Gräber stumme Zeugen einer leidvollen Geschichte

 

Von 1867 bis 1935 fanden auf dem jüdischen Friedhof Beerdigungen statt / Dann war Achim „judenfrei“

Achim. Wer den jüdischen Friedhof im Norden Achims „An der Eisenbahn“ betritt, spürt bald, dass die 61 Grabsteine stumme Zeugen einer langen und leidvollen Geschichte sind.

Nachdem Juden aus Bremen vertrieben worden waren, siedelten sie sich im 19. Jahrhundert auch in Achim an. Die kleine jüdische Gemeinde, zu der auch Hemelingen gehörte, wuchs stetig. 1874 errichteten sie auf dem Privatgrundstück von Elias Moses Alexander ein schlichtes Synagogengebäude (heute Synagogenweg/Anspacher Straße), Gleichzeitig legten sie einen 1000 Quadratmeter großen Begräbnisplatz vor den Toren des Ortes jenseits der Eisenbahnschienen an. Bis dahin existierten nahe Friedhöfe nur in Hastedt und Hoyerhagen.

Die ersten Beerdigungen in Achim fanden 1867 statt für Adolph Alexander und Jacob Alexander, gefolgt 1869 bis 1871 von Caroline und Moses Alexander. Die verwitterten Grabsteine sind auf dem Friedhof noch zu sehen und ihre Inschriften noch zu entziffern.

Das letzte und damit jüngste Grab stammt aus dem Jahr 1935 und gehört Alfred Heilbronn. Davor waren 1932 noch Nathan Anspacher, Setta Heilbronn und Nathan Pels beerdigt worden.

Spätere Bestattungen blieben nicht etwa aus, weil der Friedhof keinen Platz mehr geboten hätte, sondern weil bis dahin wenige Achimer Juden rechtzeitig ausgewandert und die anderen später in Vernichtungslager verschleppt und fast alle dort ermordet wurden.

67 Juden zählte man 1875 in Achim, 73 in 1907 und 61 noch 1928. Von 37 Juden in 1933 verringerte sich ihre Zahl bis 1939 auf 15. Für 1943 gibt die Statistik an: „Keine.“ Achim war judenfrei, wie es im Wörterbuch des Unmenschen hieß.

Das

Das älteste Grab

Erinnerung an den Holocaust

Das letzte und jüngste Grab.

Die letzte Ruhestätte. Erinnerung an eine leidensvolle Zeit. Fotos: Brodt

Nur noch eine kleine Gedenkstätte auf dem Friedhof mit  Hecken als Judenstern erinnert an die Juden, die nach 1935 um ihr Leben gebracht wurden.

Vor der Nazityrannei hatten die gut integrierten Juden, die zum Beispiel Viehhändler, Schlachter, Lehrer oder Textilhändler waren, zum Leben in Achim gehört und es in Vereinen zum Beispiel kulturell bereichert. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war die jüdische Schule in der Georgstraße als öffentliche Schule zugelassen worden, nachdem sie zunächst als reine Religionsschule und ab 1855 als private Elementarschule geführt worden war. 1928 schlossen sich die Ottersberger Juden ihr an. Die Gräber der Lehrer Adolf Rothschild und David Erle erinnern noch heute an die Schule.

Ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof ist gewidmet „den Helden, die für ihr Vaterland starben“. Es sind die Juden Hugo Seligmann, Julius Wolff, Samuel Aller und A.D. Blumenthal, ihr Vaterland natürlich Deutschland.

Während der Nazibarbarei wurde der Friedhof der Juden durch Tierbestattungen entehrt und verwüstet. Die politische Gemeinde wollte ihn zu ertragreichem Ackerland umwandeln. Vor der Zertrümmerung der Grabsteine sollte aber erst noch ihr Wert geschätzt werden. Nur weil man das bis Kriegsende nicht schaffte, sind sie erhalten geblieben. Die englischen Besatzer legten nach dem Krieg Achimer Nazigrößen als Strafarbeit auf, den Friedhof wiederherzustellen. Schmierereien zum Kriegsende bis weit in die Nachkriegszeit hinein zeigten aber, dass der Ungeist nicht gänzlich verschwunden war.

Ein jüdischer Friedhof heißt „Bet ha-Chajim“, Haus des Lebens, denn nach der Religion des Judentums verliert mit dem Tod nur die Seele ihre körperliche Hülle und geht zu Gott zurück, der das Leben geschenkt hat. Gräber sind oft in West-Ost-Richtung mit den Füßen gen Osten ausgerichtet, damit der Begrabene bereit ist zur Auferstehung und ewigem Leben, wenn im östlichen Heiligen Land, in Jerusalem, der Messias erscheint. Das Grab gehört so ewig dem Toten und ist unantastbar.

Blumenschmuck passt nicht zu Gräbern der Juden, eher ein paar Steine als Zeichen der Ewigkeit.  Friedhöfe werden nicht besonders gepflegt. allerdings meinte auch der Verband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, dass der Achimer Friedhof doch arg verwildert war. So ist man sehr dankbar, dass der Badener Wolf Wendel in vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit in den 2000er Jahren ihn vielleicht sogar zu schön gemacht hatte. Heute hat die Stadt die Grünpflege übernommen.

Die letzte Führung auf dem Friedhof fand statt am „Tag des offenen Denkmals“ im Jahre 2018.   Schon seit längerer Zeit bleibt die letzte Ruhestätte verschlossen. Wer sie besuchen oder vielleicht sogar eine Führung möchte, sollte sich an die Tourist Info im Achimer Rathaus unter Tel.: 04202/2949 wenden und kann so vielleicht einen Termin vereinbaren mit Dr. Stephan Leenen, früher Leiter des Achimer Kultur- und Sportamtes.

MANFRED BRODT

 

 

 

 

Margarete (1888–1942) und Paul Alexander (1884–1942)

Die Familie Alexander lebt seit 1746 als älteste jüdische Familie in Achim. Paul Alexander führt den Die Mühlenbetrieb und den Getreide- und Futterhandel seiner Familie weiter. Sie haben zwei Kinder: Peter(1914-1942) und Lotte (1924-1942). Die Kinder besuchen die Volksschule am Markt. Im Mai 1937 verkauft Paul Alexander seine Anbauerstelle und zieht mit der Familie nach Bremen.

Die Familie wird 1941 ins Ghetto Minsk verschleppt und dort ermordet.

 

Emma (1906–1942) und Albert Anspacher (1887–1942)

Albert Anspacher ist im Viehhandel tätig. Er und sein minderjähriger Sohn Kurt (geb. 1924) werden 1938 in der Pogromnacht wie die anderen männlichen Juden aus Achim nach Bremen verschleppt. Während Kurt am nächsten Tag nach Hause kommt, muss Albert noch für einige Zeit in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Kurt besucht die Achimer Volksschule und die Mittelschule, bis ihm 1938 der Schulbesuch verboten wird.

Die Familie wird 1941 nach Minsk deportiert. Während Emma und Albert ermordet werden, muss Kurt noch zehn Konzentrationslager erdulden, bis er 1945 krank aus dem KZ Dachau entlassen wird. Er wandert nach Amerika aus, ändert dort seinen Namen in Curt Parker und stirbt 2012 in den USA.

 

Margarethe(1906–1942) und Paul Anspacher (1895–1942)

Paul ist ein Bruder von Albert und Carl Anspacher und arbeitet mit ihnen zusammen im Viehhandel bis zum Berufsverbot im Jahre 1938. Er wird 1934 in Achim verhaftet, weil er die arische Abstammung eines Nationalsozialisten angezweifelt hatte, wurde wegen seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg aber „nur“ zu einem Monat Gefängnis verurteilt.

Margarethe und Paul Alexander werden im Ghetto Minsk ermordet.

 

Lilli (1897-1942) und Carl Anspacher (1891-1942)

Carl Anspacher übernimmt von seinem Schwiegervater Adolf Pels den Pferdehandel und ist der letzte Synagogenvorsteher in Achim. Carl und Lilli haben zwei Kinder: Günter und Liesel.Liesel (1924-1942) geht in Achim zur Schule und besucht bis 1938 die Mittelschule. Ab diesem Zeitpunkt ist es allen jüdischen Kindern verboten, weiter zur Schule zu gehen. 2016 wird die Achimer Hauptschule nach ihr benannt. Jetzt steht ein Gedenkstein mit ihrem Namen an der Integrierten Gesamtschule in Achim.

Günter (geb. 1922) wird ebenfalls ins Ghetto nach Minsk gebracht. Von dort soll er mit einer russischen Widerstandskämpferin geflüchtet sein. Genaue Infos über sein Schicksal sind nicht bekannt. Wegen seiner Flucht werden alle Anspachers am nächsten Tag ermordet; nur Kurt Anspacher überlebt.

 

Emma Baumgarten (1881–1942)

Ihre Familie ist im Braugewerbe tätig und wohnt in der Brauerstraße. 1937 verkauft Emma, die zu der Zeit allein in Achim lebt, das Haus an die Gemeinde Achim. Dort entsteht später das Gemeinschaftshaus der NSDAP in Achim.

Emma wird ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

 

Lina (1868-1942) und Louis Friedemann (1871-1942)

Lina und Louis kommen 1913 nach Achim. Vater und Sohn Ernst(1899-1942) sind Kaufmänner. Sie werden zusammen mit Louis Ehefrau Lina und der Tochter Ilse Löwenthal, geb. Friedemann (1904-1942) im Ghetto Minsk ermordet.

 

Lucie (1903–1942) und Erich Harf (1905–1942)

Die Familie ist von 1930 an in Achim angesiedelt. Sie haben zwei Söhne: Hans Günther (1931–1942) und Martin Samuel(1931 – 1942). Erich Harf arbeitet im Viehhandel.

Die Familie wird im Ghetto Minsk ermordet.

 

Mathilde (1882–1940) und Siegfried Heilbronn (1881-1948)

Die Familie Heilbronn siedelt sich 1879 in Achim an. Sie haben eine Schneiderei und ein Manufakturgeschäft. Siegfried Heilbronn wird während des Ersten Weltkrieges mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Das Ehepaar hat vier Kinder: Paula(*1911), Hans (*1913) und Kurt(*1914) und Rosi(*1918). 1933 wird auch dieses jüdische Geschäft von den Nationalsozialisten boykottiert.

Kurt Heilbronn wandert 1934 nach England aus. Ihm folgt der Bruder Hans 1937. Rosi heiratet 1938 in Bremen Willi Podell (*1912-?). Rosi und Paula flüchten mit ihren Ehemännern in die USA. Mathilde und Siegfried fliehen 1939 nach Manchester. Dort stirbt Mathilde. Siegfried setzt die Flucht nach Amerika fort, wo er 1948 stirbt.

 

Hermann Kaufmann (1874-?)

Hermann Kaufmann kommt 1925 nach Achim, weil er von der hiesigen Synagogengemeinde als Lehrer und Vorbeter angestellt wird. 1936 verbieten die Nationalsozialisten den Unterricht an der Marktschule.

1939 verlässt Kaufmann Achim und zieht nach Siegburg. Sein Schicksal ist unbekannt.

 

Adolf Pels (?)

Seine Familie zieht 1868 nach Achim. Sie betreibtdas Gewerbe der Fleischerei. Adolf übergibt sein Geschäft in den 30er Jahren an seinen Schwiegersohn CarlAnspacher und wandert nach Amerika aus.

 

Jenny (1888–1942) und Albert Seligmann (1869–1942)

Albert heiratet 1894 Jenny Alexander. Sie haben zwei Söhne: Hugo (1895-1915) und Wilhelm. Albert übernimmt die Schlachterei seines Schwiegervaters Jacob Alexander und ist 1913 bis 1932 Obermeister der Schlachterinnung des Kreises Achim. Er dient mit seinem Sohn Hugo als Soldat im Ersten Weltkrieg. Hugo stirb in diesem Krieg. Albert tritt der Deutschen Demokratischen Partei bei. Er wehrt sich mehrmals gegen die Schikanen der Nationalsozialisten.

Sein Sohn Wilhelm ist im örtlichen Fußballverein integriert. Er heiratet und bekommt mit seiner Frau Selmaeine Tochter: Johanna. Sie wird von anderen Kindern als „Judensau“beschimpft und mit Steinen beworfen. Daraufhin flüchtet die Familie 1938 in die USA.

Albert und Jenny Seligmann werden 1942 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und später im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

 

Edith Bielefeld

 

Quellen:

Beermann, G. u. a.: Jüdisches Leben in Achim, Achim 1994

Voß, Andreas: Die jüdische Gemeinde in Achim, Achim 2004

 

 

Stolpersteine

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