anzeige des Landbundes des Kreises Achim:

Achimer Kreisblatt vom 19. Juni 1926

Der Boykottaufruf der großen konservativen Aktionseinheit mit eindrucksvoller medialer Unterstützung zeigte Wirkung: Reichsweit beteiligten sich von 39,73 Mio. Stimmberechtigten lediglich 15,60 Mio. (das waren 39,3 %). 558 995 Stimmen waren ungültig. Von 15,04 Mio. gültigen Stimmen gab es 14,46 Mio. Ja- und 583 714 Nein-Stimmen.

Nach normal üblichen demokratischen Regeln gab es eine eindeutige Mehrheit mit 92,7 % Ja-Stimmen aller abgegebenen Stimmen. Da aber lediglich 36,40 % Ja-Stimmen (aller Stimmberechtigten) abgegeben wurden, war der Volksentscheid gescheitert. (Zahlen zum Volksentscheid) Für einen Erfolg des Volksentscheids fehlten genau 5 437 741 Ja-Stimmen. 22)

Dennoch muss die Bewegung als großer Erfolg angesehen werden. Bei den letzten Reichstagswahlen am 07. Dezember 1924 erhielten die SPD 7 881 041, die KPD 2 709 086 Stimmen, insgesamt also 10 590 127 Stimmen. Bei dem Volksentscheid gelangen große Einbrüche (+ 3 819 481) in andere Wählerschichten.

In den ländlichen Gemeinden zeigte sich der Boykottaufruf als ein ausgesprochen geschickter Schachzug. Wer hier zur Volksabstimmung ging, outete seine Haltung mit großem Nachdruck, da die Wahl hier aufgrund der geringen Beteiligung nicht mehr als geheim durchgeführt werden konnte.

Das Ergebnis des Volksentscheids im Kreis Achim

Gemeinde Stimmberechtigte Abgegebene Stimmen
Ja % Nein Ungültig Beteiligung
Achim 2.587 967 37,38 26 75 41,28
Allerdorf 73 7 9,59 2 12,33
Arbergen 902 650 72,06 30 62 82,26
Baden 891 369 41,41 11 19 44,78
Badenermoor 123 80 65,04 2 6 71,55
Bassen 662 231 34,90 11 20 39,58
Benkel 46 3 6,50 1 8,70
Bierden 211 61 28,91 3 4 32,23
Bockhorst 142 46 32,39 2 1 34,51
Bollen 136 40 29,41 2 1 31,61
Borstel 104 8 7,69 1 1 9,62
Campe 81 5 6,17 6,17
Cluvenhagen 267 145 54,31 10 58,05
Daverden 526 177 33,65 2 22 38,21
Eckstever 45 12 26,67 1 28,89
Embsen 425 75 17,65 4 9 20,71
Etelsen 478 117 24,48 9 17 29,92
Fischerhude 525 100 19,05 3 7 20,95
Giersdorf/Schanzendorf 152 19 12,50 1 13,16
Grasdorf 73 7 9,59 2 12,33
Hagen-Grinden 155 8 5,16 5,16
Hemelingen 5.988 3.548 59,25 170 323 67,48
Hintzendorf-Stellenfelde 205 19 9,27 3 2 11,71
Mahndorf 779 457 58,66 15 33 64,83
Meyerdamm/Clüverdamm 94 26 27,70 1 28,72
Narthauen 114 11 9,65 1 12,77
Ottersberg 929 141 15,18 9 10 17,22
Otterstedt 374 51 13,64 4 1 14,97
Oyten 736 136 18,48 6 7 20,24
Oyterdamm 89 25 28,09 28,09
Quelkhorn 362 53 14,64 10 3 18,23
Sagehorn 301 55 18,27 2 5 20,60
Schaphusen 159 22 13,84 3 15,72
Uesen 372 165 44,35 2 7 46,77
Uphusen 566 247 43,64 14 22 50,00
Wümmingen 203 18 8 87 4 10,84
Summe 18.875 8.101 42,92 346 678 48,34

Zahlen aus dem Achimer Kreisblatt vom 21. Juni 1926; Prozentberechnungen vom Autor

Je kleiner die Gemeinde, umso klarer konnte man erkennen, wer für die Fürstenenteignung stimmen wollte. Hier gab es kaum Gegenstimmen oder ungültige Stimmen. In Hagen-Grinden haben sich nur 8 Personen (= 5,16 %) an der Abstimmung beteiligt, in Campe 5 Personen (= 6,17 %), in Benkel 4 Personen (= 8,70 %) usw. In diesen und vielen anderen Dörfern erforderte es ein hohes Maß an Zivilcourage, zur Abstimmung zu gehen.

In größeren Gemeinden wie Achim, Arbergen und Hemelingen sah das schon wieder anders aus; in Hemelingen gab es z.B. 170 Nein- und 323 ungültige Stimmen.

In Arbergen (72,06 %), Badenermoor (65,04 %), Cluvenhagen (54,31 %), Hemelingen (59,25 %) und Mahndorf (58,66 %) wurden Mehrheiten bezogen auf die Zahl der Stimmberechtigten erreicht. (Fettdruck in der Tabelle vom Autor)

Im Kreis Achim lag die Beteiligung bei 48,34 %; die Zustimmung der Teilnehmenden lag bei 88,78 %. Mit 42,92 % Ja-Stimmen aller Wahlberechtigten war die Zustimmung um 6,53 % größer als reichsweit.

Zum Vergleich: Auch im Land Bremen wurde die notwendige Mehrheit verfehlt. Es stimmten zwar 89,53 % der Abstimmenden mit Ja, von den 229 297 Wahlberechtigten stimmten jedoch „nur“ 103 987 zu, das waren 45,35 %; 4 141 stimmten mit „Nein“, 8 021 Stimmen waren ungültig. 23)

Der 1918 gestürzte Kaiser kommentierte im holländischen Doorn das Abstimmungsverhalten von mehr als 14 Millionen seiner ehemaligen Untertanen mit den Worten: „Also gibt es 14 Millionen Schweinehunde in Deutschland.“ 24)

Anmerkungen:
1) Engelmann, Bernt: Das Reich zerfiel, die Reichen blieben, München 1975, S. 131
2) Karl, Heinz: Die deutsche Arbeiterklasse im Kampf um die Enteignung der Fürsten (1925/1926), Berlin 1957, S. 10-11
3) Verfassung der Weimarer Republik, Internet: http://www.documentarchiv.de/wr/wrv.html, gelesen am 06.04 2006
4) Pleyer, Hildegard: Politische Werbung in der Weimarer Republik, Witten (Ruhr) 1959, S. 12-13
5) Plakat der SPD zur Fürstenenteignung, 1926; Entwurf: Hans Adolf Baltzer
entnommen: Internet: http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/pli00572/index.html, gelesen am 06.04.2006
6) Achimer Kreisblatt vom 04. März 1926
7) Achimer Kreisblatt vom 19. März 1926
8) Verfassung der Weimarer Republik (siehe Anmerkung 3)
9) Jung, Otmar: Direkte Demokratie in der Weimarer Republik. Die Fälle „Aufwertung“, „Fürstenenteignung“, „Panzerkreuzerverbot“ und „Youngplan“, Frankfurt 1989, S. 52
10) Aufzählung aus Schüren, Ulrich: Der Volksentscheid zur Fürstenenteignung 1926. Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 64, Düsseldorf 1978, S. 21
11) Achimer Kreisblatt vom 08. Juni 1926
12) Plakat, abgedruckt in: Müller, Hartmut (Hrsg.): Bremer Arbeiterbewegung 1918-1945. Trotz alledem. Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Bremer Rathaus, Berlin 1983, S. 50
13) zitiert in Karl, Heinz (siehe Anmerkung 2), S. 44
14) Schüren, Ulrich (siehe Anmerkung 10), S. 161
15) zitiert nach Schüren, Ulrich (siehe Anmerkung 10), S. 206
16) Achimer Kreisblatt vom 15. Juni 1926
17) Achimer Kreisblatt vom 15. Juni 1926
18) Achimer Kreisblatt vom 16. Juni 1926
19) Achimer Kreisblatt vom 18. Juni 1926
20) Anzeige im Achimer Kreisblatt vom 19. Juni 1926
21) Die Aufrufe für einen Volksentscheid sind enthalten in: Karl, Heinz (siehe Anmerkung 2), S. 78-85 und 92-97
22) Schüren, Ulrich (siehe Anmerkung 10), S. 228, Anmerkung 184
23) Bremer Volkszeitung vom 21. Juni 1926
24) zitiert in Schüren, Ulrich (siehe Anmerkung 10), S. 234

zusammengestellt von  Karlheinz Gerhold

Die ganze Geschichte können wir nicht erzählen, deshalb lassen wir die Autoren aus alter Zeit sprechen:
Zu nennen ist August Freudenthal, der im Jahre 1891 in seinen „Heidefahrten II“ die Dünenlandschaft und die Siedlung an der Weser beschrieb, außerdem die Badener Gebrüder Brüne und Dietrich Westermann. In ihrem 1941 erschienenen „Wörterbuch des Dorfes Baden (Kreis Verden, Bääuger Platt)“, das sich mit dem im Orte gesprochenen Plattdeutsch befasst, gingen sie auf die Geschichte des Ortes ein:

„Baden gehört zum Kreise Verden an der Aller. Es liegt in der Mitte zwischen den beiden alten Städten Bremen und Verden am rechten Weserufer. Sein Gebiet gliedert sich landschaftlich von Süden nach Norden in mehrere deutlich unterschiedliche Streifen, die sich etwa vier Kilometer lang von Osten nach Westen erstrecken. Im Süden dehnt sich zu beiden Seiten der Weser und ihres Nebenflusses, der Alten Aller, der fruchtbare Marschstreifen, der die Zucht und Haltung schweren Rindviehs und des edlen hannoverschen Pferdes ermöglicht. Durch die Vertiefung des Weserbettes ist der Grundwasserspiegel ständig gesunken, die früher regelmäßigen Überschwemmungen sind selten geworden. Der im Zuge der Mittelweser-Kanalisierung begonnene Bau der Staustufe Langwedel, die bei der Mündung der Alten Aller in die Weser führt, sowie die Begradigung der Alten Aller werden nach ihrer Fertigstellung das Gesicht der Badener Marsch deutlich verändern.
Der Marschstreifen reicht nördlich bis an den Fuß der am rechten Aller- und Weserufer sich hinziehenden Endmoräne, die in den bekannten und viel besuchten Badener Bergen unmittelbar am Weserufer eine durchschnittliche Höhe von 30 Metern erreicht. Auf dem Rande dieses Höhenzuges verläuft die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstandene Landstraße Bremen – Braunschweig. Diese brachte dem Dorf nach langen Jahren recht ärmlicher Verhältnisse eine erste wirtschaftliche Blüte, denn sie ermöglichte in ganz anderer Weise als bisher den Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Gleiches gilt für den in den Jahren 1854 – 1857 erfolgten Bau der Eisenbahnlinie Bremen-Hannover, die vielen Bewohnern des Dorfes neue Verdienstmöglichkeiten gab.
Zwischen Bahn und Landstraße liegt der etwa drei Kilometer lange Dorfstreifen. Nördlich der Bahn beginnt der breite Ackerstreifen, zum größeren Teil weicher, wenig fruchtbarer Geestboden, dem aber zäher niedersächsischer Bauernfleiß gute Erträge abzuringen weiß. An die Ackerflur schließt sich der Heide- und Waldstreifen, in dem aber die Heideflächen neuerdings fast ganz in Ackerland umgewandelt oder mit Föhren aufgeforstet sind. Die Wälder bergen einen guten Bestand an Rehen.
Den letzten Streifen der Dorfmark bildet das Moor; ehemals öd und einsam, ist es seit dem Weltkrieg bis auf die zur Torfgewinnung benötigten Flächen in Kulturland umgewandelt. Hier entstand während des Weltkrieges die blühende, auf mehr als 50 Wohnhäuser angewachsene Neusiedlung Badenermoor.
Der geschichtlichen Entstehung nach gliedert sich das Dorf von Osten nach Westen in die Ortsteile Rüschbaden, Holzbaden, Wasserbaden und die Schneiderburg, von denen die drei erstgenannten sich um die drei adeligen Güter bildeten, die die ersten Siedlungen des Dorfes waren. An das Gut Rüschbaden, das den Namen wohl von den hier wachsenden Binsen (plattdeutsch: Rüsch) erhielt, erinnert das Gehöft „ubbm Rüsch“. Holzbaden (Hollbaoen) war das größte und bedeutendste der Güter, was von ihm übrig geblieben ist, hieß noch in unserer Kindheit „de Hoff“. Der Name Holzbaden besagt, dass in früherer Zeit der Wald bis an diesen Dorfteil ragte. Darauf weist auch der Flurname „Laohoff“ hin. Hier lagen früher mehrere Bauernhöfe, deren Bewohner später wegen des feuchten Grundes in dem höher gelegenen sandigen Teil von Wasserbaden sich anbauten. Von Gut Wasserbaden (Wasserbaoen), benannt nach der Lage nahe der Einmündung der Alten Aller in die Weser, ist nichts mehr erhalten. Das Gutshaus lag auf der Höhe, die jetzt der „Tietjenbar“ heißt. Am westlichen Ausgang des Dorfes entstand in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts durch Ansiedlung ausgedienter Soldaten der Befreiungskriege die Schneiderburg (Sniderborg). Hier liegt, unmittelbar an der Weser und steil zu ihr abfallend, die sagenreiche Hünenburg (Hümborg).
Vor einem Menschenalter war Baden noch ein bäuerliches Gemeinwesen mit rein evangelischer und gut kirchlicher Bevölkerung, während die Neuzeit durch ihren Verkehr und den Zuzug Fremder viele Veränderungen gebracht hat. Auf den Badener Bergen, deren schöne Terrassen-Anlagen die hannoversche Regierung um 1820 errichten ließ, haben sich, angezogen durch die herrliche Lage am hohen Weserufer und den wunderbaren Fernblick über die Marsch, zahlreiche Bremer angebaut. Zwischen Wasserbaden und der Bahn entstand ein ganz neuer Ortsteil, da hier seit der Errichtung der Eisenbahn-Haltestelle im Jahre 1899 viele Arbeiter ansiedelten, die in Bremen Beschäftigung finden. An schönen Sommertagen bringen Eisenbahn und Dampfschiff große Scharen von Ausflüglern aus Bremen. Infolge dieser Entwicklung hat sich in den letzten Jahrzehnten die Einwohnerzahl verdoppelt und bald das zweite Tausend erreicht.
Baden hat ein Alter von wenigstens tausend Jahren. Schon um das Jahr Tausend befand sich hier die alte königliche Hofstätte Bodegen oder Badensen; eine noch ältere Form des Namens ist Botegun, eine jüngere Badingen.“

Die Geschichte des Dorfes Baden im Überblick

Zur Einstimmung in die Geschichte Badens beginnen wir mit dem Abdruck einer von Lehrer Behrens im Jahre 1954 in der Sprache der damaligen Zeit erstellten kleinen Chronik, die uns von der Grundschule Baden dankenswerterweise zur Verfügung gestellt wurde.

„Die Gemeinde gehört zum Kreis Verden/Aller, etwa 12 km nördlich der Kreisstadt Verden, am rechten (nördlichen) Weserufer gelegen. Ihre geografische Lage ist nach der im Jahre 1889 durchgeführten Landesaufnahme: 53° 0` 0″ nördl. Breite, 9° 5` 0“ östl. Länge von Greenwich. Die Ost-Westausdehnung beträgt etwa 3 km, die von Süden nach Norden 6 km. Während der südliche Teil der Gemarkung, zwischen Weser und Alter Aller, fruchtbarer Marschboden ist, erstreckt sich nördlich davon die Geest, die ihre höchste Erhebung in dem fast 48 m hohen Schraderberg hat. Den nördlichsten Teil der Dorfmark nimmt das etwa 250 ha große Badener Moor ein.

I.
Baden ist eine der ältesten Siedlungen im Bereich des früheren Gohgerichtes Achim. Schon vor 1000 Jahren befand sich hier die königliche Hofstätte Botegun.

1013
Adam von Bremen erwähnt die Hofstelle Botegun für das Jahr 1013 in seiner 1072 erschienenen Kirchengeschichte Bremens.

1168
Graf Gunzelin I. erhält 1168 von Heinrich dem Löwen den Auftrag, mit einem Heer gegen den Erzbischof von Bremen zu ziehen. Nach erfolgreicher Durchführung dieser Aufgabe wird der Graf von Schwerin mit mehreren Gütern im Erzstift Bremen belehnt, darunter auch das Lehnsgut Bodegen.

1250
Im Jahre 1250 wird ein Bernhard von Baden als Lehnsmann der Grafen von Schwerin erwähnt. In einer Lehnsrolle der Grafen von Schwerin aus der Zeit von 1294 bis 1299 wird neben dem „von Baden“ auch ein Johann von Weyhe genannt, der als Lehnsmann des Stiftes Bremen Besitzungen in Embsen, Leslem (Lessel) und Badensen – hier die Curiam cum omnibus attinentiis- hatte.

1349
Durch die Heirat der Gräfin Marianne von Schwerin mit Nicolaus von Baden (1349) gelangte die Besitzung Baden, bestehend aus den drei Einzelgütern Wasserbaden, Holzbaden und Rüschbaden, in den endgültigen Besitz derer von Baden.

1358
Die im Erzstift Bremen gelegenen Besitzungen der Grafen von Schwerin werden bis auf das Gut Badensen an den Herzog von Mecklenburg verkauft.

1552
1552 befindet sich Baden im Besitz der Clüver (Clüverwerdersche Linie).

1626
Baden wurde auch von den Wirren des 30-jährigen Krieges schwer heimgesucht. Im Pfarrarchiv der Kirche zu Achim befinden sich darüber folgende Aufzeichnungen: 1626 sind in Baden vorhanden: 13 bebaute und 2 wüste Baustellen, 20 bebaute und 2 wüste Kötnerstellen.

1632
Im Jahre 1632 werden nur noch 4 Baustellen und 3 Kötnerstellen bewohnt.

1670
Julius von der Lieth heiratet eine geborene Clüver, Tochter des letzten Erbherrn von Lessel, Baden und Embsen, und kommt somit im Jahre1670 in den Besitz von Wasserbaden. Im gleichen Jahr wird als Lehrer der Schule Baden der Schulhalter Nicolaus Thran genannt.

1700
Um 1700 ist das Gut Holzbaden im Besitz eines Levin Wilhelm von Hodenberg, gehörte um 1772 dem Rittmeister von Heimburg, kam später an die Familie von Plate und durch Erbschaft an die von der Decken. Da das Gut stark verschuldet war, gelangte es gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Besitz des Bremer Kaufmanns von Düring. Das heutige Restgut besitzt noch ca. 20 ha (1954, die Red.).

1750
Wasserbaden ist um 1750 im Besitz der Herren von Klencke auf Oenigstedt und des Leutnants von Plate. Auch dieses Gut wurde durch Verkauf aufgeteilt.

1763
Baden erhält ein neues Schulgebäude.
Ruschbaden war 1772 im Besitz des Hofgerichtsassessors von Düring, kam 1850 an den Minister von der Wisch, gelangte durch Erbschaft an den Oberstleutnant von Heimburg und von diesem an die Grafen Reventlow, die das Gut 1931/32 vereinzelten.

1820
Die Landstraße Bremen-Verden, die durch unsern Ort führt, wird 1820 gepflastert.

1828/36
Findet die Abtragung des rechten Weserufers statt. Der Uferhang wird terrassenförmig angelegt.

1845/47
Von 1845 bis 1847 erfolgte der Bau der Eisenbahnlinie Hannover-Bremen.

1856
Die Gemeinde errichtet ein neues größeres Schulgebäude (zweiklassig).

1885
Nach der im Jahre 1885 durchgeführten Volkszählung hat Baden 897 Einwohner, 152 Wohngebäude, 170 Familien.

1890
Umbau des Schulgebäudes in 3 Klassen.
Die landwirtschaftlichen Betriebe setzen sich zusammen aus: 1 Rittergut, 12 Bauleuten, 21 Kötnern und 117 Anbauern.

1899
Baden erhält am 1. Juli 1899 einen Eisenbahnhaltepunkt.

1912
Die Einweihung eines zweiten neuen Schulgebäudes findet am 23.4.1912 statt.

1931
Die Kirchengemeinde Achim-Baden errichtet in Baden eine neue Kirche. Mit der Einweihung erfolgt auch die Einsegnung des gemeindeeigenen Friedhofes.

1942
Durch Brandbombenabwurf feindlicher Flugzeuge gehen in der Nacht vom 25. auf den 26.6.1942 6 Wohngebäude in Flammen auf.

1945
Bei den Kämpfen um Baden werden am 21.4.1945 13 Wohnhäuser und 6 Ställe durch Granatbeschuss und Flammenwerfer völlig zerstört. Eine hiesige Einwohnerin und ein Einwohner werden durch Granatbeschuss verwundet und erliegen bald den Verwundungen. Ein Flüchtling wird beim Verlassen eines brennenden Hauses getötet. 34 gefallene deutsche Soldaten wurden auf dem hiesigen Friedhof beerdigt.

1950
Die Kirchengemeinde Achim-Baden errichtet „im kleinen Feld“ der Landstraße ein Pfarrhaus.

1953
Mit dem am 14.4.1953 eingeweihten Schulerweiterungsbau besitzt die Schule nun sieben Klassenräume.

1972
Baden wird im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform zusammen mit Uesen, Embsen, Bollen, Bierden, Uphusen und Achim zur neuen Stadt Achim fusioniert.

2009
Erste Vorbereitungen der großen 1000-Jahr-Feier 2013 laufen an.

Alte Namensformen
1012: Botegun, Bodegun
1186–1230: Bodegen (Bodynghen, Badynghen)
1294: Badensen
1358: Baden

mundartliche Form: Baoen
Einwohner werden mundartlich „Bääuger“ genannt.

Flurnamen
Auf dem schwarzen Acker, Backofenfeld, Badenerfinien, Auf dem Beetz, Böhlt, Born, Brook, Brookwisch, Brookwischberg, Bult, Dahlbult, Dahlbusch, Im Dorfe, Drackenberg, Auf dem dicken Ernst, Fahlenkamp, Im kleinen Feld, Finbusch, Gänseort, Grundland, Haferdreh, Vorm Haferdreh, Hedbrink, Heinkämpen, Horn, Hünenburg, Im großen Kamp, Kötnerbusch, Kötnerhöfe, Kötnerkamp, Im kleinen Kötnermoor, Kötnerweide, Auf der Laake, Lintfeld, Lintfeldsmoor, Lohhof, Maikämpe, Im großen Moor, Meßterfeld, Meßwinkel, Nathenwisch, Neues Land, Nordhornsberg, Vor dem Nordhornsberg, Rucksort, Rodenhex, In den Sandbergen, Scheefmoor, Schneiderburg, Schraderberg, Im langen See, Sonnenberg, Streek, Streitmoor, Swienewiede, Tietjenbarg, Uferberg, Auf dem hohen Ufer, Verdener Berg, Weidekämpe, Wetzstein, Weserberg, Auf dem Wiede, Vor dem Wiede, Die Wiesen, Wittmoor, Zuwachs, Vor dem Zuwachs.

(zusammengestellt von Karlheinz Gerhold, 1. Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Achim e.V.)