Hexenverfolgung: Tödlicher Wahn im Namen der Kirche

 

Achim/Verden. „Menschen wie Du & ich – Hexen in Verden“ lautet der Titel einer Stadtführung in Verden mit der Stadtführerin Magret Reinecke aus Achim. Sie empfing jetzt eine Gruppe der Geschichtswerkstatt Achim am Rathausvorplatz, der früheren Hinrichtungsstätte. 127 Personen, zu 90 Prozent Frauen, waren im Zeitraum von 1606 bis 1683 in Verden der Hexerei angeklagt. 63 Frauen und bis zu neun Männer wurden hingerichtet oder starben schon bei der Folter. Man hatte sie auch für den 30-jährigen Krieg und die Pest verantwortlich gemacht.

Einer der furchtbaren Fälle ist der der 16-jährigen Margarethe Sievers, die 1617 wegen epileptischer Anfälle der Teufelsbesessenheit bezichtigt wurde. Sie musste sich einer rituellen „Teufelsaustreibung“ unterziehen, floh vor ihren sie beschuldigenden Eltern aus dem Haus am Mühlentor in der Nähe des Doms Richtung Lüneburg, wo sie dann gefasst wurde. Man unterzog sie nach der constitutio criminalis carolina der Folter, um Geständnisse zu erzwingen. Hexenverfolgung geschah nämlich nicht im Affekt oder Amoklauf, sondern nach einem förmlichen Verfahren.

Zunächst führte sie dabei der Scharfrichter zur Einschüchterung in die Folterkammer, zeigte die Folterwerkzeuge und setzte sie bei fehlendem Geständnis ein. Bei der so genannten peinlichen Befragung quetschten und zerquetschten Daumenschrauben in Schraubstöcken Finger,  wurden Arme und Beine  mit Seilen zusammengeschnürt, bis die Blutzirkulation stoppte. Beinschrauben, „spanische Stiefel“, pressten Schienbeine und Waden zusammen, zusätzlich Fesselung der Hände auf dem Rücken und Aufhängen der Angeklagten mit einem Seil an der Decke, schließlich die Streckbank, auf der der Körper in die Länge gezogen wurde. Alles an einem Tag und mit schlimmsten Schmerzen und schweren Verletzungen verbunden.

Damit nicht genug. Das unter Folter erpresste Geständnis musste zwei Tage später von dem Opfer öffentlich wiederholt werden. Bestätigt werden musste es durch den Syndikus der Stadt und schließlich noch durch die juristischen Fakultäten zunächst in Helmstedt, dann in Rinteln. Ein Wahn, der noch von der hohen Justitia bemäntelt wurde.

Die junge Margarethe Sievers gestand im Rahmen der Folter, dass bei ihrer Flucht aus dem Elternhaus Richtung Lüneburg „der Teufel sie durch die Luft hinweggeführt“ habe. Die Folter hatte wie gewünscht auch dazu geführt, dass die junge Margarethe vier Verdener Adelige auch der Hexerei beschuldigte. Ihr Leben rettete sie damit nicht. Wegen ihres jungen Alters wurde sie, wie es hieß,  „milde“ hingerichtet, mit dem Schwert geköpft und verbrannt.

Erschreckend anschaulich ist noch der unterirdische Keller mit den Folterwerkzeugen im alten Wehrturm beim Scharfrichterhaus am Piepenbrink, den Magret Reinecke der Geschichtswerkstatt zeigte. Die Kosten der Folterungen und Hinrichtungen, also des Scharfrichters und der Juristen, hatten übrigens die Opferfamilien zu tragen.  Eine unrühmliche Bekanntheit erlangte dabei der Verdener Domprediger und Superintendent Heinrich Rimphoff, der als überzeugter Lutheraner treibende Kraft dieser Verfolgung war.

Abseits der pseudorechtlichen Prozesse bediente man sich auch der Wasserprobe. Dabei wurde die Verdächtigte gefesselt ins Wasser geworfen. Blieb sie an der Oberfläche, war das der Beweis, denn eine Hexe stoße ja das Wasser ab. Ging sie unter und ertrank, bewies dies ihre Unschuld. Zu einer Stätte dieser Grausamkeit, einem früheren Fischteich an der Aller, führte Magret Reinecke die Achimer Geschichtswerkstatt auch.

Erst ab 1649 endete dieser Wahn, nachdem es auch Patriziern und Frauen Verdener Ratsherren „an den Kragen gehen“ sollte. Der Verdener Magistrat wandte sich während der schwedischen Besatzung an den schwedischen Statthalter vor Ort und die schwedische Regierung. Ihre Majestät Königin Christina höchstpersönlich untersagte dann 1649 mit einer Verordnung dem Stift Verden die Hexenprozesse. Das wurde allerdings mit Verzögerung umgesetzt bis zum letzten Fall im Jahre 1683. In einigen Köpfen weht solcher Wahn noch bis heute.

Erst in den 2000er Jahren rehabalitierten die Kirchen die Opfer und entschuldigten sich, zum Teil halbherzig, indem sie die Verbrechen vorrangig dem Staat zuordneten.

Ein hochinteressanter und schauerlicher Stadtrundgang durch ein dunkles Stück Geschichte. Übersetzt in die Gegenwart und Zukunft lehre dies, wie gefährlich Denunziationen sein könnten, gab Margret Reinecke der Achimer Gruppe mit auf den Weg.

Manfred Brodt